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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Eine Fähre von Izmir nach Hamburg

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Sandra Maischberger Bild: dpa

Kein Flüchtling müsste noch in der Ägäis ertrinken, gäbe es so eine direkte Route von der Türkei nach Deutschland. Ein ernstzunehmender Vorschlag also. Dass niemand ihn sich zu eigen machen wollte, zeigt die ganze Widersprüchlichkeit der Debatte.

          Vielleicht sollte sich die Große Koalition am kommenden Donnerstag nicht mit den umstrittenen Transitzonen für Flüchtlinge beschäftigen. Michael Räber, ein freiwilliger Helfer aus der Schweiz auf der griechischen Insel Lesbos, machte bei Sandra Maischberger einen interessanten Vorschlag, den man im Kanzleramt diskutieren sollte. Die Runde diskutierte über das mögliche Versagen der Großen Koalition angesichts des Flüchtlingsdramas. Auf Lesbos waren gestern nach Räbers Schätzung zwischen 7.000 und 8.000 Flüchtlinge angekommen. Er berichtete aber auch von ertrunkenen Menschen, die jeden Tag an den Stränden der Insel angespült werden. Um das zu verhindern, so sein Vorschlag, müsste man Fähren einsetzen. Sie sollten die Flüchtlinge aus der türkischen Hafenstadt Izmir abholen, um sie nach Athen oder nach Hamburg zu bringen.

          Was spricht eigentlich dagegen? Nichts. Es wäre ein Gebot der Humanität gegenüber den Flüchtlingen, die vor den Kriegen in Afghanistan, Syrien und dem Irak fliehen. Sie müssten sich nicht den Schleppern ausliefern, die bisher an der türkischen Ägäisküste die Überfahrt nach Lesbos organisieren. Sie ersparten sich zugleich die dramatische Wanderung über die Balkanroute nach Deutschland, die mittlerweile zu Spannungen ziwschen den Anrainerstaaten führt. Die Kanzlerin sprach in diesem Zusammenhang sogar von einer drohenden Kriegsgefahr. Beim Asylrecht könne es keine Obergrenze geben, so der frühere Bundesminister Norbert Blüm (CDU). Ralf Stegner, der stellvertretende Vorsitzende der SPD, betonte zudem die guten Gründe der Menschen, ihre Heimat zu verlassen. Sie kämen nicht wegen der deutschen Sozialleistungen oder weil die Kanzlerin falsche Signale in die Welt ausgesendet habe. Sie seien auf der Flucht vor den Fassbomben des Damaszener Tyrannen in Syrien. Diese wurden allerdings noch nie an der türkischen Ägäisküste abgeworfen. Bettina Gaus, hochgeschätzte Kollegin der taz, hielt dagegen die Dimension dieser Flüchtlingskrise für übertrieben. Es ginge schließlich um Bürgerkriegsflüchtlinge und nicht darum, den Rest der Welt nach Europa einzuladen.

          Keiner will die Fähre haben

          Das waren bedenkenswerte Argumente. Doch keiner der drei Gäste unterstützte die Idee des Schweizer Flüchtlingshelfer auf Lesbos. Sie sagten nichts zu diesem Vorschlag, obwohl er das Ertrinken der Flüchtlinge in der Ägäis verhindern würde. Stegner hielt deren Tod zwar für einen humanitären Skandal. Aber das Versprechen, die SPD werde sich im Kanzleramt für Fähren zwischen Izmir und Hamburg einsetzen, kam nicht über seine Lippen. Er will stattdessen die Schlepper bekämpfen und sich in der Flüchtlingskrise für die „Verantwortung der Weltgemeinschaft“ einsetzen. Die Türkei könnte diese Überfahrten unterbinden, sogar ohne die Weltgemeinschaft. Dazu äußerten sich weder Stegner noch Gaus oder Blüm. Sie hatten für solche pragmatischen Lösungen auf Grundlage ihrer eigenen Argumentation keine Zeit. Denn alle drei waren über Richard Sulik empört, Abgeordneter des Europäischen Parlaments aus der Slowakei.

          Er hatte es gewagt, einen logischen Zusammenhang zwischen der deutschen Politik der offenen Grenzen und den Toten in der Ägäis herzustellen. Die Flüchtlinge gingen jedes Risiko ein, um das offene Tor nach Europa - es ist Deutschland – zu nutzen. Blüm empfand diese Aussage als „Unverschämtheit“. Frau Gaus sprach von „Demagogie“, sie „verachte das“. Sulik hätte sogar die „Grenzen der Meinungsfreiheit“ überschritten. Letzteres muss man nicht sonderlich ernst nehmen. Es ist lediglich die Meinung von Frau Gaus in den „Grenzen der Meinungsfreiheit“, die das Grundgesetz erlaubt. Sie darf anderen Diskussionsteilnehmern den Mund verbieten. Sulik muss sich schließlich nicht daran halten. Stegner sprach dafür von der Wahrheit, die den Deutschen zuzumuten sei. Diese müssten die Flüchtlinge aufnehmen, weil im Grundgesetz nicht stünde, nur die Menschenwürde der hier Lebenden sei unantastbar. Zudem könnte Deutschland das Problem nicht alleine lösen.

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