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TV-Kritik „Tatort“ : Vom Pferd erzählt

Die Frau Kommissarin ist zwar im Krankenstand, übernimmt den Fall aber trotzdem: Ulrike Folkerts als Lena Odenthal in einer Szene des „Tatorts“ Bild: SWR/Alexander Kluge

Eine pflichtbewusste Kommissarin schaut sich auch in der Disco der Dorfschenke um. Aber im „Tatort. Die Sonne stirbt wie ein Tier“ glänzt vor allem ein Nebendarsteller.

          Im Mondschein kniet ein nackter Mann am See, lässt ein Messer fallen und schreit seine Verzweiflung in die Nacht. In der nächsten Szene stellt er einer Frau auf dem Heimweg von der Disko nach. Da ist der „Tatort“ mit dem Titel „Die Sonne stirbt wie ein Tier“ noch keine fünf Minuten alt und hat mit Gerd Holler (Ben Münchow) schon einen Tatverdächtigen präsentiert, bevor es eine Leiche gibt.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Holler ist einer, der stottert, wenn er sprechen will, der brüllt und gewalttätig wird, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt. Und er ist ein Stalker. Durch die Balkontür bricht er in die Wohnung seiner Angebeteten ein, riecht an ihrem Bademantel und legt sich in ihr Bett. Später heftet er seinen Blick auf ein Foto, das er heimlich von ihr geschossen hat, und onaniert dazu. Ben Münchow spielt diesen jungen Mann als Wahnsinnigen und tragische Figur zugleich. Holler ist die wichtigste Figur in diesem Lena-Odenthal-„Tatort“ (Buch: Harald Göckeritz, Regie: Patrick Wincewski), alle anderen verblassen neben ihm.

          Unter Pferden und Verdächtigen

          Dass bald eine Leiche auftaucht und ein Täter gesucht wird, ist deshalb so unwichtig wie selten. Ein Pferdepfleger liegt tot im Stall, er wurde erstochen. Zugleich wird auf demselben Reiterhof eine schwerverletzte Stute gefunden. Sie scheint ein Opfer des Pferderippers zu sein, der seit einiger Zeit umgeht und Tiere misshandelt. Holler kommt als Verdächtiger für beide Taten in Frage. Aber was ist mit den Pferdebesitzern - er ein genervter Anwalt, sie eine Hausfrau mit Panikattacken -, die einander belügen und wohl auch die Ermittler?

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          Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) soll sich nach ihrem Burnout eigentlich in der Reha auf dem Land erholen. Aber die Dorfpolizisten wissen, wer sie ist, und holen sie an den Tatort. Dort gibt sie dem leidenden Pferd den Gnadenschuss und den Fall erst einmal an ihre Ludwigshafener Kollegen ab. Dann aber kann sie doch nicht darauf verzichten, bei den Ermittlungen mitzumischen - was Lena Odenthals neue Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) nicht gerade in Begeisterung versetzt. Seit der sechzigsten Folge des „Tatorts“ mit der dienstältesten Kommissarin gehört die junge Ermittlerin zum Team - auch, um ein paar neue Konflikte zu schüren. Die Kommissarin zeigt Kampfgeist, doch oft ist sie allein unterwegs, eine Ermittlerin auf Selbstfindungstrip, die ihre Träume deutet und den Anweisungen ihres Therapeuten folgt.

          Die Selbstbezogenheit der Kommissarin führt zu schwachen Minuten. Dafür ist das Milieu, in dem sie den Täter sucht, treffend gezeichnet. Eine rot-blau ausgeleuchtete Dorfdisko, in der „Atemlos“ von Helene Fischer läuft, das ist durchschnittsdeutsche Ausgehtristesse. Als der Film mit saufenden Bürgerwehr-Pfälzern kurz in Klamauk abzudriften droht, reißt er seine Zuschauer wieder aus der Couchgemütlichkeit. Zartbesaitete und Pferdefreunde sollten an diesem Sonntagabend vielleicht etwas anderes schauen.

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