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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Geld und Sex

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Sandra Maischberger Bild: dpa

Zwei Dinge, die menschliche Grundbedürfnisse betreffen - so stellte ein Kriminologe in der Diskussion über die Folgen von Köln heraus-, sind Geld und Sex. Wahrscheinlich haben wir vergessen, warum das so ist.

          Nach zwölf erfolgreichen Jahren, so war es in der Pressemitteilung von Sandra Maischberger zu lesen, habe sie „ihre Gesprächsrunde für den neuen Sendeplatz weiterentwickelt“. Die Sendung werde sich zukünftig noch stärker mit politischen Themen befassen. Das wäre eigentlich nicht nötig gewesen, wenigstens wenn man der Jury des Deutschen Fernsehpreises glauben will. Frau Maischberger erhielt nämlich gestern Abend in den Düsseldorfer Rheinterrassen den gleichnamigen Preis als beste Talkshow. So hielten sich auch die Veränderungen in Grenzen. Die Sendung bekam eine neue Titelmusik und ein Mobiliar, auf dem die Gäste ein wenig wie die Hühner auf der Stange wirkten. Aber darin könnte der ästhetische Ausdruck für den Zwang zur Konzentration zu finden sein.

          Dem waren an diesem Abend aber schon thematische Grenzen gesetzt. Frau Maischberger wollte zwar vor allem über die Folgen der Kölner Ereignisse am Silvesterabend diskutieren. Aber den Terroranschlag in Istanbul mit zehn toten deutschen Touristen konnte Frau Maischberger nicht ignorieren, weswegen sie kurzfristig noch den Terrorismusexperten Peter Neumann aus einem Studio in London zuschalten ließ. Dieser erläuterte den gegenwärtigen Sachstand. So rechnete er damit, dass der IS als vermutliche Auftraggeber dieses Selbstmordattentats auch in Deutschland „Angriffe wie in Paris versuchen“ werde.

          Konfus und führungslos

          Neumann wiederholte das, was er schon nach Paris in diversen Interviews erläutert hatte: Wir werden mit solchen Terroranschlägen leben müssen. Dabei wies er auf die Londoner Erfahrung mit den Bombenanschlägen der IRA in den 1980er und 1990er Jahre hin. In England lernte man damit zu leben, so Neumann. Allerdings richtete sich dieser Terrorismus gegen die politischen und ökonomischen Nervenzentren des Landes. Die IRA hat zu keinem Zeitpunkt das Massaker als militärische Strategie betrachtet. Das ist aber der kategoriale Unterschied zum heutigen Dschihadismus.

          Der IS hat den Terror radikalisiert, indem er das unterschiedslose Abschlachten zur Grundlage seiner Politik machte. Wie das die politische Debatte verändert, wurde am Bundestagsabgeordneten der Grünen, Volker Beck, deutlich. Er erläuterte noch einmal seine Gründe, warum er im Bundestag den Tornado-Einsatz der Luftwaffe in Syrien abgelehnt hatte. Aber das klassische Argument von Appeasementpolitikern ließ er nicht gelten: „Das hohe Gefährdungspotential kann kein Argument gegen diesen Einsatz sein.“ Zudem wollte Beck nicht mit der „Attitüde des Besserwissers“ auftreten. Die Politik befände sich in einem Dilemma.

          Darin kam eine Ernsthaftigkeit zum Ausdruck, die dieses Land braucht, wenn sich tatsächlich einmal ein Massaker wie in Paris ereignen sollte. Seit der Flüchtlingskrise wirkt es zusehends konfus und führungslos, wie eine Schwachstelle im Kampf gegen den Dschihadismus. Die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln brachten diese Konfusion endgültig an das Tageslicht. Seitdem versuchen alle, sich ihren jeweils eigenen Reim darauf zu machen, um das sich ausbreitende Gefühl des Kontrollverlustes nicht aufkommen zu lassen. Das kam gestern Abend gut zum Ausdruck. Es wurde alles angesprochen, aber nichts ausdiskutiert. Hatte die Diskussion mit Neumann noch ein Struktur, zerfaserte sie völlig als es um die Aufarbeitung von Köln ging. Mit der einen Ausnahme der Studentin Michelle, die ihre Erlebnisse schilderte, ohne jeden Anspruch auf Repräsentativität wie sie betonte. Sie musste aber auch nicht Erklärungen liefern für das, was sie erlebte.

          Emanzipation als neue Erfahrung

          So formulierte der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer ein gutes anthropologisches Argument. Das war auch der Grund, warum er schon zu einem Zeitpunkt über die Täterschaft von Flüchtlinge geredet hatte, als das noch keiner wissen wollte. Diese zumeist jungen Männer haben zwei Probleme: Kein Geld und keinen Sex. Letzteres konnte er aber nicht mehr aussprechen, weil der CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer darin gleich den Versuch der Legitimation dieser sexuellen Übergriffe vermutete. Um sich anschließend mit Beck darüber zu streiten, ob das ein Argument für oder gegen den Familiennachzug sein könnte. Dabei sprach Pfeiffer lediglich eine Selbstverständlichkeit an. In jeder menschlichen Gesellschaft wollen junge Männer ein angemessenes Einkommen und das Ausleben ihrer Sexualität sicherstellen. Wenn man hunderttausende junge Männer in dieses Land einreisen lässt, und deren Integration als Leitlinie politischen Handelns definiert, wird man sich mit diesen menschlichen Grundbedürfnissen beschäftigen müssen.

          In westlichen Gesellschaften hat man allerdings eines gelernt. Diese sind nicht mehr das Privileg junger Männer, sondern auch das von Frauen. Weshalb Männer diese Bedürfnisse nicht in Form von Gewaltverhältnissen durchsetzen können. Legitime Sexualität gibt es bei uns nur noch einvernehmlich und als Aushandlungsprozess zwischen den Geschlechtern. Beide Seiten wissen übrigens, wie mühsam Emanzipation in der Praxis werden kann. Warum das eine Emma-Redakteurin wie Chantal Louis nicht deutlich machen konnte, war ein Rätsel. Sie beschäftigte sich lieber mit der sonderbaren These, ob der IS in Köln versucht haben könnte, die deutsche Willkommenskultur zu diskreditieren. Wir hätten es allerdings mit organisationssoziologischen Wunderknaben zu tun, wenn sie solche Massenphänomene steuern könnten.

          Emanzipation ist halt auch bei uns eine historisch neue Erfahrung, worauf Beck und Pfeiffer hinwiesen. Schließlich durften Frauen bis zum Jahr 1974 noch nicht einmal eine Arbeit ohne Einverständnis ihres Ehemannes aufnehmen. Diesen kulturellen Wandel der Mehrheitsgesellschaft konnten bis heute viele Migrantenmilieus nicht nachvollziehen, selbst wenn sie hier seit Jahrzehnten leben. Das wurde zwar in der Sendung deutlich. Nur sind das dann für die meisten Flüchtlinge erst recht böhmische Dörfer, selbst wenn sie aus dem Orient kommen. Daraus könnte man eine gewisse Skepsis über die Chancen einer auch gestern Abend wieder allseits propagierten Wertevermittlung moderner Geschlechterverhältnisse entwickeln. Oder über das Beharrungsvermögen tradierter Rollenverständnisse in solchen Milieus reden, die zumeist noch nicht einmal wissen, wer Alice Schwarzer ist.

          Reformbereitschaft des Kölner Katholizismus

          Daraus ließe sich somit ein Realitätsbewusstsein über das Konfliktpotential einer ungesteuerten Zuwanderung aus Regionen entwickeln, wo Sexualität weitgehend tabuisiert ist. Davon konnte in dieser Sendung zwar nicht ernsthaft die Rede sein, aber dafür wurden die Defizite unserer bisherigen Integrationspolitik deutlich. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime schilderte anschaulich, wie sich das gesellschaftliche Klima nach Köln zusehends verschärft hat. Mazyek ist ein Vertreter des deutschen Islam. Warum will man ihn dann für die Desaster in Saudi-Arabien oder Afghanistan verantwortlich zu machen? Das ginge ihn nichts an, womit er recht hat. Aber Frau Louis sprach ihn auf Internetplattformen wie Islam.de an, wo ein recht altväterliches Moral- und Geschlechterverhältnis propagiert wird. Seltsamerweise distanzierte sich Mazyek von diesem Angebot, obwohl die Verbindung zwischen Islam.de und dem Zentralrat offensichtlich ist. Dabei ist nichts dagegen einzuwenden, wenn dort ein konservatives Verständnis von Sexualität vertreten wird, das heute selbst in der CSU eines Andreas Scheuer selten anzutreffen sein wird. Ein Zentralrat der Muslime darf ein islamisches Moralverständnis haben. Die Frage ist nur, ob wir Integration weiterhin mit dem Exklusivitätsanspruch einer Religionsgemeinschaft verwechseln wollen?

          Damit machte man sich nämlich abhängig von der Reformbereitschaft dieser Religion. So werden aber alle Muslime ausgeschlossen, die ein modernes Religionsverständnis haben und diese nicht mehr als einen altväterlichen gesellschaftspolitischen Entwurf betrachten. Alice Schwarzer wäre sicher nicht auf die Idee gekommen, die Emanzipation der Frauen von der Reformbereitschaft des Kölner Katholizismus abhängig zu machen. Wobei dieser schon immer eine gewisse Flexibilität bewiesen hatte, etwa zum Karneval bei der Relevanz des sechsten Gebotes. So verdiente sich Frau Maischberger gestern Abend noch einen weiteren Preis, den in der Kategorie für unbeabsichtigte  Einsichten: Nämlich was eine moderne Gesellschaft auszeichnet. Und was Flüchtlinge akzeptieren müssen, wenn sie hier sesshaft werden wollen.

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