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TV-Kritik : Religiös motivierte Wirrköpfe

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Es war der erste Auftritt von Alice Schwarzer seit den Berichten über ihr Schweizer Bankkonto. Doch Maischberger wollte Schwarzer nicht rehabilitieren. Es wurde eine kontroverse Sendung über die Terrorgruppe Islamischer Staat.

          5 Min.

          Dem christlichen Abendland kann niemand so schnell entkommen. Selbst dann nicht, wenn man wie Alice Schwarzer ihr ganzes Berufsleben mit ihm im Streit gelegen hat. Es war gestern ihr erster Auftritt im Deutschen Fernsehen gewesen, seitdem Medien über ihre Selbstanzeige beim deutschen Fiskus bezüglich ihres Schweizer Bankkontos berichtet hatten. Sie redete über ihren Fall mit drei Begriffen, ohne sie allerdings zu benutzen: Sünde, Buße und Vergebung. Nicht anders waren ihre Einlassungen zu interpretieren. Das ist auch kein Zufall. Unsere Geistesgeschichte und das Rechtssystem sind ohne diesen christlichen Hintergrund nicht zu verstehen. Sie brauchten aber zugleich die kritische Distanz zu dieser Tradition, um den Rechtsstaat und ein modernes Wissenschaftssystem auszuprägen. In dieser Nussschale lässt sich das Dilemma zusammenfassen, dem wir uns zur Zeit gegenüberstehen. Ist diese Aussage auch auf den Islam anwendbar? Oder ist er immer noch in der Geistesgeschichte und der Theologie seiner Frühzeit gefangen geblieben? Und was bedeutet das für Menschen, die sich heute zum Islam bekennen?

          Entmystifizierung mit Kopftuch

          „Angst vor Gotteskriegern: Bedroht dieser Islam auch uns?“, so der Titel der Sendung. ISIS ist bekanntlich in aller Munde. Der Nahost-Korrespondent des „Spiegel“, Christoph Reuter, machte deutlich warum. Sie operieren wie aus dem Lehrbuch des Machiavelli, so listenreich wie verschlagen im Umgang mit Freund und Feind. Auf diese Weise, so Reuter, vermochten sie das zu erreichen, was den islamistischen Hardlinern unter den Sunniten bis heute nie gelungen war. Ein Territorium, Kalifat genannt, nicht nur zu erobern, sondern auch zu halten. Ihre Dynamik bezögen sie aus einer Mischung der Wiederbelebung frühislamischer Mythen des kriegerischen Dschihad mit der höchst professionellen Nutzung moderner Technologien. Ist ISIS aber nun eine moderne oder archaische Organisation?

          Diese Frage konnte nicht diskutiert werden, weil es die Protagonisten bei Frau Maischberger zumeist vorzogen, den Islam theologisch zu diskutieren. Dabei, und diesen Hinweis verdanken wir wiederum Reuter, ist diese Frage „völlig fruchtlos“. Tatsächlich kann man den Islam, wie jedes andere Glaubenssystem, nur kontrovers diskutieren, weil die Wahrheit letztlich im Auge des Betrachters liegt. Die mörderische Interpretation, wie bei dem vom Salafismus geprägten Subjekt namens ISIS, ist genauso möglich wie jede andere. Etwa die rührenden Bemühungen der Journalistin Khola Maryam Hübsch, den Islam zu entmystifizieren, um ihn als eine moderne Religion mit der Trennung von Staat und Kirche zu interpretieren. Nur fragt man sich dann, welche Rolle eigentlich noch das Kopftuch bei ihr spielt? Die Entmystifizierung scheint schon bei weiblichen Rollenbildern halt zu machen. Eine moderne Begründung, außer die namens Mode, lässt sich dafür nämlich kaum finden.

          Als Christen gegen Alice Schwarzer demonstrierten

          Allerdings gehört es zur geschützten Privatsphäre, seine Sittengesetze selbst zu wählen, an denen man sich orientieren will. Sie müssen nur mit den Grundsätzen des demokratischen Verfassungsstaates vereinbar sein. Das Kopftuch ist nicht das Problem, sondern so Frau Hübsch, der politische Missbrauch der Religion durch den Islamismus. Und hier begann jene Debatte, die etwas mit der Fähigkeit zur Selbstkritik zu tun hat, allerdings auf allen Seiten. Der Journalist und frühere Muslim, Oliver Jeges, wies darauf hin. Er bezweifelte die Fähigkeit der Muslime, sich dieser Debatte zu stellen, anstatt sich in das Schneckenhaus der eigenen Glaubensgemeinschaft zurückzuziehen. Als Beispiel nannte er den fehlenden Widerstand von Muslimen gegen die Verbrechen, die im Namen ihrer Religion etwa von ISIS verübt werden. Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, bestritt das und wies auf die Opfer von ISIS hin: Es sind zumeist Muslime, wird aber bei uns in der Berichterstattung vergessen.

          Zugleich formulierte Mazyek den Vorwurf, die Muslime mit dieser Forderung einer permanenten Rechtfertigungslogik zu unterziehen. Tatsächlich kann man diese Rhetorik nicht mehr hören. Als ab den 1970er Jahren die katholische geprägte IRA in Nordirland terroristische Anschläge verübte, kamen die deutschen Katholiken bekanntlich nicht auf die Idee, gegen den Terror ihrer Glaubensbrüder zu demonstrieren. Das gilt ebenfalls für die deutschen Protestanten und ihr Verhältnis zu den nordirischen Unionisten. Allein dieser Vorschlag wäre absurd erschienen. Was haben die Christen bei uns mit den politischen Extremisten in Nordirland zu tun? Man protestierte daher lieber gegen den Vorschlag von Frau Schwarzer, den § 218 StGB abzuschaffen.

          Wahrheitsanspruch als Privatvergnügen

          Dieser Konflikt in Nordirland wurde also politisch interpretiert, wenn man auch den religiösen Hintergrund erklärte. Niemand wäre es eingefallen, die Katholiken in Deutschland als klammheimliche Sympathisanten des Terrors zu denunzieren. Diese Sichtweise fällt zur Zeit in Deutschland unter dem Tisch. Das Gerede von „den Muslimen“ artikuliert einen „Generalverdacht“, der in dieser Minderheit lediglich Solidarisierungseffekte auslösen kann. Hier hat Mazyek recht. In gleicher Weise wie Frau Hübsch, wenn sie auf die Übereinstimmung in der Islam-Interpretation zwischen Islamisten und manchen Islamkritikern hinweist. Nur zitierte Frau Maischberger eine Umfrage des Wissenschaftszentrums Berlin, die wohl auch Mazyek erstaunte. Danach sind etwa 45 % der Muslime in Europa der Meinung, der Westen wolle den Islam zerstören. Genauso viele haben kein Vertrauen in Juden und gar 60 % wollen keinen Homosexuellen als Freund haben. Das Problem des Zentralrates der Muslime ist nicht seine fehlende Repräsentanz in der eigenen Community oder die angeblich fehlende Distanzierung von den Kopfabschneidern namens ISIS. Vielmehr die offenkundige Unfähigkeit, innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft über solche Ergebnisse offen zu streiten.

          So muss sich niemand wundern, wenn der Fundamentalismus Boden gewinnt, wie es Jeges diagnostizierte, oder symbolische Handlungen, wie der Besuch einer Synagoge durch Mazyek, wirkungslos bleiben. Religiös motivierte Wirrköpfe gibt es auch bei Christen und Juden. Nur bleiben sie dort nicht ohne Widerspruch. Es kommen allerdings nur die Wirrköpfe auf die Idee, diese Kritiker als Atheisten zu denunzieren. Das Christentum musste in Europa nämlich schmerzhaft lernen, seinen Wahrheitsanspruch als Privatvergnügen zu begreifen. Hier liegt das Problem von Frau Hübsch oder Mazyek – und nirgendwo anders.

          Bruch aller zivilisatorischer Normen

          Das wurde durchaus deutlich bei dem Fall von Denis Reinders. Er starb mit Anfang 20 als Dschihadist. Er konvertierte mit 19 Jahren zum Islam, radikalisierte sich in der Berliner Salafistenszene, um schließlich in Pakistan nach dem wahren Glauben zu suchen. Er fand den Tod. Reinders stammte aus einer atheistisch geprägten Familie, wie seine Mutter deutlich machte. Außer einer metaphysischen Leere hat er in dieser Gesellschaft nichts mitbekommen, was mit Orientierung oder Sinnstiftung zu tun haben könnte. Wenn ISIS im Mittleren Osten ein machtpolitisches Vakuum nach dem Sturz der alten Regime ausnutzt, wie Frau Schwarzer meinte, so nutzen islamistische Hassprediger die geistige Armut in modernen Gesellschaften. Das Eintreten dieser Dschihadisten bei ISIS wird das Erweckungserlebnis mit jenem Machtrausch verbinden, den der Bruch aller zivilisatorischer Normen mit sich bringt. Das Erleben absoluter Macht, Herrscher über Leben und Tod zu sein, ist vor allem für junge Männer eine Versuchung. Als Deutscher sollte man das wissen. Aber das hat eben nichts mit jenen Muslimen zu tun, die das genauso gut wissen, wie wir selbst.

          Muslimische Gemeinden können mit solchen Dschihadisten nach deren Rückkehr nur überfordert sein. Sie sind tatsächlich eine „gesamtgesellschaftliche Herausforderung“, wie es Mazyek ausdrückte – und eine Bedrohung. Sünde, Buße und Vergebung prägen alle Weltreligionen. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn diese darüber nachdächten, welche Voraussetzungen moderne Gesellschaften erfüllen müssen, um damit umzugehen. Notfalls kann es auch ein Steuerverfahren sein.

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