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TV-Kritik: Supernerds : Was passiert mit uns bei der Digitalisierung?

  • -Aktualisiert am

Supernerds-Regisseurin Angela Richter und Wikileaks-Gründer Julian Assange Bild: WDR/Schauspiel Köln/Oliver Abraham

Webcams, Theater und Julian Assange: Mit einem Experiment leuchtete der WDR einige Abgründe der schönen neuen vernetzten Welt aus. Dass nicht alles klappte, ist egal. Denn der Sender riskierte etwas - inhaltlich und formal.

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          „Wir sind die Guten und fragen um Erlaubnis“, so der Journalist Richard Gutjahr; das machten aber „nicht alle so.“ Um diesen Satz drehte sich ein so interessantes wie lehrreiches Experiment im WDR. Im „Supernerds-Überwachungsabend“ ging es um die Konsequenzen der Digitalisierung.

          Die Stichworte hat jeder schon einmal gehört. Es geht um das Sammeln der unzähligen digitalen Spuren, die wir jeden Tag hinterlassen. Um die Erstellung von Persönlichkeits- und Bewegungsprofilen, schließlich um die Überwachung unserer Aktivitäten durch die Geheimdienste. Nur haben wir das alles auch schon verstanden? Oder stolpern wir nicht mit unserem analog geprägten Hirn in diese schöne neue Welt, ohne uns über die Konsequenzen klar zu sein?

          Sind Einblicke in die Privatsphäre selbstverständlich?

          Aus dieser alten Welt stammt auch noch der Antagonismus von „gut“ und „böse“. Gutjahr erwähnte ihn, als es darum ging, ob der WDR die Computerkameras der Zuschauer nutzen darf. Sie zeigen den Zuschauer beim Zuschauen. Das ist mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass sich niemand mehr groß Gedanken über einen solchen Zugriff auf die eigenen Privatsphäre macht. Ist das jetzt schon „gut“, weil der WDR um Erlaubnis fragt? Im Gegensatz zu den bösen Buben, die ohne viel Mühe Handys und Computer zum perfekten Spionagegerät umfunktionieren? Oder dokumentiert sich in dieser Selbstverständlichkeit nicht schon längst jener Strukturwandel in der digitalisierten Gesellschaft, der uns am Ende zu anderen Menschen machen wird?

          Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre niemand auf die Idee gekommen, dem Rest der Menschheit einen Blick in die eigenen vier Wände zu erlauben; selbst dann nicht, wenn man höflich gefragt hätte. Heute lassen sich viele Menschen freiwillig überwachen. Und das lag sicher nicht daran, weil sie ein junger Mann höflich um Erlaubnis bat.

          Alles, was möglich ist, wird auch gemacht

          Genau darum geht in der digitalisierten Gesellschaft: Wie sich unsere Lebenswelt verändert und sie sich den technologischen Bedingungen anpasst. Alles, was möglich ist, wird auch gemacht. Auf dieser Logik beruhte auch das Konzept der Sendung. Der „Überwachungsabend“ setzte auf das, was man mit dem digitalen Baukasten am besten kann: Daten zu verknüpfen, um ein Gesamtbild herzustellen. Das ging bis in die künstlerischen und journalistischen Formen hinein.

          Es passierte zeitgleich unendlich viel: Ein Theaterstück im Kölner Schauspielhaus namens "Supernerds". Einspieler zum Thema und Interviews mit Experten. Dazu die heute unvermeidliche Interaktivität mit dem Zuschauer vor Ort und vor den Bildschirmen. Die beiden Moderatoren, außer Gutjahr noch Bettina Böttinger, versuchten diese Teile vor dem Auseinanderfallen zu bewahren. Der Überwachungsabend wurde so zum Sinnbild für das heutige Multitasking. Sicher hat der eine oder andere Zuschauer noch nebenbei Fußball gesehen. Man will überall zugleich sein.

          Julian Assange, überlebensgroß

          An diesem Punkt wurde aber deutlich, wo das Problem liegt. Es ist eben keineswegs nur der hypertrophe Sicherheitsstaat, der mit der Chiffre 9/11 den Kampf gegen den Terror zu seinem zentralen Existenzzweck machte. Whistleblower wie Edward Snowden ermöglichten uns erst den Blick hinter die Kulissen dieses neuen Behemoth. Gestern Abend wurde der Wikileaks-Gründer Julian Assange live interviewt. Er erschien virtuell und überlebensgroß auf der Bühne des Kölner Schauspiels. Assange wirkte wie ein freier Mensch - und stand doch bloß in seinem kleinen Zimmer in der Botschaft Ecuadors in London. Er kann mit jedem Menschen auf der Welt reden, ist aber in Wirklichkeit eingesperrt. Seine Lebensbedingungen sind schrecklich. Ihm nützt die Freiheit nichts, gestern Abend live auftreten zu können.

          Das war durchaus symbolisch. Das reale Gefängnis verträgt sich gut mit der Freiheit in der digitalen Gesellschaft. Nur baut man sich seinen Knast gleich selbst. Der Überwachungsabend versuchte das mit verschiedenen Experimenten anschaulich zu machen. Etwa wie man aus wenigen Informationen von einem Menschen viel über diesen erfahren kann. Oder wie das Kommunikationsverhalten einen Blick in das Wesen dieses Menschen erlaubt. Das reicht von Konsumpräferenzen bis zu sexuellen Vorlieben. Dabei ist man nur einen Klick weit davon entfernt, sich selbst zum Spitzel in eigener Sache zu machen. Die Möglichkeiten zum digitalen Einbruch sind bekanntlich vielfältig. Gutjahr demonstrierte aber am Beispiel von Überwachungskameras, was passiert, wenn man digitale Türen offen lässt. Viele senden ihre Bilder unverschlüsselt, selbst wenn sie eigentlich nur ihren Säugling beim Schlafen im Auge behalten wollen. So kann jeder zusehen, nicht nur die Eltern.

          Auf diese Weise stellen wir die meisten Daten selber zur Verfügung, die Rückschlüsse über uns zulassen, manchmal auch aus schlichter Ahnungslosigkeit über die verwendete Technik. Wer diese Daten am Ende mit den Informationen verknüpft, die über unsere Lebenswelt sonst noch bekannt sind, kann scheinbar ein exaktes Bild von uns entwerfen. Als man das Publikum im Saal darüber abstimmen ließ, ob es sich freiwillig einen Trojaner zum Ausspionieren auf das eigene Handy laden ließe, haben das die Zuschauer im Kölner Schauspiel dagegen einmütig abgelehnt. Wir halten zwar an den alten Grundsätzen wie die Privatsphäre fest, bemerken nur nicht, wie sehr sie schon in Auflösung begriffen ist.

          Interaktivität als Mittel zur Demaskierung

          So war die Interaktivität lediglich ein Mittel zur Demaskierung dieser Konditionierung von früher. „Sie können darüber mitbestimmen, wie weit wir unser Publikum quälen wollen“, so die scheinheilige Frage von Gutjahr an den Zuschauer vor seinem Smartphone. Es ging um die Analyse der Daten, die diese mit ihrem Ticketkauf zur Verfügung gestellt hatten. Selbstredend stimmten dem 93 % der Online-Zuschauer zu. Den anonymen Nachbar „digital auszuziehen“, so formulierte es Gutjahr, ist eben nicht nur das Privileg von Geheimdiensten. Viele wollen halt gerne wissen, was der Nachbar so zu verbergen hat. Eben doch mehr als nichts.

          Aber es gibt durchaus Hoffnung. So manches funktionierte gestern Abend nicht. Der Server des WDR brach unter dem Ansturm mehrfach zusammen, so dass sogar Gutjahr keine Verbindung herstellen konnte. Die Interaktivität erinnerte dabei an die altehrwürdigen Telefonabstimmungen, wo man aber immerhin noch zusätzlich live kommentieren konnte. Innovativ ist das alles wirklich nicht. Und das Experiment, künstlerische und journalistische Formate als Form des Multitasking zu präsentieren, entspricht dem, was man ehemals eine Collage nannte. Sie gilt allerdings unter den Nerds als der letzte Schrei. Schließlich macht das die Technik möglich – und Nerds denken zumeist nur noch in Kategorien technologischer Möglichkeiten, wenn man von den wenigen Whistleblowern einmal absieht. Das gilt eben nicht nur für den digital-industriellen Komplex aus NSA, Google oder Apple .

          Die treibende Kraft hinter der Digitalisierung

          Das trifft auf ein Verständnis der Nutzer, die die Digitalisierung bisher nur als Erweiterung ihrer früheren Lebenswelt begreifen. Massenmedien dienten schon immer primär dem Unterhaltungsbedürfnis, jetzt halt mit dem ungehinderten Zugang zur Pornographie. Dazu kommen die nützlichen Werkzeuge, die den Alltag erleichtern. Das Drama wird dort beginnen, wo die Technologie das Denken dominiert. Etwa mit der Idee, die Persönlichkeit des Menschen über seine Datenspuren zu definieren. Das erzeugte erst den Zwang, sich der Logik der Technologie anzupassen und so zu werden, wie es von ihr verlangt wird. Diese orientiert sich am Nützlichkeits- und Effizienzdenken des homo oeconomicus, den der verstorbene Herausgeber dieser Zeitung, Frank Schirrmacher, als die treibende Kraft hinter der Digitalisierung charakterisierte. Dem wird man nicht begegnen können, indem auf die „Guten“ vertraut, die Gutjahr erwähnte.

          Die Unternehmerin und Autorin Yvonne Hofstetter empfahl gestern Abend die Regulierung dieser digitalen Lebenswelt, so wie das auch schon mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts gelungen ist. Die wichtigste Einsicht wäre, nicht alles zu machen, was technologisch und sozial möglich wäre. Damit bei den Geheimdiensten anzufangen, wäre ein guter Beginn. Der Überwachungsabend hat versucht, das zu vermitteln. Dafür riskierte der WDR etwas, inhaltlich und formal. Das hat sich für den Zuschauer gelohnt, gerade weil einiges beim Multitasking nicht klappte oder den Zuschauer zu überfordern drohte. Vor einer perfekt funktionierenden digitalen Gesellschaft hätte man nämlich guten Grund, sich zu fürchten.

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