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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Leichtigkeit ist keine deutsche Tugend

  • -Aktualisiert am

Diese Runde geht ans Runde: Sandra Maischberger mit Fußbällen Bild: WDR/Max Kohr

54, 74, 90... 2014? Kurz vor dem Eröffnungsspiel debattiert Sandra Maischbergers Stammtisch über die Titelchancen der deutschen Mannschaft. Was wohl passiert, wenn die hohen Erwartungen enttäuscht werden?

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          Was macht Fußball so populär? Sind es die einfachen Regeln, oder liegt es daran, dass fast jeder irgendwann selbst praktische Erfahrungen mit dem runden Leder gesammelt hat? Mitreden wollen jedenfalls alle. Und weil das Spiel von seinen Überraschungsmomenten lebt und schwer vorherzusagen ist, kann hinterher jeder selbst mit Irrtümern gut leben. So wurde Sandra Maischbergers Sendung über die morgen beginnende Weltmeisterschaft ein gelungenes Beispiel für das Demokratiepotential dieses Volkssports. Die Experten schwadronierten fröhlich herum und hätten jedem Stammtisch Ehre gemacht.

          So hatte jeder etwas aus seinem Fundus beizutragen. Der ehemalige Nationaltorhüter Toni Schumacher etwa berichtete vom Trainingslager vor der Weltmeisterschaft 1982. Da wurde gepokert und gesoffen, und es kam auch zu Leibesübungen sexueller Art. Die Mannschaft wurde Vizeweltmeister, was aber nicht als Ratschlag an den amtierenden Bundestrainer verstanden werden sollte. Müssen Nationalspieler heute Vorbilder sein? Alfred Draxler, Chefredakteur der „Sport-Bild“, wusste Neuigkeiten von Kevin Großkreutz zu berichten: Er habe in jenem mittlerweile berühmt gewordenen Berliner Hotel nicht nur sein Wasser nicht halten können, sondern zudem die Rezeptionistinnen mit Worten beleidigt, die er, Draxler, in einer solchen Sendung nicht wiedergeben könne. Woraufhin Rainer Calmund, einst Manager von Bayer Leverkusen, einwandte, auch andere Personen des „öffentlichen Lebens“, etwa Politiker, verhielten sich nicht immer vorbildlich. Daher solle man bei Großkreutz doch die Kirche im Dorf lassen.

          Wie soll man die Seiten vor dem Anpfiff füllen?

          Zum Glück muss Bundestrainer Löw nicht mit einem Exzentriker wie dem Nordiren George Best umgehen, in den 1960er Jahren Stürmer bei Manchester United. Er wurde legendär mit seinem wenig vorbildlichen Lebensstil: „Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben“, so Best. „Den Rest habe ich einfach verprasst.“ Derartiges ist in Brasilien im Camp der deutschen Mannschaft nicht zu befürchten. In ihrer Verzweiflung musste die „Bild“ deshalb sogar eine Spielerfrau als Kolumnistin verpflichten, um die Seiten bis zum ersten deutschen Spiel zu füllen. 

          Jörg Pilawa konnte von seinen Abenteuern als Berichterstatter der Fußball-WM 1994 erzählen, und Volkskomiker Oliver Pocher vom Kampf mit den Medizinbällen von Felix Magath. Das alles war so belanglos wie ein beliebiger deutscher Stammtisch, nur wird dieser nicht im Fernsehen übertragen. Die eigentlich spannende Frage im Vorfeld dieser Weltmeisterschaft wurde dann auch nur zu Beginn thematisiert: Warum sich nämlich die Erwartungshaltung an die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in den vergangenen Monaten so gedreht hat. Schließlich gilt dieses Team als die spielerisch beste deutsche Mannschaft aller Zeiten, die, so schien es seit der WM in Südafrika, alle Konkurrenten in Grund und Boden spielen kann. Wer sollte sie noch schlagen können?

          Zweifel an der Durchsetzungsfähigkeit

          Im Vorfeld aller Turniere seit 2002 seien die Erwartungen nie dermaßen groß gewesen, so Pilawa. Diesmal aber sieht jeder das spielerische Potential – und hat trotzdem Zweifel an der Durchsetzungsfähigkeit der Mannschaft. Draxler formulierte diese Skepsis. Es sei beim Bundestrainer bisher weder ein taktisches Konzept erkennbar, noch habe sich eine Stammelf herausgebildet. Soviel Verunsicherung hat es im Vorfeld einer Weltmeisterschaft selten gegeben - vielleicht nur 1938, als Deutschland bei der WM in Frankreich im Achtelfinale ausgeschieden war. Damals hatte man nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich aus politischen Gründen zwei gute Mannschaften mit unterschiedlichen Spielsystemen zu einer nicht funktionierenden neuen Mannschaft zusammengesteckt und sportlichen Schiffbruch erlitten. Es blieb das bis heute schlechteste Abschneiden einer deutschen Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft. 

          Ein Grund für diese Verunsicherung: Das 4:4 im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden am 16. Oktober 2012 in Berlin. Die Skandinavier hatten in der zweiten Halbzeit bewiesen, wie man gegen diese deutsche Mannschaft mithalten kann: Man muss ihr mit der nötigen Aggressivität den Schneid abkaufen. Also so, wie traditionell immer die Deutschen gespielt haben, wenn sie es mit spielerisch besseren Mannschaften zu tun hatten. Sandra Maischberger war so diskret, Schumacher nicht danach zu fragen, was das etwa im WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich bedeutet hatte. Sie begnügte sich mit seinen gehaltenen Elfmetern – und seinem Fehler im späteren Endspiel, der Italien zum Weltmeister machte.

          Die Deutschen und ihre Tugenden

          Schumachers rüde Attacke auf Patrick Battiston ist aber unvergessen, selbst wenn Maischberger schamhaft den Mantel des Schweigens darüber ausbreitete. Stattdessen zählte sie die zahllosen Verletzungen von Schumacher im Laufe seiner Karriere auf, als sich Schumacher sogar noch mit einem Kreuzbandriss ins Tor stellte. Diese Härte gegen sich selbst war nichts anderes als das, was bis heute als „deutsche Tugenden“ begriffen wird – und in dem brutalen Foul Schumachers gegen Battiston zu einem desaströsen Symbol wurde.

          Es fehlt dieser Mannschaft nicht nur an Führungsspielern, sondern, so der bei Maischberger unartikulierte Verdacht, es könnte sich um eine Truppe braver Jungs handeln, die am Ende sang- und klanglos untergeht. Zwar lobte die deutsch-brasilianische Moderatorin Jana Ina die „Toleranz der Deutschen“, gerade im Vergleich zu den erfolgsverwöhnten Brasilianern, die außer dem Titel nichts akzeptierten. Die „Bild“ jedoch, deren Rolle Draxler zu relativieren suchte, wird sicherlich nicht ihre Spielerfrau als Kolumnistin schreiben lassen, wenn die deutsche Mannschaft tatsächlich in der Vorrunde oder im Achtelfinale ausscheiden sollte.

          Was, wenn Deutschland früh ausscheidet?

          Dass Bundestrainer Löw dann „in Schwierigkeiten käme“, wie man gestern Abend einvernehmlich betonte, war der komödiantische Höhepunkt dieser Sendung. Dann wird man keinen Spaß mehr verstehen, sondern Löw wäre schon entlassen bevor er in der brasilianischen Wildnis auch nur seinen Koffer gepackt hätte. In den entsprechenden Sendungen in ARD und ZDF würde die fröhliche Stammtisch-Atmosphäre schwadronierender Experten dann jenem heiligen Ernst weichen, der dem Begriff „furor teutonicus“ alle Ehre macht. Von der satirisch anmutenden Mathematik eines Calmund bliebe wenig übrig: Er bemisst unsere Titelchancen auf "20 Prozent". Auch ansonsten wirkte er wie eine Kassandra, die zu ahnen scheint, warum Deutschland in diesem Jahr das Glück verlassen könnte. Schließlich, so Calmund, hätten selbst die Weltmeister von 1990 nur mit viel Glück die Qualifikation zur Endrunde überstanden.

          So beginnt morgen die Weltmeisterschaft mit jener Ungewissheit über den Ausgang, die die Faszination dieses Spiels ausmacht. Aber es bleibt ein Spiel. Man wird sehen, ob das die Deutschen immer noch so sehen, wenn die Mannschaft die hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllen kann. Leichtigkeit ist bis heute keine „deutsche Tugend“. Da sollte man sich nichts vormachen, trotz des launigen Stammtischs bei Sandra Maischberger.

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