https://www.faz.net/-gsb-7q4y7

TV-Kritik: Tatort „Freigang“ : Heute ein König, morgen ein Mörder

Thorsten Lannert (links) ermittelt verdeckt als Justizvollzugsbeamter Bild: SWR/Johannes Krieg

Die Verbrecher sitzen nicht im Gefängnis, sie leiten es: Der Tatort „Freigang“ zeigt einen perversen Justizvollzug. Doch das korrupte System bekommt eine Schwachstelle.

          Es ist ein eindeutiger Fall. Irina Meinert liegt erstochen in ihrer Wohnung, unter ihren Fingernägeln findet man Hautpartikel. Die DNA-Analyse beweist zweifelsfrei, dass sie vom geschiedenen Ehemann des Opfers stammen. Holger Drake (Tambet Tuisk) ist als Täter identifiziert und würde somit schnell im Gefängnis landen - säße er nicht schon drin. „Der hat ein Alibi, ein besseres kann man nicht haben“, stellt Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) treffend fest. Diesen Widerspruch muss das Stuttgarter Kommissarsduo Bootz und Lannert nun auflösen.

          Der Regisseur Martin Eigler, der zusammen mit Sönke L. Neuwöhner auch das Drehbuch geschrieben hat, macht es sich mit diesem Stoff nicht leicht. Der Mörder steht von Beginn an fest. Es geht in eineinhalb Stunden vor allem darum, wie er die Tat verüben konnte. Der Stuttgarter „Tatort“ ist dieses Mal kein Whodunit. Dieser Ansatz kann für den dramaturgischen Aufbau problematisch sein, weil es schwierig ist, eine Spannung aufzubauen. Eigler schafft es dennoch - obwohl er mit „Freigang“ einen durchweg ruhigen „Tatort“ gedreht hat. Diese Krimiversion muss man allerdings mögen. Die Dialoge stehen im Vordergrund, die Kamera schwenkt behutsam, und die Schnittfrequenz lässt keine Hektik aufkommen. Es ist weniger ein „Tatort“ zum Miträtseln, sondern mehr ein Blick auf die kriminellen Verhältnisse in einer Justizvollzugsanstalt.

          Ein System gerät ins Wanken

          Um in diesem Fall voranzukommen, wird Thorsten Lannert (Richy Müller) als Justizvollzugsbeamter Peter Seiler in die JVA Zuffenhausen eingeschleust. Sie gilt als „hochmodernes Mustergefängnis“, das erst vor sechs Jahren eröffnet wurde. Andreas Franke (Herbert Knaup), Leiter des allgemeinen Vollzugs, ist der eigentliche Chef der Anstalt - auch wenn die Direktorin in der Hierarchie über ihm steht. Die Insassen nennen ihn den „King“. Er hat in der JVA ein System der Korruption aufgebaut, an dem Häftlinge und Vollzugsbeamte gleichermaßen beteiligt sind. Er regiert eine Schar von Untergebenen, deren Dienste er als loyale Handlungen tarnt: „Wir hier drinnen halten zusammen. Wer länger lebt, weiß, was das wert ist.“ Wer auf der Seite des King steht, wird belohnt. So wie der Mörder Drake, der mit Erotikheftchen, Krankschreibungen und eben auch Freigängen belohnt wird. Knaup spielt den Sicherheitschef mit souveräner Leichtigkeit: Franke ist kein böser, sondern ein asozialer König. Seine Sprache ist vulgär, er trinkt lieber Schnaps als Bier, am liebsten im Bordell. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird aus dem Weg geräumt.

          Nun hat die in vielen Jahren geschickt aufgebaute Struktur eine Schwachstelle bekommen. Der Justizvollzugsbeamte Carsten Scheffler kommt nicht mehr damit klar, dass er Teil dieses Systems ist und dadurch Bestechung, Unterdrückung und gar Mord mitverantwortet. Scheffler wird depressiv und bringt sich in der Justizvollzugsanstalt um. Franke versucht dies noch zu verschleiern. Doch sein System gerät endgültig ins Wanken. Es „knirscht an allen Ecken und Enden“, erkennt Kommissar Lannert, der immer noch in der JVA als Peter Seiler verdeckt ermittelt. Er und sein Kollege Bootz setzen den King nun unter Druck.

          Martin Eigler lässt durch seine ruhige Regie dem Zuschauer viel Zeit, um sich mit der maroden Struktur einer Justizvollzugsanstalt zu beschäftigen. Eher selten bedient er sich bekannter Knast-Klischees. Die Darstellung des Gefängnisalltags wirkt weitestgehend realistisch. Das liegt auch an den gut besetzten Nebenrollen. So zeigt Hans-Heinrich Hardt, wie man mit reduzierter Mimik überzeugend darstellen kann. Er spielt Schultz, einen korrupten Justizvollzugsbeamten, der Kings rechte Hand ist. Ganz anders als sein „König“ wirkt er in seiner Körperhaltung resigniert, leidenschaftslos und abgestumpft. Schultz findet offensichtlich kein Gefallen an diesem bösen Spiel. Dabei steckt er tief drin. Denn Scheffler, der sich umgebracht hat, ist sein Schwiegersohn. Diesen konnte (und wollte?) er nicht retten. Als aber seine Tochter Barbara das System gefährdet, wird auch Schultz aktiv.

          Links der Chef (Herbert Knaup), rechts der undercover ermittelnde Kommissar (Ricky Müller) im Tatort „Freigang“

          Die „Geheimnisse“ des Tatorts

          Wie es in einer Justizvollzugsanstalt wirklich zugeht, wissen wir nicht. Der Stuttgarter Tatort „Freigang“ zeigt, wie es im schlimmsten Fall sein könnte. Da die Sicherheit in einer JVA oberstes Gebot ist, durfte das Produktionsteam nicht alles filmen. Bei einigen Szenen, die übrigens in der JVA Rosdorf gedreht wurden, kommen Zweifel am Wirklichkeitsgehalt auf.

          Zu den Fragen, die sich zu diesem Tatort ergeben, finden unsere Leser am Montagabend von 21.45 Uhr an unter faz.net/tatortsicherung unseren neuen Drehbuch-Check. Für diesen haben wir Experten um einen Abgleich mit der Wirklichkeit gebeten. Die Fragen an die Experten veröffentlichen wir parallel zur Fernsehausstrahlung auf dem Twitter-Account @FAZ_Feuilleton und unter #Tatort.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Einmal mehr hatte Paco Alcacer (Mitte) großen Anteil am Dortmunder Erfolg.

          Dortmunds 2:1 gegen Bremen : Wie berauscht

          Der Tabellenführer der Bundesliga ist derzeit nicht zu stoppen: Gegen Werder Bremen kommt die Borussia zu einem verdienten Heimerfolg und ist nun inoffizieller Herbstmeister. Kurz vor dem Schlusspfiff wird es nochmal turbulent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.