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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Darüber spricht man nicht mit Unterhaltungskünstlern

  • -Aktualisiert am

Von den Leiden eines FDP-Anhängers: Sky du Mont Bild: dpa

Baring wollte streiten, Blüm nicht mitmachen, und zur Rentensystematik hatten die geladenen Unterhaltungskünstler nicht viel zu sagen: Sandra Maischberger blickte mit ihren Gästen auf das Jahr 2013 zurück.

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          Das Charakteristikum moderner Gesellschaften ist das Zählen, Messen und Wiegen. Erst wenn diese Welt quantifizierbar gemacht werden kann, findet sie statt. Insofern beantwortet sich die Frage von Dienstagabend: „Papst und Veggie-Day, Merkel und NSA: Was bleibt von 2013?“ durch einen Blick auf die Uhr.

          Frau Maischberger beschäftigte sich mit der Bundestagswahl und deren Folgen fünfzig Minuten, mit dem NSA-Skandal und Uli Hoeneß jeweils zehn Minuten. So blieben für die Sexismus-Debatte und Rainer Brüderle zwei sowie den neuen Papst noch drei Minuten. Wenn man ins Detail gehen wollte, wäre das Ausfüllen des Stimmzettels für das SPD-Mitgliedervotum durch den Kabarettisten Ingo Appelt von ähnlicher Bedeutung gewesen, wie die Wahl von Papst Franziskus. Wenigstens was die Beanspruchung der knappen Ressource Sendezeit betrifft.

          Was fehlt in der Sendung?

          Was keine Sendezeit beanspruchte, waren außenpolitische Themen. Mit keinem Wort war von Syrien oder dem Nuklearabkommen mit Iran die Rede. Genauso wenig verlor man ein Wort über die Lage in Afrika, die französischen Interventionen in Mali und der Zentralafrikanischen Republik, den Terroranschlag in Nairobi oder den Umsturz in Ägypten. Dabei wird das alles in der historischen Rückschau auf das Jahr 2013 sicherlich eine größere Bedeutung haben als der Aufschrei in sozialen Netzwerken über Brüderle, die Steuerhinterziehung eines Managers aus der Unterhaltungsindustrie Fußball oder grüne Ideen über einen fleischlosen Tag.

          Die Chefredakteurin der „taz“, Ines Pohl, machte in der Sendung eine interessante Beobachtung zur Europapolitik. Sie diagnostizierte eine deutsche Nabelschau, die etwa die Lage in Südeuropa weitgehend ignoriere. Tatsächlich sollte man solche Rückblicke unter einem anderen Aspekt betrachten. Die Frage ist dann nicht, was von 2013 bleibt, sondern, was in der Sendung fehlt. Das sagt nämlich mehr über die geistige Verfassung der Republik aus als die meisten Diskussionsbeiträge. Die ermöglichten aber auch Erkenntnisse.

          Eine Debatte und ihr schnelles Ende

          Deutschland, so meinte der Historiker Arnulf Baring, habe sich in beängstigendem Umfang entpolitisiert. „Ist es nicht das Hauptproblem, dass wir über nichts mehr streiten?“, so seine These. Umgehend bemühte er sich gleich zu Beginn der Sendung darum, das zu ändern. Er finde es „unglaublich, was in diesem Land passiert“ und nannte die Rentenpolitik der großen Koalition als Beispiel. Er hoffte dabei natürlich auf den ehemaligen Arbeits- und Sozialminister der Kohl-Ära, Norbert Blüm, als seinen seit Jahrzehnten bewährten Kontrahenten.

          Der hatte nur offenkundig keine Lust mehr, mit Baring eine so plakative wie beliebige Diskussion über die Rente als den Dauerbrenner „Generationenkonflikt“ zu führen. Er begnügte sich daher mit eher technischen Bemerkungen zur Rentensystematik. So über den Unterschied zwischen einem staatlich finanzierten Fürsorgemodell und einer Sozialversicherung oder die unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen im heutigen System wegen der Problematik der Niveauabsenkung bei den Rentenanwartschaften. Damit war die Rentendebatte auch schon wieder beendet. Man hatte nicht den Eindruck, dass die anderen Gäste verstanden hätten, was Blüm eigentlich meinte.

          Befindlichkeit eines Schauspielers

          Genau das ist das Problem. Welchen Sinn soll es eigentlich haben, mit drei Unterhaltungskünstlern - neben Appelt waren noch die Schauspieler Sophia Thomalla und Sky du Mont eingeladen - über die Rentensystematik zu diskutieren? Sie haben zu dem Thema kaum mehr Fachkenntnisse vorzuweisen als der Zuschauer vor dem Bildschirm, eher weniger. Sie können nichts zur Meinungsbildung des Publikums beitragen, außer dass sie wohl irgendeine Meinung haben. Daher waren die Anmerkungen Sky du Monts über die neuen Medien besonders kurios. Er räsonierte über die zumeist „anonymen Blogger“, die mit dem „Schinkenbrot im Keller sitzend“ ihre Zeit mit mehr oder minder substanzlosem Gerede verbrächten. Das ist zwar tatsächlich nicht auszuschließen: Alle Online-Medien unterliegen dem Diktat der Aufmerksamkeitsökonomie.

          Was du Mont allerdings vergessen hat zu erwähnen: Seine Einladung zu Maischberger gehorcht dem gleichen Mechanismus. So verkündete deren Redaktion schon vor der Ausstrahlung der Sendung dem interessierten Journalisten, was uns du Mont mitzuteilen hatte. „Sie sind doch das Arschloch, das die FDP wählt“, wurde er auf offener Straße angepöbelt, berichtete er in der ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“. Er habe überlegt, ob er dieselben Reaktionen provoziert hätte, wenn er bekennender Linken-Sympathisant wäre. Das bleibt von 2013? Die Befindlichkeit eines Schauspielers?

          Nicht prominent genug

          Natürlich hätte die Redaktion etwa den FDP-Politiker Otto Fricke einladen können. Er war in der abgelaufenen Legislaturperiode Vorsitzender des Haushaltsausschusses im Bundestag gewesen. Er hat zwar politische Substanz aufzuweisen, aber einen entscheidenden Nachteil. Er ist wahrscheinlich nicht prominent und sexy genug. Was durchaus die Einladung von Frau Thomalla erklären könnte. Was die Redaktion unter Substanz versteht, drückte sie zudem bei Appelt aus. Er habe „unter den Augen der Kameras und Millionen von Zuschauern“ seine Zustimmung zum Mitgliederentscheid der SPD gegeben.  Es sei das erste Mal gewesen, „dass ich weiß, warum ich Mitglied einer Partei bin“. Und „dass es überhaupt zum Mitgliederentscheid kommen muss“, habe der Wähler zu verantworten. „Der Wähler ist der Drecksack!“

          Er, der Wähler, mag sicher Schinkenbrote. Das bleibt wahrscheinlich von 2013. Und was kommt 2014? Unter Umständen der Zusammenbruch Nordkoreas. Den können uns dann ja Boris Becker und Oliver Pocher erklären. Zählen werden beide können.

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