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TV-Kritik „Wahlnacht“ : Der Enthusiasmus des Schlechtfindens

  • -Aktualisiert am

Amerikanische Wahlnacht im ZDF-Studio Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Noch ist das Rennen um das Weiße Haus offen. Während im ZDF immer wieder Unfug die Hängepartie begleitet, punktet das Radio mit seinen erfahrenen Korrespondenten.

          Wie hangeln sich das Wahlstudio des ZDF und der Hörfunk durch die Ungewissheit? Mit vielen Einspielern, sachkundigen Gesprächen im Radio, mit etwas zu viel Entertainment beim ZDF, obschon diejenigen, die in Deutschland diese Nacht wach bleiben, auf Quizshow-Einlagen (ZDF) und Musik (DLF) gut verzichten können.

          Die Ungewissheit befördert, kein Wunder, ein Rhetorik-Bingo („viel ist noch offen“, „alles ist noch mit Vorsicht zu betrachten“, „die Nacht ist noch lang“). Auf halber Strecke wächst die Nervosität und Furcht vor einer wahrscheinlicher werdenden Niederlage Hillary Clintons. Miriam Meckel resümiert im ZDF die Wahlkampagnen in den sozialen Medien. Beide Kandidaten brachten Roboterhorden gegeneinander in Stellung, weit entfernt von dem Enthusiasmus, den Barack Obama 2008 und 2012 entfachen konnte. Die Stimmen sind heute schrill und unversöhnlich. Das Demokratieversprechen von Social Media scheint gegenstandslos geworden zu sein. In den beiden Kampagne haben sich Twitter und Facebook in Megaphone verwandelt, durch die sich die Kandidaten und ihre Gefolgschaften gegenseitig anbrüllen. Trump wirkt darin authentischer, Clinton abgehoben.

          Schaustens Unsinn

          Welchen Sinn hat in diesem Kontext Bettina Schaustens Frage, wen die Deutschen wählen würden? Gar keinen. Kein amerikanisches Gericht wird die deutschen Wahlpräferenzen auch nur zur Kenntnis nehmen. Bemerkenswerter sind die Daten aus Amerika, wonach 44 Prozent der Clinton-Wähler die Lage gut, 54 Prozent schlecht finden. Der Enthusiasmus des Schlechtfindens schlägt bei den Trump-Anhängern deutlicher aus, was den historischen Trend ins Licht rückt, dass nach acht Jahren einer Präsidentschaft das Pendel oft und fast wie unvermeidlich ins Gegenlager schwenkt.

          Radio punktet mit Korrespondenten

          Im ZDF-Studio erinnert Amerikas Botschafter Emerson daran, dass vier der letzten fünf Wahlen äußerst knapp ausgegangen seien. Ob nach dem konfrontativen Wahlkampf von Trump eine Versöhnungsgeste zu erwarten ist, kann man getrost bezweifeln. Das ZDF zeigt seine Stärken durch Einspieler. Das Radio kann durch bewährte Hintergrundinformationen seiner erfahrenen Korrespondenten mithalten.

          Das ZDF setzt zudem auf ein Studio mit vielen prominenten Gästen, unter ihnen Gary Smith, langjähriger Direktor der American Academy in Berlin. Smith wertet die negative Kampagne Donald Trumps als Erfolg, denn mit dieser Methode habe Trump auch alle anderen Kandidaten der Republikaner aus dem Weg geräumt.

          Es wirkt unfreiwillig komisch, wie Graf Lambsdorff die Lage beschreibt, wenn Trump die Wahl tatsächlich gewinnt. Die vollkommen offene Frage ist, welches Personal er von der ersten bis in die vierte Reihe der Bundesregierung bringen und welche Unterstützer er wie belohnen wird.

          Trump - Amerikas Dieter Bohlen

          Keiner scheint darauf vorbereitet zu sein, dass Trump die Wahlen gewinnen könnte, keine gute Voraussetzung für die Politik, eine bedrückend gute für das politische Kabarett. Was die Schwarzen und die Latinos zu einem Präsidenten Trump sagen werden, steht auf einem anderen Blatt.

          Clintons Kampagne wirkt in dieser Nacht wie eine vergebliche Beschwörung. Sie scheint außer Acht gelassen zu haben, dass sie von der konservativen Seite kaum Wechselwähler für die Demokraten gewinnen konnte. Deshalb wirkt die Stimme der bayerischen SPD-Politikerin Renate Schmidt im Deutschlandfunk wie ein Menetekel, als sie Charisma als ein Gefühl beschreibt, das man anderen entgegenbringt. Davon war bei Clinton wenig zu spüren.

          Die Entertainerin Gayle Tufts lebt seit vielen Jahren in Deutschland. Sie beschreibt im ZDF Trump als eine Kreuzung zwischen Dagobert Duck und einem Pegida-Anhänger. Sie versteht nicht, warum Trump in den deutschen Medien immer als „Immobilienmogul“ bezeichnet wird. Tatsächlich sei er ein TV-Star, so gemein wie Dieter Bohlen.

          Die Lage ist ungewiss. ZDF und Deutschlandfunk halten das erstaunlich gut aus, wenngleich das ZDF-Studio mit seinen Spaßeinlagen schlecht darauf vorbereitet zu sein scheint, dass es am Ende dieser Nacht nichts zu lachen geben könnte.

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