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TV-Kritik : Terror statt Fußball

Lebensgefahr statt Spaß am Fußball: Absperrband der Polizei am Dienstagabend in Hannover Bild: Reuters

Das Freundschaftsspiel Deutschland gegen Holland war als Demonstration der Stärke und des Widerstands gedacht. Dann kommt die Absage – und für die Fernsehsender wird es dramatisch. Sie demonstrieren, wie Verunsicherung aussieht.

          Die Franzosen und die Engländer spielen Fußball, die Niederländer und die Deutschen tun es nicht. Im Wembley-Stadion wird die Marseillaise gesungen, in der Arena in Hannover herrscht Leere. Weil es einen „ganz konkreten Verdacht“ gibt, dass an diesem Abend, bei diesem Freundschaftsspiel, ein Sprengstoffanschlag verübt werden sollte, wird die Begegnung anderthalb Stunden vor ihrem Beginn abgesagt. Im Fernsehen, besonders im ZDF, das die Partie übertragen wollte, beginnt nun ein Rätselraten in drei Akten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Nichts Genaues weiß man nicht, aber die Sendezeit muss gefüllt werden, und so kommt jeder einmal dran, um zu sagen, dass man nichts wisse und es keine Bestätigung für irgend etwas gebe. Es darf aber spekuliert werden. Auf den Nachrichtensendern n-tv, N24 und auch bei Phoenix geschieht das ohne Unterlass, bei ARD und ZDF in Etappen. Im Ersten stochert Rainald Becker von Berlin aus im Nebel, beim ZDF sind es Bettina Schausten und Elmar Theveßen. Er vor allem ist beim Zweiten der Mann für solch undankbare Fälle. Theveßen könnte mit zweitem Vornamen auch „Sicherheitskreise“ heißen. Die zitiert er nämlich immer wieder. Was soll er auch anderes tun, er kann ja schließlich nicht seine Quellen verraten. Das macht auch der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Georg Mascolo nicht, der für diesen ominösen „Rechercheverbund“ arbeitet, den die ARD inzwischen bei jeder zweiten Meldung nennt. Auch bei ihm geht es um Sicherheitskreise und um Hinweise, die es „offenbar“ gegeben habe. „Offenbar“ – diese Vokabel hören wir oft an diesem Abend, immer dann, wenn gar nichts offen zu Tage liegt.

          Keine Festnahme, kein Sprengstoff

          Möglicherweise ist ein Anschlag geplant worden. Möglicherweise ist ein sogenannter Gefährder in der Nähe des Stadions von Hannover gesehen worden. Möglicherweise wurde Sprengstoff in einem Rettungswagen gefunden – die Meldung macht mit Hinweis auf die „Syker Kreiszeitung“ als Quelle die Runde und wird wenigstens recht schnell handfest dementiert.

          Um 21.39 Uhr schließlich bestätigt der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius bei einer Pressekonferenz, dass es bislang keine Festnahme gegeben habe und auch kein Sprengstoff gefunden worden sei. Danach haben die Journalisten noch ein paar Fragen, die nichtssagend beantwortet werden, und dann ist Schluss. Um 22 Uhr wollten sie doch alle nach Hause, sagt Pistorius und versucht einen Scherz. Der Bundesinnenminister Thomas de Maizière sitzt da neben ihm schon auf dem Sprung. Er hat gerade gesagt, welche bittere Entscheidung die Absage des Spiels sei. Zu deren Zustandekommen kann er selbstverständlich nichts sagen.

          Doch wer will angesichts des islamistischen Terrors, dem die ganze Welt seit rund zwanzig Jahren ausgesetzt ist, bei einer solchen Gelegenheit von viel Lärm um Nichts reden? Jeden Augenblick kann die nächste Bombe hochgehen und kann der nächste irre Islamist mit der Kalaschnikow ein Massaker anrichten. Da geht man lieber – soweit es eben geht – auf Nummer sicher. Zudem gilt in Deutschland eigentlich mit Blick auf jedes Lebensrisiko eine Null-Toleranz-Politik.

          „So war das nicht geplant“, hat der ZDF-Nachrichtenmann Claus Kleber zu Beginn des Abends gesagt. Geplant war, dass wir um Viertel nach acht nicht ihn, sondern Fußball sehen, dass auch in Hannover die Marseillaise erklingt und Katrin Müller-Hohenstein im Stadion freundlich moderiert und nicht sichtlich angefasst im ZDF-Landesstudio von Hannover sitzt (sie habe dort "Zuflucht" gefunden, sagt der Kollege Kleber dramatisch), um von ihren Ängsten zu berichten. Sie frage sich, sagt Katrin Müller-Hohenstein, „wie das alles weitergehen wird.“

          Wie geht das weiter? In der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ spulen zwei amtlich bestellte Kabarett-Komiker ihr lang vorbereitetes Programm ab. Es geht vor allem um Nazis, auch und immer wieder um den vermeintlich ewigen Nazi ins uns allen. Um den Islamismus und den Terror in Paris muss sich der schnell als Gast hinzugeladene Emmanuel Peterfalvi kümmern, der mit seiner Kunstfigur Alfons, dem französischen Reporter mit dem schönen Akzent, bekannt geworden ist. Er sagt so etwas wie eine moderne Ringparabel auf. Im Ersten geht es weiter mit Sandra Maischberger. Sie zeigt mit zwei kurzen Redeausschnitten aus dem Bundestag vom 18. September 2001, dass sich der Text, den ihre beiden heutigen Gäste Wolfgang Bosbach und Cem Özdemir damals nach den Attentaten in New York und Washington aufsagten, seither kaum verändert und sich die Lage nicht verbessert hat.

          Erleichterung in den Gesichtern?

          Wie geht das weiter? Die Franzosen und die Engländer spielen Fußball und singen die Marseillaise, die Deutschen fahren nach Hause. Fast meint man in all den Gesichtern an diesem Abend so etwas wie Erleichterung zu erkennen. Erleichterung wie nach dem abgesagten Karnevalsumzug in Braunschweig, Erleichterung wie nach dem „Terror-Wochenende“ in Bremen, an dem die ganze Stadt lahmgelegt wurde wegen eines Hinweises auf ein islamistisches Attentat. Erleichterung, dass man davongekommen ist. Man solle sich hüten, jemanden dafür zu kritisieren, dass dieses Spiel in Hannover angesetzt wurde, sagt Claus Kleber schließlich im „heute journal“.

          Wahrscheinlich ist es ebenso angezeigt, sich davor zu hüten, diejenigen zu kritisieren, die das Spiel dann abgesagt haben. Zumal man ja nichts Genaues weiß. Die Hinweise auf das, was wir nicht wissen, heißt es am späteren Abend, sollen vom französischen Geheimdienst gekommen sein. Das hat Gewicht und genau deshalb wird die Information zur Rechtfertigung auch unter die Journalisten gestreut.

          Gewicht hat an diesem Abend, der eine belagerte Stadt zeigt, aber auch das Wort eines Fans, der nicht wie die meisten anderen „ruhig und gesittet“, wie es im Laufe des Abends einmal heißt, nach Hause geht, sondern wütend ist: „Es ist schlimm“, sagt er, „dass diese Menschen gewonnen haben.“ Mit „diesen Menschen“ meint er die Mörder vom IS, die an diesem Abend kein Massaker angerichtet, aber gezeigt haben, welche Macht ihr Terror besitzt.

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