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Münchener „Tatort: Wüstensohn“ : Ich kann machen, was ich will!

Undiplomatische Diplomaten: Konsul Abdel Saleh (Samir Fuchs, links) mit Nasir (Yasin el Harrouck) und im Hintergrund Staatsanwältin Anja Berger (Christina Hecke) zwischen den Kommissaren Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) Bild: Heike Ulrich/Claussen+Wöbke+Putz

Ist gegen den Diplomatenstatus kein Kraut gewachsen? Der „Tatort. Wüstensohn“ erinnert an den Spross von Gaddafi, der vor Jahren ganz München unsicher machte.

          2 Min.

          „Ich kann mit 180 durch München fahren!“, schleudert der junge Araber den Kommissaren Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) entgegen, als sie mit ihren Ermittlungen gegen ihn abermals vor eine Wand laufen. Denn Nasir (Yasin el Harrouk), den sie nach einer Spritztour mit Spitzengeschwindigkeiten und einer Leiche auf dem Beifahrersitz aus seinem Lamborghini zogen, ist nicht irgendein verzogener stinkreicher Sprössling. Er ist der Sohn des Emirs von Kumar, einem fiktiven Golfstaat mit absoluter Monarchie, Scharia und Öl wie Sand in der Wüste.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das bedeutet, ins Münchnerische übersetzt: Nasir ist einer wie der Sohn des libyschen Potentaten Gaddafi, der sich an der Isar einiges aufs Kerbholz schaffte, ohne dass je gegen ihn vorgegangen werden konnte wegen Fahrens ohne Führerschein und mutmaßlicher Drogengeschichten. „Diplomatische Immunität“ hießen die Zauberworte, die auch Nasir weiterschreien lassen: „Ich kann koksen, so viel ich will! Ich kann in der Disco rumballern! Ich kann machen, was ich will!“ - bis seine Worte sich zum Gebrüll eines Ohnmächtigen steigern. Und der „Tatort. Wüstensohn“ um eine richtig gute Szene reicher ist.

          Der Konsul weiß Bescheid

          Von denen gibt es einige in diesem Film des Regisseurs Rainer Kaufmann, die meisten gehen auf das Konto des Nachwuchsschauspielers Yasin el Harrouk, der in seinen Auftritt als Prinz vor allem eines packt: pure Energie. Sie bildet das perfekte Gegengewicht zu der Routine, mit der die beiden Veteranen unter den „Tatort“-Kommissaren die Sache anpacken.

          Den Toten auf dem Beifahrersitz nannte der Emirssohn seinen „Bruder“. Er wurde erschossen. Ein weiteres Opfer wird folgen. Doch Leitmayr und Batic dürfen nicht einmal das Auto des Prinzen berühren. Der wiederum redet mit den Polizisten nur, wenn ihm gerade danach ist oder der stets bestens informierte Generalkonsul (Samir Fuchs) dazu rät. Sonst lässt er, wie Leitmayr sagt, weiter „die Sau raus“: Partys feiern, für die sein Hilfsbubi Henk (herrlich schmierig: Wilson Gonzalez Ochsenknecht) den Stoff beschafft, und sich mit seiner Freundin Michaela treffen (überzeugend: Morgane Ferru). Die aber hatte auch eine Affäre mit dem ermordeten „Bruder“.

          Knowhow aus Bayern

          Geht es also um Eifersucht? Nicht nur. Es ist noch viel mehr faul im Staate Kumar, wie sich bald herausstellt, und im Freistaat auch. Dass aber diese arabische Diplomatengeschichte ihnen den Weg zu den Tätern versperrt, bringt Leitmayr und Batic gehörig in Rage. „Kameltreiber“, faucht der eine, „verdammte Teppichhändler“, der andere, da haben sie herausgefunden, dass der Emir eine U-Bahn in der Wüste bauen will, mit Knowhow aus Bayern, und flüchten sich in Dialoge wie: „Warum braucht der denn eine U-Bahn in der Wüste?“ - „ Weil’s oben zu sehr staubt.“ Wachtveitl und Batic können bei solchen Wortwechseln ihre ganze Lässigkeit ausspielen.

          Allein: Sie scheint zunächst ins Nichts zu führen. Bis Nasir auftaut und in Ivo Batic eine Art väterlichen Freund zu finden glaubt. Er ermittele „wie ein Falke“, lobt der Prinz, schenkt dem Kommissar einen Teppich, fragt, ob er nicht Polizeichef von Kumar werden wolle, und bewirtet ihn, bis Batic stöhnt: „Jetzt ist mir schlecht von dem ganzen Süßkram.“ Leitmayr knurrt, er sei auch einfach maßlos. Die Vergnüglichkeit (Buch: Alexander Buresch, Matthias Pracht) aber öffnet die Geschichte, plötzlich passt noch Waffenschieberei hinein, und ein Speicherstick wird tödlich wichtig (auch, weil man ihn besser in Szene setzen kann als Daten in einer Cloud), noch ein paar Klischees werden bedient und unterlaufen, und als Nasir ein orientalisches Klagelied im Keller anstimmt und auf einen Teetisch trommelt, gehen mit den Drehbuchautoren Alexander Buresch und Matthias Pracht die Araberhengste durch. Bis Leitmayr mit einer Ohrfeige alles klarmacht. So ist am Ende überhaupt nicht alles gut, aber das Polizistenduo hat sich wieder mehr als wacker geschlagen. Und wir haben gesehen: Von Beruf Sohn - das ist kein leichtes Schicksal.

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