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TV-Kritik: „Tatort“ : Sie ermitteln im Haus der Lügen und versauen das Büro

  • -Aktualisiert am

Bitte lächeln: Dietmar Bär und Ursina Lardi als harmonisches Duett Bild: WDR/Colonia Media GmbH/Martin Va

Was macht denn der Freddy da? Im Kölner „Tatort“ tanzt Kommissar Schenk in den zweiten Frühling, bis Kollege Ballauf ihm die Leviten liest. Ein erstklassig gespielter Fall mit dichter Atmosphäre.

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          „Kennen Sie Rachmaninovs drittes Klavierkonzert?“, fragt Marita Gerber (Lina Wendel), die zufällig im Haus von Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) wohnende Mutter des Mordopfers, den halbnackten Kommissar, den sie - wie immer das gekommen sein mag - gerade auf der Liege massiert: „Man sagt, das Stück sei so komplex, dass es einen an den Rand des Wahnsinns treibt.“ Für ähnlich komplex müssen die beiden drolligen Kölner „Tatort“-Kommissare ihren neuen Fall halten, denn sie haben zwar schnell rekonstruiert, dass das Opfer, der obdachlose Daniel Gerber (Matthias Reichwald), gleichwohl ein begnadeter Pianist, sich blutend in den Hausflur eines Upperclass-Mietshauses in Köln-Mülheim geschleppt hat, aber was dann geschah, will sich nicht erschließen. Wieso lag seine Leiche später auf der anderen Seite der Stadt am Rheinufer?

          Niemand will dem Verletzten die Tür geöffnet haben, aber hier geht es nicht nur um mangelnde Zivilcourage, sondern vor allem um die vielen kleinen Unstimmigkeiten in den Aussagen der wunderbar überdrehten Mieter in diesem Haus der Lügen. Nach und nach lernen wir sie kennen. Da ist ein herrlich verstrahltes älteres Ehepaar mit Indien-Fimmel und Hörproblemen, ein Eishockeytrainer mit Hormonstau (Robert Gallinowski), eine verhuschte Übersetzerin von „Schund, Wegwerfliteratur“ (Anna Stieblich), die aus gutem Grund nie das Haus verlässt, sowie eine attraktive, alleinerziehende Kunstprofessorin (Ursina Lardi), die den auf der Stelle schwer verschossenen Freddy Schenk (Dietmar Bär) aus seiner Balu-der-Bär-Gemütlichkeit katapultiert. Er macht sich - fliederfarbenes Hemd und lila Schal - gehörig zum Affen, aber das mit höchstem Genuss für sich und uns.

          Detailliebe bis zum Rechtschreibfehler

          Als Verdächtige kommen zunächst drei abgrundtief egozentrische Börsen-Yuppies in Betracht, die - das wissen wir seit der gut ausgespielten Exposition - das Opfer in der Mordnacht gedemütigt haben, aber leider ein gutes Alibi besitzen. Und dann wäre da noch Daniels Exfreundin (Laura Sundermann), eine Cellistin, die wir im grandiosen Funkhaus des WDR auf der Bühne antreffen. Das Funkhausorchester spielt derweil den von Frank Heckel eigens für diesen „Tatort“ komponierten „Tango Colonuevo“ im Astor-Piazzolla-Sound.

          Diese Folge mag nicht zu den überragenden Stücken der Serie gehören, von denen es zuletzt einige gab, aber alles ist erstklassig gespielt, absolut stimmig im Ton und atmosphärisch bis in die Spitzen. Schön verschattet hat der erfahrene Regisseur Andreas Kleinert die Handlung in Szene gesetzt, dunkel, aber nicht finster. Er interessiert sich für die Lebenskompromisse seiner Figuren, für ihre abgeschliffenen Ecken und umgebogenen Kanten, ohne sie je an eine Pointe zu denunzieren. Die Liebe zum Detail in der Ausstattung geht bis hin zu einem nur im Vorüberhuschen sichtbaren „Defeckt“-Schild am Aufzug; tatsächlich mit „ck“.

          Musik als letzte Gegenkraft

          Das Drehbuch stammt von Vielschreiber Jürgen Werner, der sich im Gegensatz zu seinem etwas klischeehaft geratenen, soeben ausgestrahlten „Kripo Bozen“-Abenteuer hier wieder auf der Höhe seiner Krimi-Kunst befindet (aus seiner Feder stammen alle Dortmund-„Tatorte“, aber auch der Kölner „Fall Franziska“). Currywurst gibt es diesmal keine, und die Kollegenwitzeleien sind deutlich reduziert, beschränken sich eigentlich darauf, dass Ballauf dem verliebten Gockel die Leviten liest. Dazu passt irgendwie, dass das Büro der beiden Ermittler ohne Assistentin zur chaotischen Studentenbude mutiert ist.

          Im Abgang wird es immer schwummeriger, in mancher Zuspitzung vielleicht auch arg unwahrscheinlich, aber trotzdem hält der Film seine traurig-traute Grundmelodie einer allgemeinen Verlorenheit bei, über die alles Lächeln oder Geld nicht hinwegtäuschen kann. Allein die Musik ist eine letzte, mächtige Gegenkraft, eben weil sie den Wahnsinn nicht scheut. Und hier ist er dann schließlich auch, der Tanz des Freddy Schenk mit geschlossenen Augen, bärenhaft, schwerfüßig, mit der Eleganz eines nassen Sacks, aber ergreifend ehrlich im befreienden Abschiednehmen. Nun gut, an die ungeheure Schlussszene von Claire Denis’ „Beau Travail“ (1999), in der ein Fremdenlegionär sich ein ganzes Leben von der Seele tanzt, kommt das nicht heran, aber doch so nah, wie das einem „Tatort“ möglich ist.

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