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TV-Kritik „Nord bei Nordwest“ : Haben Sie heute Abend schon was vor?

Tiere seien die besseren Menschen, meint Hauke Jacobs (Hinerk Schönemann). Jule Christiansen (Marleen Lohse) findet ihn als Homo-sapiens-Exemplar ganz okay. Bild: Foto NDR

Ein Mann, der nicht gern redet, und zwei Frauen, die nichts lieber tun: In „Nord bei Nordwest - Käpt’n Hook“ ist Hinnerk Schönemann an vielen Fronten gefordert.

          Da haben sich die Richtigen gefunden. Die eine redet wie ein Wasserfall, die andere hält sich für besonders clever, und der Dritte im Bunde mag keine Menschen. Deswegen hat sich Hauke Jacobs auch Schwanitz als Lebensort ausgesucht. Er wollte in die am wenigsten besiedelte Gegend an der Ostseeküste. Dass hier unverhältnismäßig viele Verbrechen geschehen, wird er bald merken.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Hauke Jacobs sucht dermaßen Abstand, dass er nicht einmal eine feste Adresse an Land haben möchte. Auf einem Kahn lässt er sich nieder. „Jetzt sind Sie frei, junger Mann“, sagt der Alte, der ihm das Boot verkauft. Mit dem kann er jederzeit ablegen, wenn ihm danach ist. Da fällt niemand mit der Tür ins Haus. Dafür kippt direkt vor Jacobs’ Augen ein Wagen ins Wasser. Lona Vogt, die Chefin des örtlichen Polizeipostens, springt direkt hinterher, um den Fahrer zu retten. Während sie diesen noch wiederzubeleben versucht, hat der Neuzugang im Dorf auf den ersten Blick erkannt, dass nichts mehr zu machen ist - der Mann hat einen Genickbruch. Dass der Tote eine Tierarztpraxis führte und er eine solche aufmachen will, sei ja eine „geradezu unheimliche Koinzidenz“, meint Jacobs. „Oder auch Zufall“, sagt die Polizistin, die nicht ganz so schnell schaltet, wie sie Auto fährt. Doch der Tierarzt, der in einem früheren Leben Polizist in Hamburg war, wird ihr schon noch auf die Sprünge helfen. Zunächst aber will sie seinen Ausweis sehen. Man weiß ja nie.

          Niedergestreckt am Tisch

          Und man darf sich schon fragen, warum dieser Jacobs tags darauf die nächste und die übernächste Leiche findet. Zwei Fischer auf ihrem Boot, der eine niedergestreckt am Tisch, der andere in seiner Koje. „Der war so - in Unterhose -, als Sie ihn gefunden haben?“, fragt Lona Vogt. Jacobs antwortet mit einem konsternierten Blick. Was soll er auch sagen? „Kaliber neun Millimeter, kein aufgesetzter Schuss, keine Schmauchspuren“, meint er und geht. Die Kriminaltechnik wird seine Diagnose bestätigen.

          Ein Mann zwischen zwei (rothaarigen) Frauen - danach sieht die Konstellation auf den ersten Blick aus, die sich der Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt für „Nord bei Nordwest - Käpt’n Hook“ ausgedacht hat. Doch von „zwischen“ kann keine Rede sein, denn das Zwischenmenschliche ist nicht gerade die Stärke von Hauke Jacobs. Ihm ist jeder Smalltalk zu viel, ein Blick, ein Handschlag, ein „Moin“, das reicht. Ein Frauentyp gäbe sich anders. Dass ihn Jule Christiansen, die Assistentin der Tierarztpraxis, als Beifahrer auf ihr Motorrad zwingt, um möglichst schnell zu einer Notfall-OP zu brausen, bereitet ihm ob der damit verbundenen körperlichen Nähe sichtlich Unbehagen. Sitzt sie wiederum bei ihm im Jeep und macht leicht Flirt-Konversation ohne Atempause, bleibt ihm die Luft weg. Tiere sind die besseren Menschen, sagt Jacobs. Nur darin ist er sich vorläufig mit seiner emphatischen Kollegin einig. Wenn das so weitergeht, denkt man sich, wird es eine sehr norddeutsche Romanze. Die Rolle des Misanthropen und potentiellen Einsiedlers, der mitten im Schlamassel landet, hat der Autor Schmidt dezidiert für Hinnerk Schönemann angelegt, dem Spezialisten für staubtrocken-hintersinnige Pointen. Und auch Henny Reents als Lona Vogt und Marleen Lohse als Jule Christiansen haben es mit dankbaren Figuren zu tun. Die eine ist so schön schräg und unperfekt wie die andere, beide rücken Jacobs auf den Pelz.

          Und zu dritt haben sie es mit einem von Regisseur Marc Brummund souverän inszenierten Kriminalfall zu tun, der mindestens als eine Nummer zu groß für sie erscheint - bis hin zu einem sehenswerten Showdown. Doch Leuten, die keine Chance haben, sie trotzdem nutzen und dabei dann doch - schön unterkühlt selbstverständlich - eine gemeinsame Wellenlänge finden, schaut man bekanntlich besonders gern zu. „Schön, dass Sie jetzt in Schwanitz sind“, sagt die Polizistin Lona Vogt am Ende. Hauke Jacobs sitzt auf seinem Boot und hört ihre Nachricht auf seiner Mailbox laufen. Er geht nicht ran, aber: Er lächelt. Für den nächsten Fall sollte ihn die ARD auf jeden Fall wieder an Land holen.

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