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TV-Kritik : Religiös motivierte Wirrköpfe

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Zugleich formulierte Mazyek den Vorwurf, die Muslime mit dieser Forderung einer permanenten Rechtfertigungslogik zu unterziehen. Tatsächlich kann man diese Rhetorik nicht mehr hören. Als ab den 1970er Jahren die katholische geprägte IRA in Nordirland terroristische Anschläge verübte, kamen die deutschen Katholiken bekanntlich nicht auf die Idee, gegen den Terror ihrer Glaubensbrüder zu demonstrieren. Das gilt ebenfalls für die deutschen Protestanten und ihr Verhältnis zu den nordirischen Unionisten. Allein dieser Vorschlag wäre absurd erschienen. Was haben die Christen bei uns mit den politischen Extremisten in Nordirland zu tun? Man protestierte daher lieber gegen den Vorschlag von Frau Schwarzer, den § 218 StGB abzuschaffen.

Wahrheitsanspruch als Privatvergnügen

Dieser Konflikt in Nordirland wurde also politisch interpretiert, wenn man auch den religiösen Hintergrund erklärte. Niemand wäre es eingefallen, die Katholiken in Deutschland als klammheimliche Sympathisanten des Terrors zu denunzieren. Diese Sichtweise fällt zur Zeit in Deutschland unter dem Tisch. Das Gerede von „den Muslimen“ artikuliert einen „Generalverdacht“, der in dieser Minderheit lediglich Solidarisierungseffekte auslösen kann. Hier hat Mazyek recht. In gleicher Weise wie Frau Hübsch, wenn sie auf die Übereinstimmung in der Islam-Interpretation zwischen Islamisten und manchen Islamkritikern hinweist. Nur zitierte Frau Maischberger eine Umfrage des Wissenschaftszentrums Berlin, die wohl auch Mazyek erstaunte. Danach sind etwa 45 % der Muslime in Europa der Meinung, der Westen wolle den Islam zerstören. Genauso viele haben kein Vertrauen in Juden und gar 60 % wollen keinen Homosexuellen als Freund haben. Das Problem des Zentralrates der Muslime ist nicht seine fehlende Repräsentanz in der eigenen Community oder die angeblich fehlende Distanzierung von den Kopfabschneidern namens ISIS. Vielmehr die offenkundige Unfähigkeit, innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft über solche Ergebnisse offen zu streiten.

So muss sich niemand wundern, wenn der Fundamentalismus Boden gewinnt, wie es Jeges diagnostizierte, oder symbolische Handlungen, wie der Besuch einer Synagoge durch Mazyek, wirkungslos bleiben. Religiös motivierte Wirrköpfe gibt es auch bei Christen und Juden. Nur bleiben sie dort nicht ohne Widerspruch. Es kommen allerdings nur die Wirrköpfe auf die Idee, diese Kritiker als Atheisten zu denunzieren. Das Christentum musste in Europa nämlich schmerzhaft lernen, seinen Wahrheitsanspruch als Privatvergnügen zu begreifen. Hier liegt das Problem von Frau Hübsch oder Mazyek – und nirgendwo anders.

Bruch aller zivilisatorischer Normen

Das wurde durchaus deutlich bei dem Fall von Denis Reinders. Er starb mit Anfang 20 als Dschihadist. Er konvertierte mit 19 Jahren zum Islam, radikalisierte sich in der Berliner Salafistenszene, um schließlich in Pakistan nach dem wahren Glauben zu suchen. Er fand den Tod. Reinders stammte aus einer atheistisch geprägten Familie, wie seine Mutter deutlich machte. Außer einer metaphysischen Leere hat er in dieser Gesellschaft nichts mitbekommen, was mit Orientierung oder Sinnstiftung zu tun haben könnte. Wenn ISIS im Mittleren Osten ein machtpolitisches Vakuum nach dem Sturz der alten Regime ausnutzt, wie Frau Schwarzer meinte, so nutzen islamistische Hassprediger die geistige Armut in modernen Gesellschaften. Das Eintreten dieser Dschihadisten bei ISIS wird das Erweckungserlebnis mit jenem Machtrausch verbinden, den der Bruch aller zivilisatorischer Normen mit sich bringt. Das Erleben absoluter Macht, Herrscher über Leben und Tod zu sein, ist vor allem für junge Männer eine Versuchung. Als Deutscher sollte man das wissen. Aber das hat eben nichts mit jenen Muslimen zu tun, die das genauso gut wissen, wie wir selbst.

Muslimische Gemeinden können mit solchen Dschihadisten nach deren Rückkehr nur überfordert sein. Sie sind tatsächlich eine „gesamtgesellschaftliche Herausforderung“, wie es Mazyek ausdrückte – und eine Bedrohung. Sünde, Buße und Vergebung prägen alle Weltreligionen. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn diese darüber nachdächten, welche Voraussetzungen moderne Gesellschaften erfüllen müssen, um damit umzugehen. Notfalls kann es auch ein Steuerverfahren sein.

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