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„Tatort“ Schweiz : Gehen die Kommissare auf Patrouille oder stehen sie Schmiere?

  • -Aktualisiert am

Hoffnungslose Suche: Die Ermittler Reto Flückiger (Stefan Gubser, links), Franz Hofstetter (Andreas Krämer) und Liz Ritschard (Delia Mayer) klopfen an. Bild: ARD Degeto

Der neue „Tatort“ aus der Schweiz schildert das Land als Betonbunker, in dem sich die Einheimischen verschanzen. Für Flüchtlinge gibt es hier nur einen Platz zum Sterben.

          So trostlos in jeder Hinsicht, von den kaltblauen Bildern der Kamera von Felix Novo de Oliveira bis zur suggestiven Musik der Indieband „The Notwist“ und des Komponisten und Sounddesigners Beat Solèr, war noch kaum ein „Tatort“. Das Heim für Asylsuchende ein kalter Betonbunker ebenso wie das Kommissariat in Luzern; Beamte, die Paragraphen herunterbeten, als würden sie ihr tägliches Brot zu sich nehmen; die Straße, in der gedealt wird, bevölkert von verlorenen Gestalten, die, am ganzen Körper zitternd, kein gerades Wort aus dem Mund bringen.

          Mittendrin der Nigerianer Ebi Babatunde (Charles Mnene), zwei Jahre zuvor in die Schweiz gekommen als Uma (Unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender), erkennungsdienstlich behandelt, entwürdigend untersucht wie ein Schwerstkrimineller. Trotz des in der Schweiz durch Volksentscheid verschärften Asylrechts durfte er bleiben - bis zur Volljährigkeit. Die er aber nicht erreichen wird. Als Koksdealer in kriminelle Geschäfte verwickelt, findet ihn die Luzerner Kripo erstochen unter einer Autobahnbrücke: ein weiterer Ort von überwältigender Unbehaustheit. Ratten haben seine Fingerspitzen angeknabbert. Was geschah mit Ebi? Trägt „die Schweiz“, tragen die Auswirkungen der harschen Asylpolitik daran schuld?

          Schaulaufen der Opfer

          Reto Flückiger (Stefan Gubser) ist in diesem Schweizer „Tatort“ weitgehend außer Gefecht gesetzt. Halluzinationen verschmelzen die Bilder von Personen, lähmen ihm das Denken und machen die Trostlosigkeit schwindelig. Seine Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer), dieses Mal der wichtigste Bezugspunkt und emotionale Rettungsanker der Zuschauer, ermittelt engagiert, aber lange Zeit hilflos. Die Nigerianer sind eine geschlossene Gemeinschaft, nur dank eines hilfreichen Übersetzers bekommen die Kommissare Einblicke in die Szene der zum Untätigsein gezwungenen Geduldeten, dank ihm werden aus Fällen Schicksale. Allenfalls das Nötigste tun, verlangt der offiziös agierende Polizeichef Mattmann (Jean-Pierre Cornu). Der Kollege vom Drogendezernat Franz Hofstetter (Andreas Krämer) ist hilfsbereit im Rahmen der bescheidenen zugewiesenen Mittel. Zentrale Figur wird schließlich Jola (Marie-Helene Boyd), ein nigerianisches Mädchen voller Angst und Schweigsamkeit, als Flüchtling offenbar in Italien zur Prostitution gezwungen und von ihren Zuhältern mit einer Tätowierung gebrandmarkt wie Vieh. So viel zum Thema sicheres Drittland.

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          „Schutzlos“ (Buch Manuel Flurin Hendry und Josy Meier, Regie Manuel Flurin Hendry) steht in bester gesellschaftskritischer „Tatort“-Tradition. Die Aufklärung des Mordes an Ebi wird am Ende zur Nebensache, die Lösung des Falls bringt niemandem Erleichterung. Auf das Milieu kommt es an, auf den Kreislauf und das Schaulaufen der Opfer sowie das perfide System derjenigen, die sie in großem Stil ausbeuten. Die Asylsuchenden, die in der Lage wären, aus ihrem Leben noch etwas zu machen, müssen hier auch scheitern wie der junge Navid (Rauand Taleb). Kein Hoffnungsschimmer, nirgends. Dieser Krimi ist kein film noir, sondern ein film bleu, eiskalt. Eine einzige Anklage gegen die Schweizer Flüchtlingspolitik. Beschweren allerdings, so ein Beamter, müsse man sich beim Volk direkt, das ja schließlich für die Verschärfung gestimmt habe, besorgt um seine Sicherheit und Identität. Also Selbstanklage. Dazu gehören in diesem Film mehrere Exkurse, die in medias res gehen, der Handlung aber auch keinen zusätzlichen Charme geben. „Schutzlos“ ist ein „Tatort“ mit einem zutiefst humanen Anliegen, der einem gründlich den Sonntagabend versaut.

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