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TV-Kritik : Religiös motivierte Wirrköpfe

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Es war der erste Auftritt von Alice Schwarzer seit den Berichten über ihr Schweizer Bankkonto. Doch Maischberger wollte Schwarzer nicht rehabilitieren. Es wurde eine kontroverse Sendung über die Terrorgruppe Islamischer Staat.

          Dem christlichen Abendland kann niemand so schnell entkommen. Selbst dann nicht, wenn man wie Alice Schwarzer ihr ganzes Berufsleben mit ihm im Streit gelegen hat. Es war gestern ihr erster Auftritt im Deutschen Fernsehen gewesen, seitdem Medien über ihre Selbstanzeige beim deutschen Fiskus bezüglich ihres Schweizer Bankkontos berichtet hatten. Sie redete über ihren Fall mit drei Begriffen, ohne sie allerdings zu benutzen: Sünde, Buße und Vergebung. Nicht anders waren ihre Einlassungen zu interpretieren. Das ist auch kein Zufall. Unsere Geistesgeschichte und das Rechtssystem sind ohne diesen christlichen Hintergrund nicht zu verstehen. Sie brauchten aber zugleich die kritische Distanz zu dieser Tradition, um den Rechtsstaat und ein modernes Wissenschaftssystem auszuprägen. In dieser Nussschale lässt sich das Dilemma zusammenfassen, dem wir uns zur Zeit gegenüberstehen. Ist diese Aussage auch auf den Islam anwendbar? Oder ist er immer noch in der Geistesgeschichte und der Theologie seiner Frühzeit gefangen geblieben? Und was bedeutet das für Menschen, die sich heute zum Islam bekennen?

          Entmystifizierung mit Kopftuch

          „Angst vor Gotteskriegern: Bedroht dieser Islam auch uns?“, so der Titel der Sendung. ISIS ist bekanntlich in aller Munde. Der Nahost-Korrespondent des „Spiegel“, Christoph Reuter, machte deutlich warum. Sie operieren wie aus dem Lehrbuch des Machiavelli, so listenreich wie verschlagen im Umgang mit Freund und Feind. Auf diese Weise, so Reuter, vermochten sie das zu erreichen, was den islamistischen Hardlinern unter den Sunniten bis heute nie gelungen war. Ein Territorium, Kalifat genannt, nicht nur zu erobern, sondern auch zu halten. Ihre Dynamik bezögen sie aus einer Mischung der Wiederbelebung frühislamischer Mythen des kriegerischen Dschihad mit der höchst professionellen Nutzung moderner Technologien. Ist ISIS aber nun eine moderne oder archaische Organisation?

          Diese Frage konnte nicht diskutiert werden, weil es die Protagonisten bei Frau Maischberger zumeist vorzogen, den Islam theologisch zu diskutieren. Dabei, und diesen Hinweis verdanken wir wiederum Reuter, ist diese Frage „völlig fruchtlos“. Tatsächlich kann man den Islam, wie jedes andere Glaubenssystem, nur kontrovers diskutieren, weil die Wahrheit letztlich im Auge des Betrachters liegt. Die mörderische Interpretation, wie bei dem vom Salafismus geprägten Subjekt namens ISIS, ist genauso möglich wie jede andere. Etwa die rührenden Bemühungen der Journalistin Khola Maryam Hübsch, den Islam zu entmystifizieren, um ihn als eine moderne Religion mit der Trennung von Staat und Kirche zu interpretieren. Nur fragt man sich dann, welche Rolle eigentlich noch das Kopftuch bei ihr spielt? Die Entmystifizierung scheint schon bei weiblichen Rollenbildern halt zu machen. Eine moderne Begründung, außer die namens Mode, lässt sich dafür nämlich kaum finden.

          Als Christen gegen Alice Schwarzer demonstrierten

          Allerdings gehört es zur geschützten Privatsphäre, seine Sittengesetze selbst zu wählen, an denen man sich orientieren will. Sie müssen nur mit den Grundsätzen des demokratischen Verfassungsstaates vereinbar sein. Das Kopftuch ist nicht das Problem, sondern so Frau Hübsch, der politische Missbrauch der Religion durch den Islamismus. Und hier begann jene Debatte, die etwas mit der Fähigkeit zur Selbstkritik zu tun hat, allerdings auf allen Seiten. Der Journalist und frühere Muslim, Oliver Jeges, wies darauf hin. Er bezweifelte die Fähigkeit der Muslime, sich dieser Debatte zu stellen, anstatt sich in das Schneckenhaus der eigenen Glaubensgemeinschaft zurückzuziehen. Als Beispiel nannte er den fehlenden Widerstand von Muslimen gegen die Verbrechen, die im Namen ihrer Religion etwa von ISIS verübt werden. Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, bestritt das und wies auf die Opfer von ISIS hin: Es sind zumeist Muslime, wird aber bei uns in der Berichterstattung vergessen.

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