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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Kulturwandel in der Rentendebatte

  • -Aktualisiert am

Die faktische Verdoppelung ihrer Rente wurde bei Frau Maischberger durchaus als „Anerkennung für eine Lebensleistung“ bewertet. Auch von Linnemann, der den Wirtschaftsflügel der Union repräsentiert. Nun kann man auch mit den 944 € des Ehemanns von Frau Baur keine großen Sprünge machen. Nur sind die das eigentliche Problem im heutigen System. Denn hier verbergen sich die Kürzungen seit 1987. Zum einen durch die Reduzierung von Rentenansprüchen, zum anderen durch die kontinuierlich unter der Inflationsrate geblieben Rentenanpassungen.

Rentner mussten deshalb jedes Jahr erleben, wie ihre Einkommen real sanken. Zwar sprach Blüm das Thema Rentenniveau an und Lauterbach wies wiederholt auf die Einführung der sogenannten „Solidar-Rente“ hin. Aber die Ängste von Frau Nocun und ihrer Altersgenossen über ihre eigene Zukunft finden hier die Begründung. Unter den heutigen Bedingungen mit unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und einem weiter sinkenden Rentenniveau ist nämlich für viele zukünftige Rentner Altersarmut die eigentliche Perspektive. Diesen Vertrauensverlust wird man auch nicht beseitigen können, wenn man wie Lauterbach darauf hinweist, dass die Rente nach den unzähligen Reformen nicht mehr „Lebensstandard sichernd“ sei. Sie ist noch nicht einmal Armutsfest. Die Mütter-Rente ist eine Art Kompensation für die Kürzungen. Aber eben nur für eine Gruppe, worauf Frau Nocun hinwies.

Wenn Sicherheit zum „Traum“ geworden ist

Trotzdem ließ sich ein Kulturwandel in der Rentendebatte feststellen. Frau Ostermann wies zwar kurz auf die Arbeitskosten hin, die die Unternehmen belasteten. Aber im Vergleich zu früher bestimmte das nicht mehr die Debatte. Vor wenigen Jahren hätte man noch 75 Minuten lang über Lohnnebenkosten, Wettbewerbsfähigkeit und den Sozialstaat als Hängematte diskutiert, übrigens mit Lauterbach und Blüm. Oder über den Nutzen einer privaten Altersvorsorge, von der aber nach der Pleite der Finanzmärkte 2008 niemand mehr etwas wissen will. Die niedrigen Renditen sind schließlich deren unmittelbare Folge.

Selbst die Rente mit 63 wird jetzt anders diskutiert. Frau Ostermann machte deutlich, was sie für ihren Betrieb bedeutet: Den Verlust von Fachkräften. Zugleich zeigte sie, wie sich ihr Unternehmen bemühe, die Arbeitsbedingungen in ihrem Unternehmen an eine älter werdende Belegschaft anzupassen. In der Amtszeit von Blüm ging es noch um die Verrentung solcher Mitarbeiter, wie in einem Einspieler deutlich wurde. Frau Ostermanns Ansatz funktioniert allerdings nur unter Bedingungen, wo Unternehmen ihre Zukunft nicht in prekären Beschäftigungsverhältnissen suchen. Frau Nocun formulierte das am Beispiel ihres Vaters. Er arbeite bei Siemens und von den Verträgen, „die man damals dort bekommen“ habe, „könne man heute nur noch träumen, selbst in der IT-Abteilung.“ Wer wundert sich über den Vertrauensverlust, wenn Sicherheit zum „Traum“ geworden ist?

Rentner gegen keine Studien in Auftrag

Frau Nocun plädierte auch für einen Systemwechsel in der Rentenversicherung. Diese Idee ist nicht neu und prägte in den vergangenen Jahrzehnten die Diskussion. Interessanterweise musste Lauterbach drei Anläufe machen, um darauf antworten zu können. Er sei wohl nur „Anfang der 1980er Jahre möglich gewesen“, nämlich vor dem Berufseintritt der Generation der „Baby-Boomer“. Allerdings irrte hier Lauterbach. Den Systemwechsel hat es tatsächlich gegeben, allerdings unter dem Titel der Sendung: „Kassieren die Alten die Jungen ab?“.

Der Ehemann von Frau Baur kann das an seinem Rentenbescheid ablesen. Er könnte etwa das Prognos-Institut fragen, wie hoch seine Rente wäre, wenn noch die Bedingungen von 1987 gelten würden. Man bekam trotzdem gestern Abend den Eindruck, die Große Koalition unternehme die ersten Schritte, um das wieder zu ändern. Sie muss jetzt nur noch die Generation von Frau Nocun, Frau Ostermann und Linnemann überzeugen, um das verloren gegangene Vertrauen wieder herzustellen. Die haben von diesem Systemwechsel nämlich bis heute noch nichts gehört. Man sollte sich dafür allerdings nicht bis 2030 Zeit lassen.

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