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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Was heißt Turboradikalisierung?

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger und ihre Gäste Bild: WDR/Max Kohr

Wie kann es sein, dass ein bis dahin unauffälliger Jugendlicher plötzlich zum Attentäter wird? Bei Maischberger wurde deutlich, warum eine Radikalisierung wohl doch länger dauert.

          Kindermund tut bekanntlich Wahrheit kund. Ob Twitter eine ähnliche Wirkung hat? Diese These formulierte gestern Abend der Journalist Claus Strunz, womit er aber sicherlich nicht auf das bisweilen kindische Verhalten von Nutzern sozialer Netzwerke hinweisen wollte. Mit „In Twitter veritas“, so seine originelle Formulierung, fände man schon nach dem ersten Tweet die wahre Meinung eines Menschen heraus. Wahrscheinlich wegen der Spontanität beim Verfassen und der Kürze eines Tweets, so die Vermutung. Entsprechend versuchte er den nächtlichen Tweet der Bundestagsabgeordneten Renate Künast (Grüne) zum Würzburger Anschlag zu interpretieren. Dort stellte sie die Frage, ob man den Attentäter nicht statt zu erschießen hätte festnehmen können. Für Strunz kam darin das Misstrauen der Grünen gegenüber der Polizei zum Ausdruck. Er ging sogar noch weiter: Es handelte sich um eine Beleidigung aller Polizisten in Deutschland.

          Dürfen Politikerinnen Fragen stellen?

          Diese Interpretation von Strunz ist wiederum interpretationsfähig. Etwa ob in diesen Äußerungen die tiefsitzende Abneigung des Sat1-Kommentators gegenüber den Grünen zum Ausdruck kommt. „In Twitter veritas“ ist profunder Quatsch. Ansonsten sollte man jeden afghanischen Jugendlichen in Deutschland twittern lassen. So könnte man frühzeitig feststellen, ob ein bis dahin unauffälliger Siebzehnjähriger unter Umständen spät Abends in einem Regionalzug Mitreisende attackiert. So mussten die Zuschauer auf die Erläuterungen von Frau Künast warten, um diese nächtliche Meinungsäußerung zu verstehen. Kurz gesagt: Sie hat sich gar nichts dabei gedacht. Ansonsten hätte sie nicht die Erklärung angeboten, dass Parlamentarier in einer freien Gesellschaft wohl noch Fragen stellen dürfen. Das dürfen sogar Jugendliche, nur sitzen diese nicht als Abgeordnete im Bundestag. Natürlich konnte man sich in dieser Nacht so kurz nach dem schrecklichen Ereignis fragen, warum die Festnahme des jungen Afghanen gescheitert war. Eine Siebzehnjährige darf diese Frage sogar in sozialen Netzwerken stellen. Das Smartphone ist bekanntlich immer griffbereit.

          Frau Künast kannte allerdings das Verfahren bei Polizeieinsätzen mit Schusswaffengebrauch. Es gab zum Zeitpunkt ihres Tweets keinen Anhaltspunkt für polizeiliches Fehlverhalten. Deshalb gab es auch keinen politischen Anlass, sich in dieser Weise zu artikulieren. Sie verhielt sich somit wie besagte Siebzehnjährige, ohne aber ihre Funktion zu reflektieren. Schließlich stellt eine Politikerin keine harmlosen Fragen, sondern macht auf Twitter eine politische Meinungsäußerung. Sie lädt damit zu Interpretationen ein.

          Strunz bot eine an, die aber wiederum lediglich seine politischen Vorbehalte gegenüber den Grünen reflektiert. Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach nannte die Ausführungen seiner Bundestagskollegin mit guten Gründen eine „verpasste Chance“. Frau Künast fragte allerdings durchaus, ob der Zeitpunkt ihres Tweets richtig gewesen sei. Darauf hätte sie sich beschränken sollen – und einräumen müssen, dass das Smartphone manchmal besser nicht griffbereit liegen sollte. So eröffnete sie ihren politischen Gegnern Interpretationsmöglichkeiten, die diese genüßlich zu nutzen wissen. Es ist ihnen nicht zu verdenken.

          Vertrauensverlust in die Politik

          So erfuhren die Zuschauer immerhin, wie politische Diskurse in digitalisierten Medien funktionieren. Sie müssen mit dem Sachverhalt nichts zu tun haben. Das Thema der Sendung war allerdings ein anderes: Warum richtet ein junger Mann aus Afghanistan scheinbar unvermittelt ein Massaker an? Die Ratlosigkeit bezüglich einer Antwort drückt sich in der These von der angeblichen „Turboradikalisierung“ aus. Über Nacht wird ein bis dahin unauffälliger Jugendlicher zum potentiellen Massenmörder. Das muss man sich wahrscheinlich so vorstellen als wenn der Dschihadismus ein leeres Bewusstsein mit seinem Propagandamaterial füllt. Der Psychologe Ahmad Mansour und der Politikwissenschaftler Guido Steinberg machten deutlich, warum diese These wohl eher in die Rubrik intellektuelle Beliebigkeit einzuordnen ist.

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