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TV-Kritik: Reinhold Beckmann : Zum Abschied eine Frage

  • -Aktualisiert am

Seine letzte Sendung: Reinhold Beckmann Bild: dpa

In seiner letzten Sendung widmete sich Reinhold Beckmann der Flüchtlingspolitik. Man kann darüber polemisieren – oder wie bei Beckmann über Menschen reden.

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          Man kann politische Talk Shows auf zwei Arten gestalten. Entweder als Sendung mit möglichst zugespitzten Positionen, wo jeder die Möglichkeit bekommt, sich entsprechend zu profilieren. Das nützt dem Unterhaltungswert und den eingeladenen Gästen, allerdings droht zumeist der Inhalt auf der Strecke zu bleiben. Das strategische Interesse an der Profilierung lässt Zwischentöne nicht mehr zu. Politiker haben nämlich ein Problem: Differenzierungen werden ihnen schnell als Schwäche ausgelegt. So flüchten sie sich entweder in die Floskelwolke oder sie treten mit besonderer Entschiedenheit auf.

          Die andere Variante versucht dem Zuschauer einen Einblick in die diskutierte Sache zu geben, damit er sich ein eigenes Bild von dem machen kann, was politisch gerade diskutiert wird. Letzteres ist für den Zuschauer das anspruchsvollere Format. Er sucht schließlich zumeist auch nur die Bestätigung von dem, wovon er schon längst überzeugt ist. Zwar haben beide Formate ihren guten Sinn. Allerdings muss man sich seit gestern Abend eins fragen: Warum hat die ARD ausgerechnet das für den Zuschauer anspruchsvollere Format eingestellt?

          Menschen statt eine anonyme Masse

          Wir sahen die letzte Sendung mit Reinhold Beckmann, der den ARD internen Dauerstreit um ihre Talk Shows mit seinem Rückzug beendet hatte. Er stand in den vergangenen Jahren für dieses zweite Konzept einer klugen Diskussionssendung. Er wählte häufig Themen, die nicht aktuell, aber trotzdem wichtig waren. Politiker wurden bei ihm zur Mangelware und wenn er sie eingeladen hat, ignorierte er den Parteienproporz.

          Seine letzte Sendung passte in dieses Verständnis. “Menschen auf der Flucht – letzte Rettung Europa?“, so hieß der Titel. Man erfuhr etwas über die Motive, die Menschen wie den Syrer Aram Ali im Jahr 2000 mit seiner Familie zur Flucht bewegten. Welche Probleme und bürokratische Hürden er heute bewältigen muss, wenn er seine Familienangehörigen aus der früheren Heimat nach Deutschland holen will.  Angesichts der chaotischen Zustände in Syrien oder der Türkei sei die Erwartung deutscher Behörden nach einer zeitnahen Registrierung durch die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR wohl auch „etwas schwierig“, so die Psychotherapeutin Elise Bittenbinder. Sie beschäftigt sich schon seit Jahren mit den Problem von durch Gewalterfahrungen traumatisierte Flüchtlinge.

          Gestern Abend stand die Perspektive der Menschen im Vordergrund, die ansonsten nur als anonyme Masse in Erscheinung treten. Als Zahlen, wenn es um die Asylbewerberstatistik geht. Als Bewohner jener Massenunterkünfte, die dem Außenstehenden in ihren Kasernen-ähnlichen Unterkünften wie eine Bedrohung vorkommen. Als Medienbilder, die jeden Tag in den Nachrichten auftauchen, wenn es um Syrien oder den Irak geht. Beckmann verzichtete bewusst auf jene politische Debatte, die gerade wieder beginnt. Nämlich die Flüchtlinge in erster Linie als Belastung und Bedrohung zu betrachten.

          Unbequeme Fakten

          Wir müssen uns mit einigen unbequemen Fakten vertraut machen, worauf der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt, hinwies. So ist angesichts der Situation im Mittleren Osten mit steigenden Flüchtlingszahlen zu rechnen. In Deutschland lebten schon heute in der EU die meisten Syrer und Iraker. Deshalb werden viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, wo ihnen die Verwandten den Einstieg in ein neues Leben erleichtern können. Zugleich werden 50 % der Asylbewerber dauerhaft bleiben, so Burkhardt. Die deutsche und europäische Politik sei darauf nicht vorbereitet. Den Grund nannte der Journalist der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl. Die Flüchtlingspolitik sei immer noch eine Abwehrpolitik gegen Flüchtlinge anstatt das, was Europa werden müsse: Ein „Aufnahmekontinent“ und ein „Asylkontinent“.

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