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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Vorsicht, wenn der Anlageberater Gedichte vorliest!

Bei Maischberger, Karin Müller-Wohlfahrt erklärt Frank Lehmann wie ihr Anlageberater vorging Bild: ARD

Finanz-Analphabeten und Rattenfänger: Sandra Maischberger sprach mit ihren Gästen über das Geldanlegen. Leider verplemperte sie die Hälfte der Sendezeit mit einem dubiosen Einzelfall.

          Eigentlich ist es ja lobenswert, was sich Sandra Maischberger da vorgenommen hatte: Ein wenig Nachhilfe für den verunsicherten Sparer, dessen Geld auf dem Sparbuch in Zeiten der Niedrigzinsen von der Inflation und von der Steuer aufgefressen wird. Wer aber gestern Abend vor dem Fernseher gehofft hatte, etwas übers Geldanlegen zu lernen, der wurde enttäuscht. Das lag an den Gästen und am Aufbau der Sendung.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Erst ganz am Ende durfte der frühere ARD-Börsenmoderator Frank Lehmann zumindest die wichtigsten Grundregeln des Geldanlegens kurz ansprechen, von denen man aber eigentlich meinen sollte, sie seien längst bekannt: Etwa dass man nicht sein gesamtes Geld in eine einzige Anlage stecken sollte, sondern möglichst breit streuen muss. Dass höhere Zinsen auch mit höherem Risiko verbunden sind. Und dass nicht seriös ist, wer das leugnet. Stutzig sollte man werden, wenn Berater in der heutigen Zeit 8 Prozent festen Zins versprechen und gleichzeitig von Null Risiko reden. Man aber im Umkehrschluss auch nicht jedes Risiko verdammen sollte, weil es allein mit konservativen Geldanlagen wie Sparbuch, Tagesgeld und Bundesanleihen in der Niedrigzinsphase kaum möglich ist, die Kaufkraft langfristig zu erhalten. Und dass Aktienfonds nicht des Teufels sind, nur weil manche Deutsche mit Aktien schon einmal Geld verloren haben.

          Fast alle Gäste waren schon mal reingefallen

          Dass Geldanlegen eine schwere Sache ist, machte Maischberger schon in der Wahl ihrer Gäste deutlich. Außer Frank Lehman waren eigentlich alle mit ihrer Geldanlage reingefallen. Zumindest erzählten sie nur von ihren Misserfolgen. Das machte nicht unbedingt Mut. Der Schauspieler Dietrich Mattausch beispielsweise investierte in den 80er Jahren in einen geschlossenen Fonds und verlor dabei Geld. Vor einigen Jahren vertraute er dem Rat eines befreundeten Notars und lieh Investoren 100.000 Euro gegen Zinsen. Der Notar tauchte aber mit einem Teil des Geldes unter.

          Die meiste Zeit redete die Künstlerin Karin Müller-Wohlfahrt - Ehefrau des Münchener Sportarztes Müller-Wohlfahrt (Bayern München) – wie mehrfach betont wurde. Sie erzählte die Geschichte, wie sie Opfer eines Anlagebetrügers wurde und dabei über eine halbe Million Euro verlor. Und die Geschichte klingt wirklich reichlich naiv. So naiv, dass man Müller-Wohlfahrt schon fast wieder für den Mut bewundern kann, diese Peinlichkeit in aller Öffentlichkeit zu erzählen: Eigentlich wollte sie nur ein Haus verkaufen, daher hatte sie schon länger mit einer bestimmten Maklerin zu tun.  Worüber auch immer sich die beiden Frauen unterhielten, die Maklerin gab der Künstlerin stets Recht, was ihr schmeichelte. Irgendwann kam auch das Thema Geldanlage zur Sprache und da empfahl die Maklerin jemanden, den sie als echten „Guru“ anpries.

          Der Guru war ein Teddybär

          Als Müller-Wohlfahrt den Guru dann traf, machte der den Eindruck eines „gutmütigen Teddybärs“. Er sei ihr vorgestellt worden als ein Mensch, der auch betrogen wurde. „Er machte den Eindruck, als habe er sehr gelitten“, erklärte Müller-Wohlfahrt. Und die Künstlerin lies sich davon einlullen: Ähnlich wie zuvor schon die Maklerin erzählte auch der Guru ihr vornehmlich solche Dinge, die sie gerne hörte: Zum Beispiel dass man nach der Finanzkrise jetzt vorsichtig sein müsse. Dass Frauen auch eine eigene Meinung zu Finanzdingen haben sollten. Und er zeigte ihr Gedichte, hat sie ihr sogar vorgelesen. Dann war von einem Investment in Rohstoffe die Rede. Er versprach ihr hohe Zinsen, sie solle ein Darlehen geben – das Geld werde für Kupfer- und Silberminen gebraucht. Zweimal seien auch Zinsen gekommen, doch dann war das Geld weg. Immerhin zeigte Karin Müller-Wohlfahrt am Ende Mut und stellte Strafanzeige.

          Viele übersehen die Warnzeichen

          Tatsächlich schlagen viele Anleger Warnzeichen in den Wind, wenn hohe Zinsen locken. Oder vermeintliche Steuerersparnisse. Und manchmal sind sie auch blind, wenn sie die Grundidee einer Geldanlage gut finden. Das zeigte in der Sendung der Fall des Windkraftunternehmens Prokon. Die Firma warb lange Zeit auf Plakaten mit „sauberem Strom“ und attraktiven Zinsen – „zuverlässig sechs Prozent“. Hinzu kam ein rebellischer Geschäftsführer, der seine Windparks ohne die „bösen Banken“ finanzieren wollte, sondern mit Hilfe von Kleinanlegern. Grün sein und gleichzeitig reich werden, das klang für viele Anleger verlockend. Doch jetzt steht das Unternehmen vor der Pleite, vermutlich weniger aus betrügerischer Absicht, sondern aus ideologischer Verblendung und schlechter Kalkulation.

          Maischberger hatte zum Thema Prokon gleich zwei Gäste eingeladen. Der eine hält das Geschäftsmodell schon lange für gescheitert, der andere ist noch immer von der Idee angetan und gründete deshalb kurzerhand die Anlegergemeinschaft „Freunde von Prokon“. Sie sieht die Probleme der Windkraftfirma vor allem durch überzogene Panik der Anleger verursacht, die jetzt alle gleichzeitig aussteigen wollten, was auch jedes gesunde Unternehmen zu Fall bringen würde. Geklärt ist der Fall jedenfalls noch lange nicht endgültig, aber 75.000 Sparer zittern um ihr Geld – und es sieht nicht gut aus.

          Dresdner Schneeballsystem

          Dass es aber nicht immer die böse Gier ist, zeigte ein anderer Fall in der Sendung. Die Dresdner Tagesmutter Karin Hubricht hatte eisern gespart, um damit einmal ein Häuschen abbezahlen zu können. Dann machte sie den Fehler, ihr erspartes Geld bei der Dresdner Finanzfirmengruppe Infinus anzulegen. 7 Prozent Zinsen wurden ihr versprochen. Auch bei ihr kamen die Zinsen anfangs pünktlich, doch inzwischen besteht der Verdacht, dass die Firma Investoren in großem Stil mit einer Art Schneeballsystem abgezockt hat: Zahlungen an Anleger werden dabei eine Zeit lang durch die Einlagen von Neukunden finanziert.

          Als Sandra Maischberger sie fragte, ob sie nicht misstrauisch geworden sei, als es Berichte über große Partys der Eigentümer gegeben hat, antwortete sie offen: „Das wusste ich nicht – ich musste arbeiten“. Sie habe auch gar keine Zeitung. Sicher fühlte sie sich aber, weil der frühere Ministerpräsident Kurt Biedenkopf im Prospekt dafür warb.

          Leichte Beute für Rattenfänger

          An dieser Stelle gab Frank Lehmann wieder den Nachhilfelehrer – ein bisschen einfühlsam, aber auch ein wenig streng. Es sei wirklich seltsam, dass sich Biedenkopf für so etwas hergegeben habe. Aber sie hätte eben auch nicht ihr ganzes Geld in eine einzige Anlage stecken dürfen. Und dann wurde er so bestimmt, dass es fast ein wenig weh tat: „Die Deutschen sind Finanz-Analphabeten. Das macht es den Rattenfängern einfach“, analysierte er kühl.

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