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TV-Kritik: Supernerds : Was passiert mit uns bei der Digitalisierung?

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Auf diese Weise stellen wir die meisten Daten selber zur Verfügung, die Rückschlüsse über uns zulassen, manchmal auch aus schlichter Ahnungslosigkeit über die verwendete Technik. Wer diese Daten am Ende mit den Informationen verknüpft, die über unsere Lebenswelt sonst noch bekannt sind, kann scheinbar ein exaktes Bild von uns entwerfen. Als man das Publikum im Saal darüber abstimmen ließ, ob es sich freiwillig einen Trojaner zum Ausspionieren auf das eigene Handy laden ließe, haben das die Zuschauer im Kölner Schauspiel dagegen einmütig abgelehnt. Wir halten zwar an den alten Grundsätzen wie die Privatsphäre fest, bemerken nur nicht, wie sehr sie schon in Auflösung begriffen ist.

Interaktivität als Mittel zur Demaskierung

So war die Interaktivität lediglich ein Mittel zur Demaskierung dieser Konditionierung von früher. „Sie können darüber mitbestimmen, wie weit wir unser Publikum quälen wollen“, so die scheinheilige Frage von Gutjahr an den Zuschauer vor seinem Smartphone. Es ging um die Analyse der Daten, die diese mit ihrem Ticketkauf zur Verfügung gestellt hatten. Selbstredend stimmten dem 93 % der Online-Zuschauer zu. Den anonymen Nachbar „digital auszuziehen“, so formulierte es Gutjahr, ist eben nicht nur das Privileg von Geheimdiensten. Viele wollen halt gerne wissen, was der Nachbar so zu verbergen hat. Eben doch mehr als nichts.

Aber es gibt durchaus Hoffnung. So manches funktionierte gestern Abend nicht. Der Server des WDR brach unter dem Ansturm mehrfach zusammen, so dass sogar Gutjahr keine Verbindung herstellen konnte. Die Interaktivität erinnerte dabei an die altehrwürdigen Telefonabstimmungen, wo man aber immerhin noch zusätzlich live kommentieren konnte. Innovativ ist das alles wirklich nicht. Und das Experiment, künstlerische und journalistische Formate als Form des Multitasking zu präsentieren, entspricht dem, was man ehemals eine Collage nannte. Sie gilt allerdings unter den Nerds als der letzte Schrei. Schließlich macht das die Technik möglich – und Nerds denken zumeist nur noch in Kategorien technologischer Möglichkeiten, wenn man von den wenigen Whistleblowern einmal absieht. Das gilt eben nicht nur für den digital-industriellen Komplex aus NSA, Google oder Apple .

Die treibende Kraft hinter der Digitalisierung

Das trifft auf ein Verständnis der Nutzer, die die Digitalisierung bisher nur als Erweiterung ihrer früheren Lebenswelt begreifen. Massenmedien dienten schon immer primär dem Unterhaltungsbedürfnis, jetzt halt mit dem ungehinderten Zugang zur Pornographie. Dazu kommen die nützlichen Werkzeuge, die den Alltag erleichtern. Das Drama wird dort beginnen, wo die Technologie das Denken dominiert. Etwa mit der Idee, die Persönlichkeit des Menschen über seine Datenspuren zu definieren. Das erzeugte erst den Zwang, sich der Logik der Technologie anzupassen und so zu werden, wie es von ihr verlangt wird. Diese orientiert sich am Nützlichkeits- und Effizienzdenken des homo oeconomicus, den der verstorbene Herausgeber dieser Zeitung, Frank Schirrmacher, als die treibende Kraft hinter der Digitalisierung charakterisierte. Dem wird man nicht begegnen können, indem auf die „Guten“ vertraut, die Gutjahr erwähnte.

Die Unternehmerin und Autorin Yvonne Hofstetter empfahl gestern Abend die Regulierung dieser digitalen Lebenswelt, so wie das auch schon mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts gelungen ist. Die wichtigste Einsicht wäre, nicht alles zu machen, was technologisch und sozial möglich wäre. Damit bei den Geheimdiensten anzufangen, wäre ein guter Beginn. Der Überwachungsabend hat versucht, das zu vermitteln. Dafür riskierte der WDR etwas, inhaltlich und formal. Das hat sich für den Zuschauer gelohnt, gerade weil einiges beim Multitasking nicht klappte oder den Zuschauer zu überfordern drohte. Vor einer perfekt funktionierenden digitalen Gesellschaft hätte man nämlich guten Grund, sich zu fürchten.

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