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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Rätsel Krebs

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Sandra Maischberger Bild: dpa

Ist der Krebs das letzte Tabu in unserer Gesellschaft? Mit dieser Frage beschäftigte sich Sandra Maischberger in ihrer Sendung.

          4 Min.

          Es gibt zwei Arten, um über Krebs zu sprechen. Abstrakt wie ein Arzt oder Wissenschaftler, der außer Kontrolle geratene Zellen diagnostiziert und analysiert, um daraus Rückschlüsse auf Behandlungsmöglichkeiten zu ziehen. Oder konkret, wie ein an Krebs erkrankter Mensch. Für ihn (und seine Angehörigen) bedeutet Krebs den Zwang, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen zu müssen. Zwischen diesen beiden Polen versuchte Frau Maischberger gestern Abend die Balance finden, also zum einen über die Krankheit aufzuklären und zum anderen mit ihren Gästen den tiefen Einschnitt deutlich zu machen, den die Diagnose „Krebs“ bedeutet. 

          Krebs als „chronische Erkrankung“

          Manfred Stolpe (SPD), ehemaliger Ministerpräsident in Brandenburg, benannte gestern Abend den Unterschied zwischen den Umgang mit der Krankheit heute und noch vor 10 Jahren. Sie sei enttabuisiert worden, weil Krebs nicht mehr zwangsläufig ein „Todesurteil“ bedeute. Tatsächlich ist Stolpe ein gutes Beispiel für die Fortschritte der Medizin, der er es zu verdanken habe, „heute hier noch sitzen zu dürfen“, um mit der Gastgeberin zu reden. Stolpe hat einen unheilbaren, weil metastasierten Darmkrebs der sogenannten Stufe 4. Er lebt damit seit 10 Jahren, obwohl ihm die Ärzte bei der Erstdiagnose eine Lebenserwartung von drei Jahren einräumten.

          Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes, übernahm den Part der Expertin in der Sendung. Krebs im Stadium 4 ließe sich, so ihre Aussage, in positiven Fällen in eine „chronische Erkrankung“ überführen. Man könnte den Krebs nicht mehr heilen, aber mit der Behandlung Lebenszeit – und vor allem Lebensqualität gewinnen.

          Manfred Stolpe hat metastasierten Darmkrebs der sogenannten Stufe 4.
          Manfred Stolpe hat metastasierten Darmkrebs der sogenannten Stufe 4. : Bild: dpa

          Nun verwies Frau Maischberger auf ein Interview mit dem Filmregisseur Helmut Dietl, der im vergangenen November seinen Lungenkrebs öffentlich machte. Dieser hatte unter Hinweis auf eine Überlebenswahrscheinlichkeit von lediglich 10 % eine klassische Krebstherapie aus Chemotherapie, Bestrahlung und Operation abgelehnt. Er fürchtete die Nebenwirkungen der Behandlung angesichts des unwahrscheinlichen Nutzens. Eine solche Entscheidung kann nur der Kranke selbst treffen. Das ist heute unumstritten.

          Frau Weg-Remers machte zudem das veränderte Selbstverständnis der Ärzte deutlich, die ihre Patienten nicht mehr als bloßes Objekt ärztlicher Kunst betrachteten. Allerdings wurde leider nicht deutlich, was es mit solchen Statistiken auf sich hat und worin überhaupt der medizinische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte besteht.

          Mechanismen der Informationsgesellschaft

          Tatsächlich war der Titel der Sendung ,“Rätsel Krebs: Die unheimliche Krankheit“, gut gewählt. Auch heute weiß noch niemand, warum Krebs entsteht und wie er sich bei jedem Patienten verhalten wird. Überlebenswahrscheinlichkeiten errechnen sich aus der Auswertung von Fallzahlen von Patienten mit identischer Diagnose. Sie sind Statistik und keine Prognose über den Einzelfall. Das gilt auch für die Krebsursachen. Raucher sterben signifikant häufiger an Lungenkrebs als Nicht-Raucher. Deshalb muss nicht jeder Raucher an Lungenkrebs sterben oder hat ein Nicht-Raucher die Garantie, gesund zu bleiben.

          Der medizinische Fortschritt beruht auf den Mechanismen der Informationsgesellschaft, die alle Poren dieser Gesellschaft einem revolutionären Wandel unterzieht. Computer ermöglichen eine bis vor kurzem für unmöglich gehaltene Diagnostik. Big Data ist hier die systematische Auswertung von Patientendaten, um die Effizienz von Behandlungen überprüfen zu können. Zugleich führte Vernetzung bei gleichzeitiger Spezialisierung, sowie die Standardisierung von Behandlungsmethoden zu dem von Frau Weg-Remers beschriebenen veränderten ärztlichen Selbstverständnis. Heute ist der Erkrankte nicht mehr in gleicher Weise wie früher davon abhängig, ob der Chefarzt in einer Klinik zufällig die neuesten Forschungsberichte gelesen hat – oder auch nicht.

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