https://www.faz.net/-gsb-8jkta

TV-Kritik: Sandra Maischberger : Was heißt Turboradikalisierung?

  • -Aktualisiert am

So wies Mansour auf die soziokulturellen Dispositionen hin, die in den Herkunftsländern der Flüchtlinge existieren. Das betreffe patriarchalische und autoritäre Familienstrukturen. Hinzu komme ein islamisches Selbstverständnis, das vor allem seine Opferrolle betone und daraus die Legitimation für den Hass auf den Westen ableite. Mansour sprach dabei selbstredend nicht von dem „Islam“, sondern von einem Islamverständnis, wie es zweifellos in vielen muslimischen Ländern zu finden ist. Ihn mache es regelrecht „wütend“, wenn man diesen Kontext in Frage stelle. Dabei sei der Dschihadismus nicht deshalb gefährlich, so könnte man Mansour zusammenfassen, weil er mit dem Islam nichts zu tun habe. Vielmehr finde er Anknüpfungspunkte an ein konservatives Islamverständnis und an innerislamische Diskurse. Das ist das Problem.

Für Steinberg gab es mittlerweile genügend Anhaltspunkte, warum sich der junge Afghane aus Würzburg schon länger mit dschihadistischen Inhalten identifiziert haben muss. Ob dieser schon als Terrorist nach Deutschland einreiste, wird man allerdings wohl nie feststellen können. Steinberg betrachtete die vorherige Unauffälligkeit des Jugendlichen nicht als Beleg für seine fehlende Affinität zum IS. Dieser war eben nur unauffällig. In diesem Punkt sah Steinberg zudem das eigentliche Defizit in der deutschen Sicherheitspolitik. Sie hätte zwar eine gute Polizei, aber schwache Nachrichtendienste. Deshalb fehlten bis heute geeignete Instrumente, um potentielle Täter rechtzeitig zu erkennen.

Nur wie soll das möglich sein, wenn nach Öffnung der Grenzen nicht einmal mehr die Identität der einreisenden Flüchlinge geklärt werden konnte? Steinberg sprach diesen staatlichen Kontrollverlust an. Genauso hat der IS die offenen Grenzen zur Einschleusung von Attentätern genutzt, wie Steinberg feststellte. Man kann sich aber noch an Diskussionen im Spätsommer vergangenen Jahres erinnern, wo selbst solche Banalitäten bestritten worden sind. Hier ist einer der wesentlichen Gründe für den Vertrauensverlust in die Politik zu finden: Sie stellte nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit fest, was Bosbach gestern Abend diagnostizierte: Mit dieser Flüchtlingspolitik stiegen zugleich die Risiken für die innere Sicherheit.

Sind alle Afghanen potentielle Massenmörder?

Es spricht nämlich keineswegs gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, wenn man solche Tatsachen nüchtern anerkennt.  Warum das so ist, wurde an Judith Assländer deutlich. Seit dem Jahr 2014 nimmt sie unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf. Damit bekommen diese Jugendlichen die Chance, ein für sie fremdes Land kennenzulernen. Es seien eben nicht nur muslimische Flüchtlinge, so Frau Assländer, sondern zugleich Jugendliche mit den üblichen Schwierigkeiten von Heranwachsenden. Die Pflegemutter fürchte die Stigmatisierung ihrer Schützlinge nach einem solchen Anschlag. Wegen eines afghanischen Attentäters seien aber nicht alle Afghanen potentielle Massenmörder. Diese Banalität kann man leider nicht oft genug wiederholen.

Eine gesellschaftliche Polarisierung zwischen ängstlichen Deutschen und stigmatisierten Flüchtlingen wäre tatsächlich fatal. Sie bedeutete Entfremdung bevor die Flüchtlinge dieses Land überhaupt kennenlernen konnten, trotz des Engagements einer Frau Assländer. Mansour weiß aus eigener Erfahrung, was Integration bedeutet. Um hier anzukommen, wird man etwas zurücklassen müssen. Etwa ein Islamverständnis, das mit den Erwartungen an eine moderne Gesellschaft nicht zu vereinbaren ist. Das wäre jener „europäische Islam“, den Frau Künast gestern Abend erwähnte. Bisher macht dieses Land aber noch nicht den Eindruck, als wüsste es, was das bedeutet. Das gilbt übrigens für Deutsche wie für Zuwanderer. Aber immerhin haben wir mit Ahmad Mansour schon einmal einen, der es beiden Seiten erklären kann.

Weitere Themen

Topmeldungen

Donald Trump : Ein heraufziehender Sturm

Donald Trump gerät erstmals ins Visier einer amerikanischen Bundesanwaltschaft. Der Präsident bereitet sich auf den Wahlkampf 2020 vor und entlässt auch deshalb wieder einen sogenannten Erwachsenen in der Regierung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.