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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Pack schlägt sich, Pack verträgt sich – nicht!

Sandra Maischberger sprach mit ihren Gästen über die vielen Flüchtlinge in Deutschland. Bild: dpa

„Rückt Deutschland nach rechts?“ Die Frage geht immer, zumal, wenn es um das Thema Flüchtlinge geht. Doch ist sie richtig gestellt? Zur AfD passt das Stichwort vom Rechtsruck jedenfalls bestens. Das zeigt sich im Fernsehen und auf der Straße.

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          In Tagen wie diesen, in denen Zeitungen, Internet und Fernsehen nur ein Thema haben, fragt man sich, ob das Land, ob die große Mehrzahl der Menschen in diesem Land nicht einen inneren Reifegrad erlangt hat, von dem manche derjenigen, die Aktuelles beschreiben und daraus Allgemeines ableiten oder die Politik machen, sich eine Scheibe abschneiden sollten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Eben noch war Deutschland nicht nur des Fußballs wegen beliebt in aller Welt. Dann war es der unbarmherzige Zuchtmeister Europas. Dann bewegte es sich schnurstracks auf dem Weg nach rechts und zurück in die dunkle Vergangenheit. Und plötzlich gibt es wieder ein leuchtendes Beispiel für die ganze Welt. Bilder aus Heidenau, Bilder aus München, Worte von Sigmar Gabriel, Worte von Angela Merkel – jedes Mal aufs Neue ist alles ganz anders, sind wir ganz unten oder ganz oben, ganz mies oder ganz toll, aber immer ist es extrem. So auch jetzt, da binnen eines Jahres achthunderttausend oder vielleicht auch eine Million Menschen nach Deutschland flüchten und es fürwahr keiner kleinen Anstrengung bedarf, mit dieser Lage umzugehen.

          Wer da, wie Sandra Maischberger am Dienstag, einer Diskussionsrunde knallig die Frage vorgibt „Wir sind das Pack – Rückt Deutschland nach rechts?“, begibt sich gleich auf dünnes Eis. Die sind das „Pack“, sagte Sigmar Gabriel, als er das sächsische Heidenau besuchte, und meinte die Gewalttäter und billigenden Zuschauer der Krawalle vor dem Asylheim. „Wir sind das Pack“ nahmen rechte Demonstranten die Steilvorlage als Slogan gerne auf, was heißen sollte: "Wir sind das Volk." Und "wir" wollen keine Ausländer im Land.

          Angstmacher und Angsthasen

          Dass die Fremdenfeinde mitnichten „das Volk“ sind, darauf können sich die Gäste von Sandra Maischberger schnell einigen und auch darauf, dass man mit markigen Worten wie „Pack“ nicht weit kommt. Man begibt sich vielmehr, wie der in der DDR großgewordene Tänzer und Choreograph Detlef Soost sagt, auf das Niveau der Fremdenfeinde, die Menschen, die aus größter Not geflohen sind und Schutz suchen, Angst machen und dabei doch selbst die größten Angsthasen sind. Das sagt Detlef D! Soost, von dem man in einem solchen Augenblick vergisst, was er sonst so im Fernsehen macht. Er, der Ausländerhass vor der Wende und nach der Wende am eigenen Leib erfahren hat, macht bei der Gelegenheit eine viel bessere Figur als die Unterhaltungsfachkollegen Joko & Klaas, die für ihre vor ein paar Tagen online gegangene Fremdenhasser-Beschimpfung Applaus ernten. Dabei brüllen sie einfach mal ganz laut und ganz derbe zurück. Und fühlen sich jetzt bestimmt viel besser.

          Worauf es ankommt und worin die Gefahr liegt, das schält sich bei Sandra Maischberger, die, wie in Talkshows üblich, mit kurzen Zitaten, Plakaten oder Einspielern aufwartet, die provozieren sollen, erst langsam heraus. Es gehe um „Mitmenschlichkeit und Konsequenz“, sagt die CDU-Politikerin Julia Klöckner und meint die Hilfe für Flüchtlinge und die Zurückweisung derer, die nicht um Leib und Leben fürchten müssen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kommen. Der Grünen-Politiker Volker Beck und die Theologin und Pfarrerin Margot Käßmann sind in dieser Betrachtungsweise mit Julia Klöckner erstaunlich einig.

          Wie die Parolen sich gleichen

          Alexander Gauland von der AfD erweckt zwar den Eindruck, als ginge er da weitgehend mit, doch sobald er von der „Angst vor Überfremdung“ und „unkontrollierter Masseneinwanderung“ spricht, merkt man, dass da etwas nicht stimmt. Gauland meint die politische Diskussion über die Praxis des Asylrechts, deren dringende Notwendigkeit niemand bestreitet, transportiert aber genau das Ressentiment, mit dem die Rechten spielen.

          Das reibt ihm Volker Beck unter die Nase, mehr aber noch der Journalist und Rechtsextremismus-Experte Olaf Sundermeyer, der sich die Aufmärsche die Versammlungen und die Texte der AfD, von Pegida und der organisierten Rechtsextremisten genau angesehen und analysiert hat. Und die Taten, die daraus folgten. Worin sieht er die größte Gefahr? In der „Anschlussfähigkeit“ der Parolen der Rechten zu denen der AfD, die ein und dieselbe Gesinnung bezeugen. „Deutschland ist nicht das Sozialamt der Welt“ lautet einer dieser Sprüche.

          Gegen diese Einschätzung wehrt sich Gauland mit Händen und Füßen, doch den Eindruck, dass rechts von der AfD nur noch die NPD steht und zwar gar nicht weit weg, kann er nicht verwischen. Auch wenn ihm Sandra Maischberger den Gefallen tut, den Spruch des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer aufzurufen, Deutschland sei nicht das „Sozialamt des Balkans“, womit eine etwaige Rechtslastigkeit der Union oder zumindest der CSU angedeutet sein sollte.

          Doch wir merken uns am Ende einer irgendwie verfahrenen, aber angenehm unhysterischen Gesprächsrunde eher die Einschätzung des Journalisten Sundermeyer: Die AfD zündelt mit, sagt er. Das hatte ja zwischenzeitlich auch der Parteigründer Bernd Lucke kapiert und seinen Verein verlassen. Und wir dürfen uns notieren: Über die AfD wird nicht nur bei der Flüchtlingsdebatte noch zu reden sein.

          Sind die Krawalle in Heidenau von heute aber nicht dasselbe wie die Ausschreitungen im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen, will Sandra Maischberger wissen. Sind sie nicht, sagt Olaf Sundermeyer. Wir hätten heute – auch in den neuen Ländern – eine „wehrhafte Gesellschaft“, in der viele Zivilcourage zeigen. Und wie sieht das Bild aus, das sich Deutschland und die Welt davon machen? Der Rand radikalisiert sich und ist unheimlich laut, sagt Volker Beck. Ihm falle auf, ergänzt Detlef Soost, dass über „rechts“ viel mehr berichtet werde als über – „das Menschliche“. Das war ein Schlusswort, dem auch Margot Käßmann nichts hinzuzufügen hatte.

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