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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Narzissmus und Egozentrik

  • -Aktualisiert am

Das Kindeswohl scheitert bisweilen an den eigenen Eltern. Bild: dpa

Das Kindeswohl steht im Mittelpunkt des Familienrechts. Dummerweise scheitert es bisweilen an den Eltern, wie in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ deutlich wurde.

          Von einer Paradoxie redet man umgangssprachlich, wenn das Gegenteil von dem eintritt, was ursprünglich beabsichtigt worden ist. So ist der Fall von Tobias Ritter zu beurteilen. Er lernte 1994 seine spätere Ehefrau kennen, heiratete, bekam mit ihr zwei Kinder. Die Ehe scheiterte, um anschließend in einem klassischen Rosenkrieg um die Kinder auszuarten. Schließlich entführte die aus Italien stammende Mutter die beiden Söhne, zuerst nach Italien, später sogar nach Slowenien. Die Mutter, so Ritter in der Sendung von Sandra Maischberger, wollte schließlich die Kinder über Frankreich in den Libanon bringen, um sie dem Zugriff des in München lebenden Vaters endgültig zu entziehen.

          In den letzten sechs Monaten dieses Dramas lebten die Kinder unter der Obhut der Großmutter in besagtem Slowenien. Ihre Mutter befürchtete, Polizei und Justiz deren Aufenthaltsort zu verraten, wenn sie mit ihnen Kontakt aufnehmen sollte. Am Ende lebten die Kinder ohne Vater und Mutter. Sie wurden eine Zeitlang zu Vollwaisen, weil sich die Eltern über den Umgang mit den Kindern nicht verständigen konnten. Die Schuldfrage ist für dieses Ergebnis sekundär. Sie kann an den Folgen nichts mehr ändern.

          Ein Rächer enterbter Männer

          Man kann kaum besser ausdrücken, was sich hinter dem Titel der Sendung verbirgt: „Krieg um Kinder - Wenn die Familie zerbricht“. In solchen Rosenkriegen werden die Kinder zu Waisenkinder, weil Vater und Mutter ihre Energien nur noch der Fortsetzung ihrer gescheiterten Beziehung widmen. Für die Kinder bleibt weder Kraft, noch Zeit. Ritter erschien in der Sendung als Opfer eines Willkürakts der Mutter. Das wurde ihm in Italien und Deutschland von den Gerichten auch bestätigt. Aber sein Kampf für die Kinder war zugleich ein Kampf für das eigene Selbstwertgefühl. Was am Ende besser gewesen wäre, um die Kinder einen jahrelangen Kampf zu führen oder den Willkürakt der Mutter letztlich hinzunehmen, lässt sich nämlich nicht so leicht beantworten.

          An dieser Stelle kam Detlef Bräunig ins Spiel. Er firmiert als sogenannter „Maskulinist“ und war als Buhmann der Sendung auserkoren. Das durchaus mit Gründen. Seine Pose des Rächers der enterbten Männer, der sich den Unterhaltszahlungen für seine Kinder trickreich entzieht, ist eine Karikatur über Selbstmitleid. Mit der schafft man es immerhin in das deutsche Fernsehen. Aber er machte zugleich deutlich, warum Ignoranz für die betroffenen Kinder von Vorteil sein kann. Bräunig hat zwei Kinder aus einer nicht-ehelichen Lebensgemeinschaft. Die Beziehung scheiterte, die Mutter zog vom Bodensee nach Köln und er traf eine Entscheidung. Aus der Distanz habe er keine Chance, auf die Erziehung der Kinder Einfluss zu nehmen. Seine Vaterrolle bliebe auf die Unterhaltszahlungen beschränkt. Seine Konsequenz war die Flucht ins Ausland.

          Anschließend musste der Staat den Unterhaltsvorschuss für die Kinder leisten. Heute habe er gegenüber den Kindern „keine Vatergefühle“ mehr, so seine Einlassung gestern Abend. Diese werden das gestern Abend gehört haben. Die darin liegende Verletzung schafft aber die nötige Klarheit. Immerhin kann man Bräunig nicht Heuchelei vorwerfen.

          „Wenn man sein Kind liebt, tut man das seinen Kindern nicht an“

          Aber jenseits dessen, wie man so ein Handeln beurteilt. Wäre es wirklich besser gewesen, wenn er wie Ritter um seine Kinder gekämpft hätte? Allegra Curtis, Tochter der Schauspieler Tony Curtis und Christine Kaufmann, charakterisierte ihre Eltern als „narzisstisch und egozentrisch“. Das ist keineswegs ein Privileg von Schauspielern, wie bei Bräunig zu erleben war. Letztlich bleiben Menschen mit dieser Persönlichkeitsstruktur, und zwar Männer wie Frauen, in der Opferrolle stecken. Sie können nicht, wie es die Familienrichterin Julia Scherf ausdrückte, zwischen der gescheiterten Partnerschaft und der lebenslangen Elternschaft unterscheiden.

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