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TV-Kritik: Talk im Hangar-7 : Der Fälscher, der Anwalt und die Kunstskandale

  • -Aktualisiert am

Einen besonderen Coup versprach Österreichs Servus TV, doch Fälscher Beltracchi und der Anwalt von Cornelius Gurlitt ließen sich nur zuschalten. Was sie sagten, war vorhersehbar, spart aber zumindest einen Kinobesuch.

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          Angekündigt war eine Sensation. Zwei Hauptpersonen der größten, wüstesten Kunstskandale der letzten Jahrzehnte sollten bei der abendlichen Diskussionsrunde „Talk im Hangar-7“ bei Servus TV teilnehmen: Auf der einen Seite Wolfgang Beltracchi, der Fälscher, der von sich behauptet, dreihundert gefälschte Kunstwerke in den Markt eingeschleust zu haben. Auf der anderen Seite Hannes Hartung, der Anwalt von Cornelius Gurlitt, dessen Sammlung als der sogenannte „Münchner Kunstfund“ im vergangenen November zum ersten Mal weltweit Schlagzeilen machte. Ungeheuerlich schien diese Mischung. Würde es knallen, wenn die beiden aufeinandertreffen? Krachen? Worüber würden sie reden?

          Dann fing die Sendung an, moderiert von Imke Köhler, und es kam alles ganz anders. Die beiden Hauptpersonen nahmen per Live-Schaltung an der Runde teil, die mit Helene Beltracchi und Kunstexperten aus dem Auktions-, Rechts- und Gerichtswesen besetzt war. Für die Live-Schaltung gab es gute Gründe: Wolfgang Beltracchi ist ein verurteilter Straftäter, daran lohnt es sich zu erinnern. Seine Strafe darf er im offenen Vollzug verbüßen. Jeden Abend also kehrt er ins Gefängnis zurück und reist eben nicht zu Talkshows nach Österreich.

          Ein Anwalt tut, was ein Anwalt tun muss

          Warum der Gurlitt-Anwalt Hannes Hartung nicht vor Ort war? Anscheinend auch aus einem guten Grund: Hartung tat das, was man von einem Anwalt erwartet. Er diskutierte nicht, er spekulierte nicht, er setzte sich nicht in Szene. Er spulte pflichtbewusst alle Aussagen ab, die er zugunsten seines Mandanten vorbringen konnte. Nein, der Raubkunst-Anteil der Sammlung betrage keinesfalls fünfzig Prozent; nach Angaben von Hartung beläuft er sich auf drei Prozent. Und ja, Cornelius Gurlitt fühle eine moralische Verantwortung bei Bildern, die Raubkunst seien, eine faire und gerechte Lösung im Gespräch mit den Erben zu finden. Sprach’s und ließ sich wieder wegschalten. Man hätte ebenso gut die Website www.gurlitt.info laut vorlesen können, die kürzlich von Medienberatern für Cornelius Gurlitt eingerichtet worden war.

          Dann, zeitversetzt also, Auftritt Beltracchi. Die erste Frage der Moderatorin war zugleich der Höhepunkt der Sendung. „Wenn gute Kunst für Sie so einfach ist“, so Imke Köhler, „warum sind Sie dann nicht auf legalem Weg Millionär geworden?“ Die Frage war gescheit und gemein, weil sie ins Herz von Beltracchis Lügengeschichten zielt, seiner pausenlosen Selbstinszinierung zum Metakünstler, zum genialen Transformer der Kunstgeschichte, der nach Belieben Max Ernst oder Picasso sein kann. Warum also, wenn ihm alles so leicht fällt, konnte er nicht selbst, unter seinem Namen, das ungeheure Talent beweisen? Beltracchi: Schweigen. Dieses Mal brauchte der Betrüger, der ohnehin häufig in zeitlupenhafter Verlangsamung spricht, noch länger, um die Worte zu finden. Die Antwort fiel unscharf und knapp aus. Er habe das gemalt, was ihm Spaß mache.

          Beweihräucherung eines Fälschers

          Danach durfte er sich allerdings ungehindert beweihräuchern. Aus dem Film „Beltracchi – Die Kunst der Fälschung“, der Anfang März in die Kinos kommt, wurde ausgerechnet die Szene eingespielt, in der Beltracchi behauptet, die gesamte Kunstgeschichte fälschen zu können. Vermeer? Kein Problem. Leonardo? Fände er nicht schwer.

          Fazit: Wenn sich Hartung so verhielt, wie es einem Anwalt entspricht, tat Beltracchi genau das, was man von einem Betrüger erwartet. Er verschwieg das meiste, die Gier, die Hinterlist, die Zusammenarbeit mit weiteren Kriminellen. Stattdessen rühmte er sich mit angeblich noch unentdeckten hochkarätigen Fälschungen. Er protzte damit, wie leicht sie ihm gefallen seien. Was davon stimmt, werden wir vielleicht nie erfahren. Es gibt jedoch kaum etwas Ermüdenderes, als einem Fälscher dabei zuzuhören, wie er seine Biographie fälscht. Für diese Einsicht waren die Szenen mit ihm gut. Den langweiligen Kinofilm kann man sich nämlich wirklich sparen.

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