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TV-Kritik „Plasberg“ : Sie hatte halt Panik

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Der heimliche Hafen vieler deutscher Steuermilliarden: Blick auf die Bankenstadt Zürich Bild: KEY

Alice Schwarzer wusste den Auftritt bei „Hart aber Fair“ zu vermeiden. Umso ungezwungener diskutierte die Runde die Steuerhinterzieher des Tages.

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          Vor etwas mehr als einem Dreiviertel Jahr, Uli Hoeneß war mit einer missglückten Selbstanzeige in die Schlagzeilen geraten, druckten die Zeitungen kleine Prangerlisten deutscher Prominente, die es mit dem Finanzamt entweder auf- oder nicht so genau nehmen zu können glaubten. Paul Schockemöhle war dabei, Peter Graf. Boris Becker stand darin, Freddy Quinn. Post-Chef Zumwinkel, klar. Und das Handtaschen-Mitbringsel aus Dubai, das Michael Ballack beim Zoll anzugeben vergaß, tauchte manchmal ebenfalls auf. Aber der hatte es ja gut gemeint.

          Jetzt wurde diese Liste wieder verlängert, wenige Tage nur, nachdem der Journalist Theo Sommer wegen Steuerhinterziehung zu einem Jahr und sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden war. Und selbst Alice Schwarzer, deren Selbstanzeige vom „Spiegel“ publik gemacht wurde, erwies sich nur als mediale Durchgangsstation. Noch im Laufe des Montags lief ihr der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, ein Vertrauter von Klaus Wowereit, den Rang als Steuerhinterzieher des Tages ab.

          Wieder scheint es, als sei das Steuerhinterziehen in diesen Kreisen noch populärer und lohnenswerter als in der Putzfrauen-Liga. Und abermals meint man, irgendwann mal, wenn nur genügend Namen genannt sind (seit 2010 soll es mehr als 60.000 Selbstanzeigen gegeben haben), sei das Ganze aus Angst vor den Steuerfahndern, Daten-Händlern und Journalisten vorbei.

          André Schmitz Bilderstrecke

          Ist es irgendwann mal vorbei? Oder erst dann, wenn auch über den Letzten von ihnen im Rahmen einer eilig ins Programm geschobenen Talkshow gesprochen und der Schweizer Bankcomputer automatisch mit dem deutschen Fiskus verbunden worden ist? Das mit dem Bankcomputer jedenfalls sagte der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans gestern in einer leidlich vorhersehbaren, von der Redaktion jedoch lässig wie ein Kofferschmuggler aus dem Ärmel geschüttelten „Hart aber Fair“-Sendung zu den Enthüllungen um Alice Schwarzer.

          Die meisten Gäste waren auch lässig: Walter-Borjans trug sein Wir-können-auch-Anders-Lächeln spazieren. Wolfgang Kubicki, eher als Fachanwalt für Steuerstrafrecht denn stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender geladen, fühlte sich „etwas unwohl“ in „so einer Art Fernsehgericht“ und warnte vorsichtshalber vor allem auf einmal: vor der Verniedlichung von Straftaten, der Verletzung des Steuergeheimnisses und der mittlerweile „maßlosen“ öffentlichen Beschäftigung mit den geständigen Sündern. Und Schwarzers Anwalt Christian Schertz, der per Aufzeichnung ein kurzes Statement abgab, während Frau Schwarzer dem Trubel fernblieb, hieb in selbige Kerbe. Er sprach von einer medialen „Hetzjagd“ und unterstrich, dass es sich im vorliegenden Fall immerhin um eine korrekte Selbstanzeige gehandelt habe.

          Schwarzers selbstgerechter Erklärungsversuch

          Aber hat sich Schwarzer einen Teil dieser Aufmerksamkeit nicht auch selbst zuzuschreiben? Der frühere Intendant des Deutschlandradios, Ernst Elitz, der Schwarzers Selbststilisierung zum Opfer in einem „Bild“-Kommentar angegriffen hatte, verteidigte zumindest die „korrekte, ausgesprochen faire“ Vorgehensweise des „Spiegels“: „Sie hat das Geld gebunkert und nicht diejenigen, die darüber berichten.“

          Die Grüne Katrin Göring-Eckart – „Man nimmt dem Gemeinwohl das Geld weg!“ – machte unterdessen deutlich, dass sie die Worte ihrer Twitter-Meldung „Moralische Instanz?“ wirklich auszuformulieren versteht. Auch sie war über den Blog-Eintrag Schwarzers empört, weil die Frauenrechtlern die „Rufschädigung“ auf die politische Arbeit, die „Emma“-Kampagne etwa gegen die Prostitution, zurückzuführen sucht und von notwendigen Vorbereitung zu einer Art Emigration aus den dunklen Achtzigern fabulierte.

          Schwarzers Eintrag war aber auch Quark: Was für ein anmaßender, selbstgerechter Erklärungsversuch! Hätte sie nicht einfach schweigen und den „Shitstorm“, den auch der Wettermoderator Jörg Kachelmann mit einer ganzen Reihe hämischer Twitter-Kommentaren anzufachen suchte, über sich herziehen lassen können? Ein bisschen so, da hatte Walter-Borjans recht, wie es die damalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Kässmann nach ihrer nächtlichen Alkoholfahrt vormachte?

          Es kommt hart

          Die „Hart aber fair“ Redaktion zerlegte Schwarzers Internet-Notiz in einer deutschleistungskursgültigen Kurzanalyse in die Abschnitte „Fakten und Reue“, „Abgrenzung“, „Angriff“, „Verschwörungstheorie“, „Rechtfertigung“ sowie „Selbsturteil“. Das machte es für die Filmproduzenten Gisela Marx - sehr tapfer, aber nicht glücklich -  noch einmal schwerer, etwas Verständnis für die Lage ihrer Freundin zu wecken. Schwarzer müsse, obwohl Medienprofi, bei der Formulierung ihres Blog-Eintrags von echter Panik gepackt gewesen sein. Das war ihr einziger halbwegs nachhallender Satz.

          Plasbergs Frotzeleien hingegen, mit der von Schwarzer am Nachmittag bekanntgegebenen Stiftungsgründung müsse man „Geldwäsche“ womöglich „neu definieren“, konnte Marx ebensowenig umbiegen wie den Hinweis auf die Steuergelder, die Schwarzer mit einiger Hartnäckigkeit für den „FrauenMediaTurm“ in Köln beanspruchte. Aber was hätte Marx denn auch sagen sollen? Den Satz mit den Schweizer Konten, die einmal so gängig und verlockend waren, das einem das Illegale daran entfiel, wollte ja schon beim ersten Versuch keiner mehr hören.

          Wenn man so will und noch etwas braucht: ein gelungener Probelauf für die Talkrunden, die wir im März erleben, wenn der Prozess gegen Uli Hoeneß beginnt. Und heute Abend geht es bei Maischberger weiter: „Gefährliche Anlagen. Geldgeschäfte sind nichts für Feiglinge.“ Es kommt gerade aber auch hart.

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