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TV-Kritik: „Wetten, dass..?“ : Vollgas in den Himmel

  • -Aktualisiert am

Gut gelaunt bis zum Schluss: Moderator Markus Lanz Bild: AP

Die letzte „Wetten, dass..?“-Sendung aus Nürnberg war eine würdige Abschiedsvorstellung, die noch einmal deutlich machte, wie gemütlich Fernsehen sein kann, aber auch, wie wenig dieses erzlangweilige Format noch in unsere Zeit passt.

          Über „Wetten, dass..?“ scheint alles gesagt. So viele Nachrufe, wie in den letzten Tagen erschienen sind, würde vermutlich nicht einmal das Internet erhalten, wenn es wegen Verlotterung plötzlich dichtgemacht würde. Der Tenor der Nachrufe war eindeutig: Wehmut ist erlaubt, ja national-kulturell gefordert (der letzte Wurmfortsatz der alten Bundesrepublik wird gekappt), aber die Richtigkeit der Entscheidung des ZDF stellte niemand in Frage. Es gab keine Hoffnung mehr, dass dieser Patient noch einmal aus dem Koma erwachen würde. Das Abstellen der Geräte trotz immerhin noch sechs Millionen Zuschauern kommt dem Erweis der letzten Ehre gleich.

          Ruhe in Frieden, du altes, bräsiges Unterhaltungsformat, und erinnere uns nicht länger daran, dass wir dich einmal geliebt haben, obwohl du eigentlich nie anders warst (aber wir). Wir werden es überleben, wenn am Samstagabend keine Deckchen mehr von zwei Baggerschaufeln gehäkelt oder fünfzig verschiedene Politiker am Geruch erkannt werden. Wir sind jetzt groß.

          Von Anfang an ein Unfall

          Erstaunlich wenig war in den Würdigungen von der formalen Singularität von „Wetten, dass..?“ die Rede, die singulär vor allem deshalb blieb, weil sie eigentlich von Anfang an ein Unfall war, eine Missbildung, ein Geburtsfehler. Die zwei Welten, die diese Show umfasste, kamen nie zusammen. Auf der einen Seite standen die Wettkandidaten, Hinz oder Kunz aus dem gemeinen Volk, auf der anderen die wettenden, aber eigentlich ziemlich überflüssigen Prominenten. Sie waren nur da, um sich und ihre Produkte zu bewerben, was nicht einmal ein Geheimnis war. Sofern letztere das Prinzip der Sendung überhaupt verstanden haben, was bei vielen internationalen Gästen bezweifelt werden darf, brachten sie es doch nur selten fertig, glaubhaftes Interesse an dem Geschehen jenseits des Prominentensofas zu heucheln. Und bei den Wetten wurde irgendwann nur noch das Dekor ausgetauscht, weil alles in der einen oder anderen Form schon dagewesen ist.

          Jan Josef Liefers, Wotan Wilke Möhring und Moderator Markus Lanz (von links) in der letzten Sendung von „Wetten,dass...?“.

          Was man sich vielleicht einmal als Win-Win-Situation vorgestellt hatte, wurde zum allmonatlichen Nachweis der prinzipiellen Unvereinbarkeit beider Sphären. Volk und Medienadel hatten sich einfach nichts zu sagen. Schlimmer noch: Die Rührung, das Gestammel, die auswendig gelernten Floskeln der Kandidaten, wenn ihnen ein (dazu gezwungener) Hollywood-Star kurz auf die Schulter klopfte, das waren immer die bedrückendsten Momente von „Wetten, dass..?“ Dabei konnte keine der beiden Seiten etwas dafür. So sind die Regeln des Showgeschäfts, Hinz und Kunz kommen da nicht vor.

          Für skurrile Wetteinsätze war die Show bekannt: Hier bekommt Elton Leberwurst auf die Backe geschmiert, die er sich von einem Hund ablecken lassen muss.

          Es spricht für Markus Lanz, dass er in der allzeit letzten „Wetten, dass..?“-Sendung gegensteuerte, so gut es ging, und wenigstens die Illusion einer Zusammengehörigkeit erweckte. Bei den fünf Wetten, die übrigens alle gewonnen wurden, standen nicht große Gerätespektakel im Vordergrund, sondern charismatische Personen, die wirklich etwas konnten, wenn man einmal von der Cheerleader-Truppe gleich zu Beginn absieht, die lediglich ein bisschen Akrobatik vorturnte und offenbar jugendliches „Topmodel“-Flair in die Sendung bringen sollte. Doch die Buchstabenanzahl eines beliebigen vorgelesenen Textes vor dem inneren Auge mitzuzählen, wie das Thomas Egold aus Königsdorf vormachte, oder – nicht minder beeindruckend – per selbst antrainierter Echolotung Puzzleteile am Schallrückwurf zu erkennen, wie das der blinde Schüler Dave Janischak zeigte, das waren Wetten wie in der guten alten Zeit, von denen eine gewisse Magie ausging.

          Wettkönig wurde allerdings jener junge Mann, der eine der lautstarken, aber nicht sonderlich interessanten Mensch-Maschine-Wetten im Angebot hatte. Er legte den Hin- und Rückweg zum Dach eines Parkhauses als Fassadenkletterer schneller zurück als der Rallyefahrer Sébastien Ogier mit seinem PS-Monster, der Auffahrt und Abfahrt benutzte. Sportlich sicher eine Leistung. Aber Magie hatte das nicht.

          Besondere Akrobatik, nicht für den häuslichen Gebrauch: Die Maniacs Cheerleader haben gewettet, Wäschestücke im Flug aufhängen zu können

          Vor allem aber hatte Lanz kein internationales Star-Aufgebot bestellt – wieder mit einer Ausnahme, die aber völlig in Ordnung geht, wenn es sich dabei um einen so duften Typen wie Ben Stiller handelt, der selbst mit einem nach Leberwurst stinkenden Elton (ach, diese Wetteinsätze) und einem auf seine Kosten blödelnden Otto Waalkes auszukommen weiß. Stiller hatte freilich auch nicht viel zu tun, denn die meisten Fragen zu seinem Film „Nachts im Museum 3“ ließen sich mit einem knappen „Ja“ beantworten: „Sie spielen eine Doppelrolle?“ „Das war der letzte Auftritt von Robin Williams?“ „Ihr Grund, überhaupt mit Filmen anzufangen, war ‚Der weiße Hai‘?“ „Ihre Eltern stammen von österreichischen Einwanderern ab?“ Er musste dann aber noch ein paar Mundartwörter nachsprechen. Mordsgaudi. Dafür fliegt man als Hollywood-Star doch gerne über den großen Teich.

          Ein Anflug von Anarchie

          Ansonsten aber war das ein Abschied im Kreise der engeren Fernsehfamilie, Sternchen statt Stars, allein drei „Tatort“-Kommissare gehörten zu dieser letzten Runde. Weiterhin fiel die Clowndichte auf: Otto Waalkes und Elton wurden schon erwähnt. Anekdoten-König Olli Dittrich gab noch einmal (wie zu Urzeiten) den Außenwetten-Reporter. Außerdem war „Wetten, dass..?“-Hardcore-Fan Bully Herbig gekommen, der nicht einmal etwas zu bewerben hatte, dafür aber mit Otto gemeinsam ein Ständchen nach der Melodie von Frank Sinatras „My Way“ brachte: „Für Markus Lanz/ ist heute Schicht./ Wird er bezahlt?/ Ich hoffe nicht./ Auf jeden Fall/ sagen wir euch was:/ Wir sehen uns wieder,/ wetten, dass..?“ Auch Wotan Wilke Möhring und Jan Josef Liefers (die durchaus Filme zu bewerben hatten) waren knuffig gelaunt.

          Das Wiedersehen mit Samuel Koch, der vier Jahre zuvor in der Show verunglückt war, berührte die Zuschauer am meisten

          Wie Elton, Bully und Otto die niedliche, aber natürlich auch dusselige Kinder-Hunde-Wette – Erkennen des Hundes am Leberwurstableckverhalten – mit Witzen bombardierten und beinahe sabotierten, das konnte sich sehen lassen. Natürlich fielen die drei vor Lachen fast von der Bank, als der siebenjährige Wettkandidat ganz unschuldig die Kriterien „leckt zart“ und „leckt wild“ vorbrachte. Auch Markus Lanz wurde jetzt frecher, ironischer, besser. Als etwa Elton brummelte, er wolle den jungen Hundefreund gerade dadurch anspornen, dass er nicht an dessen Erfolg glaube und also gegen ihn wette, kommentierte Lanz trocken: „Okay, das ist auch eine Art speziell kleine Kinder zu motivieren.“ Plötzlich wollten alle auf Scheitern des kleinen Jungen wetten, was jeder Erwartung entgegenlief. Kurz (sehr kurz) dachte man: Vielleicht kommt ja in der allerletzten „Wetten, dass..?“-Sendung zum allerersten Mal ein wenig Anarchie auf.

          Dürre Gespräche

          Großes Samstagabendfernsehen kann diese dreieinhalbstündige Nürnberger Show, die mit „Und los“ von den Fantastischen Vier begann und mit „Zeit zu gehen“ von Unheilig (der letzte Fernsehauftritt des Grafen) endete, trotzdem nur sehr bedingt genannt werden. Die gar nicht mal übermäßig vielen Rückblicke waren wohl nicht zu vermeiden und teils sogar recht amüsant, aber die Gespräche kamen doch nur schwer in Gang und blieben allesamt belanglos. So gut wie jeder Gast – angefangen mit Thomas D. von den Fantastischen Vier – strich dabei heraus, wie prägend es gewesen ist, einst als Kind im Schlafanzug vor „Wetten, dass..?“ gesessen zu haben und irgendwann eingeschlafen zu sein. Das konnte diesmal auch Erwachsenen passieren, wenn etwa die ehemalige Eiskunstläuferin Katarina Witt oder der ehemalige Skirennfahrer Hermann Maier live, aber ohne Farbe in ihren Erinnerungen an frühere Besuche kramten. Immerhin will Kati Witt dabei die fundamentale Einsamkeit Michael Jacksons daran erkannt haben, dass dieser, Gast in derselben Sendung wie Witt, an einer Plastikblume gerochen habe.

          Noch dürrer war nur die – diesmal pointenlose – Anekdote Olli Dittrichs, der davon schwärmte, an diesem Tag sogar beobachtet zu haben, wie Michael Jackson hinter der Bühne verkabelt wurde: „Ich stand so drei, vier Meter von ihm entfernt, und konnte ihm nur so zugucken, wie der so stand und so guckte. Und ich dachte: Mensch, der steht da nur und groovt irgendwie.“ Man hätte die Sendung jedenfalls gut auf zwei Stunden zusammenschneiden können.

          Fromme Wünsche zum Ende der Show: Eiskunstläuferin Katarina Witt und Ski-Champion Hermann Maier

          Es ist wahrlich nicht leicht zu erklären, warum Millionen Menschen fast 34 Jahre lang eine nur mäßig unterhaltsame Unterhaltungsshow angesehen haben: eine Geschmacksverirrung in der Jugend vielleicht, die zur Gewohnheit geworden ist. Absolut unerklärlich aber ist im Hier und Heute der Erfolg Helene Fischers: die Geschmacksverirrung der heutigen Jugend. Bevor auch sie, diesmal erstaunlich züchtig gekleidet, sich aufs Plaudersofa pflanzte und einige Plattitüden beisteuerte, musste sie natürlich singen. Die blonde Heulboje, die den ohnehin nicht gerade feinsinnigen deutschen Schlager auf ein neues Niveau abgesenkt hat, schmachtete sich zu schmieriger Melodie und schmalziger Orchesterbegleitung durch ihren Hit „So kann das Leben sein“, von dem vor allem die irgendwie zum Abend passende Zeile „Und dann Vollgas in den Himmel“ hängen blieb.

          Bewegendes Ende

          Am Ende wurde es für die Zuschauer, die noch nicht eingenickt waren, noch einmal bewegend: Der vor vier Jahren bei einer Wette verunglückte und seither querschnittsgelähmte Samuel Koch besuchte erstmals wieder eine „Wetten, dass..?“-Sendung. Gekommen war er mit dem recht schweigsamen Til Schweiger, in dessen Film „Honig im Kopf“ er eine kleine Rolle spielt. Markus Lanz‘ Frage, ob Koch den letzten vier Jahren etwas Sinnhaftes abgewinnen könne, schien arg deplatziert. Aber der Gast nahm sie nicht übel, denn seinen Humor hat er offenbar nicht verloren. Er sei nur vorbeigekommen, um „noch einmal richtig Abschied zu nehmen“, beim letzten Mal habe er leider „frühzeitig gehen“ müssen: „Ich hatte einen steifen Hals.“ Im Rückblick erscheint der Unfall Samuel Kochs als Anfang vom Ende von „Wetten, dass..?“, denn Thomas Gottschalk hatte bald darauf seine Moderation niedergelegt und es begann die Ära des Insolvenzverwalters Lanz.

          Solide Spaßmacher: Otto Walkes und Michael Bully Herbig

          Den Tränen nah verabschiedete sich Markus Lanz nach einer insgesamt doch recht würdigen Abschiedsvorstellung schließlich von seinem treuen Restpublikum, das von nun an ohne leberwurstleckende Hunde und purzelbaumschlagende Gabelstapler auskommen muss, wenn auch natürlich nicht ohne all die Sofaplattsitzer, die nun eben in anderen Kulissen Nichtigkeiten austauschen und furchtbare Schlager singen werden. Mit der Eurovisionshymne wurde der Sack dann zugemacht, ging ein Stück Kulturgeschichte zu Ende, keines, auf das man allzu stolz sein müsste. Aber einen wehmütigen Seufzer darf man dem alten Wettvorleger doch hinterherschicken: Man konnte bombig mit dir einschlafen.

          Am Ende der Show wurde Lanz dann doch etwas wehmütig

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