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TV-Kritik „Wenn es am schönsten ist“ : Vater macht sich immer vom Acker

  • -Aktualisiert am

Zehn Jahre hatten sie keinen Kontakt, jetzt sitzen sie da und wissen nicht, wie lange noch: Peter (Heino Ferch) und sein Sohn (Max Hegewald) Bild: Marion von der Mehden

Ein Männerporträt, das drei Generationen umfasst: Mit „Wenn es am schönsten ist“ zeigt das Zweite eine vorsichtige Annäherung zweier im Familienkampf Versehrter - ein Melodram ohne Peinlichkeitsfaktor.

          Bei Heinz Rühmann war die Alleinerziehendenwelt im Film noch in Ordnung. Wenn da der Vater mit dem Sohne lebte, dann gab es keine Mutter, die war der Vater gleich mit. Dann gab es nach dem Ins-Bett-Bringen leises La-Le-Lu-Singen, bis selbst der Mann im Mond genug davon hatte und das müde Haupt des Kindes wundersam geborgen auf das Kissen sank.

          Von solchen Lügen ist das moderne Familienfernsehen weit entfernt. An der Tagesordnung stehen scheiternde Beziehungen, Patchwork, frühe Liebe, späte Liebe, gar keine Liebe, Unordnung und frühes Leid. Auch Johannes Fabricks neuer Film „Wenn es am schönsten ist“ ist so ein Familienfilm. Wieder ein Melodram, das die größten Themen bewegt, die Liebe und den Tod; der mit Emotionen nicht sparsam, sondern nahezu verschwenderisch, aber immer glaubwürdig umgeht. Ein Film mit vielen, auch schmerzhaften Dialogen, in dem auch das Ungesagte und das Unsagbare eine immense Kraft entwickeln. Und ein Männerporträt, das drei Generationen umfasst. Großvater, Vater und Sohn. Oder eben zweimal Vater und Sohn und ihre schwierigen Beziehungen.

          Heino Ferch spielt Peter. Er ist Dreh- und Angelperson dieser Geschichte, und Ferch spielt seine Rolle ohne Rücksicht auf Verluste, als Zentrum der Abwesenheit. Abhauen, so Peters geschiedene Frau Sabine (wunderbar: Birge Schade), konnte Peter schon immer am besten. Obwohl auch er seine Rühmann-Momente hatte. Aber Frühstück machen, Legolandschaften bauen, Lagerfeuer anzünden, Fahrrad fahren beibringen und zum richtigen Zeitpunkt loslassen - das sind seine unerfüllten Sehnsüchte.

          Zwei im Familiennahkampf Versehrte

          Nichts davon hat Peter gemacht. In der Wirklichkeit von „Wenn es am schönsten ist“ hat er seit fast einem Jahrzehnt den Kontakt zu seinem Sohn Lukas (wund und wunderbar: Max Hegewald) abgebrochen. Das Verhältnis zur Mutter fand er zu schwierig, nachdem er aus der Vorstadthölle ausgebrochen war und zu einem entspannteren Umgang nicht finden konnte. Weil mit der Ehe nicht nur eine Liebesbeziehung gescheitert war, sondern auch danach unablässig von beiden Seiten Lebenskonzepte gegeneinander ins Feld geführt wurden. Auf Kosten des Kindes.

          Briefe hat Peter dem nun Achtzehnjährigen geschrieben und nie abgeschickt. Er hat sich gedrückt. Findet auch Peters Vater Georg (Friedrich von Thun), der mit seiner Frau Lene (Barbara Focke) in einem harmoniesüchtigen Stillhalteabkommen lebt. Nur mit Schwester Marie (Lisa Karlström) versteht Peter sich leidlich. Sie lässt ihn sein, wie er ist. Rebellisch, cool, unkonventionell, kindisch und bockig. Als Georg neben Peter auch Lukas zu seinem Geburtstag einlädt, um eine Familienzwangszusammenführung zu erreichen, flieht Peter, will Lukas wenig später aber doch kennenlernen. Lukas, randvoll mit Wut und Enttäuschung, lässt sich nur zögernd darauf ein.

          Ausflug der Patchworkfamilie: Hanna (Julia Koschitz), Peter (Heino Ferch) und Lukas (Max Hegewald)

          Wie Heino Ferch und Max Hegewald diese vorsichtige Annäherung zweier im Familiennahkampf Versehrter spielen, sucht seinesgleichen und wird durch die Kameraführung von Helmut Pirnat auch bildlich hochemotional, aber gleichermaßen schlicht und klar anschaulich. Vater und Sohn entdecken ineinander auch sich selbst. Und werden erwachsen, ebenso wie Peters Exfrau. Bis Peter, der einsame Wolf, mit Hanna (wunderbar: Julia Koschitz), eine neue Liebe findet und für einen imaginierten Moment die ganze Familie um einen Tisch versammeln kann.

          Tragisch und zum Lachen

          Kurz darauf macht er sich endgültig vom Acker. Diesmal haut er nicht ab, sondern stirbt an Leukämie. So viel Fallhöhe muss sein in den Filmen von Johannes Fabrick, um die Rechnungen von menschlichen Gewinnen und Verlusten aufzumachen. Furchtbar peinlich könnte das werden, aber man glaubt dem Film jede Träne. Am Ende, und das ist ein großes, aber nicht das einzige Verdienst des Drehbuches von Astrid Ruppert, verzichtet der Film darauf, Bilanz zu ziehen. Das Szenenbild (Thilo Mengler) definiert dafür sehr gelungen die unterschiedlichen Milieus mit ihren je eigenen Wertvorstellungen.

          Vor allem aber ist hier der Exmann und Vater, obgleich er seinen Sohn vor Jahren im Stich gelassen hat, anders als in der öffentlichen Wahrnehmung einmal nicht der schlechthin Böse. Auch die ehemalige Ehefrau und Mutter hat nicht eigentlich Schuld. Niemand war erwachsen, und das war’s. Das ist tragisch und in diesem besonders gelungenen Fall zum Lachen (die Szene im Bestattungsinstitut!) und zum Weinen gleichermaßen.

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