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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Leichtigkeit ist keine deutsche Tugend

  • -Aktualisiert am

Ein Grund für diese Verunsicherung: Das 4:4 im WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden am 16. Oktober 2012 in Berlin. Die Skandinavier hatten in der zweiten Halbzeit bewiesen, wie man gegen diese deutsche Mannschaft mithalten kann: Man muss ihr mit der nötigen Aggressivität den Schneid abkaufen. Also so, wie traditionell immer die Deutschen gespielt haben, wenn sie es mit spielerisch besseren Mannschaften zu tun hatten. Sandra Maischberger war so diskret, Schumacher nicht danach zu fragen, was das etwa im WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich bedeutet hatte. Sie begnügte sich mit seinen gehaltenen Elfmetern – und seinem Fehler im späteren Endspiel, der Italien zum Weltmeister machte.

Die Deutschen und ihre Tugenden

Schumachers rüde Attacke auf Patrick Battiston ist aber unvergessen, selbst wenn Maischberger schamhaft den Mantel des Schweigens darüber ausbreitete. Stattdessen zählte sie die zahllosen Verletzungen von Schumacher im Laufe seiner Karriere auf, als sich Schumacher sogar noch mit einem Kreuzbandriss ins Tor stellte. Diese Härte gegen sich selbst war nichts anderes als das, was bis heute als „deutsche Tugenden“ begriffen wird – und in dem brutalen Foul Schumachers gegen Battiston zu einem desaströsen Symbol wurde.

Es fehlt dieser Mannschaft nicht nur an Führungsspielern, sondern, so der bei Maischberger unartikulierte Verdacht, es könnte sich um eine Truppe braver Jungs handeln, die am Ende sang- und klanglos untergeht. Zwar lobte die deutsch-brasilianische Moderatorin Jana Ina die „Toleranz der Deutschen“, gerade im Vergleich zu den erfolgsverwöhnten Brasilianern, die außer dem Titel nichts akzeptierten. Die „Bild“ jedoch, deren Rolle Draxler zu relativieren suchte, wird sicherlich nicht ihre Spielerfrau als Kolumnistin schreiben lassen, wenn die deutsche Mannschaft tatsächlich in der Vorrunde oder im Achtelfinale ausscheiden sollte.

Was, wenn Deutschland früh ausscheidet?

Dass Bundestrainer Löw dann „in Schwierigkeiten käme“, wie man gestern Abend einvernehmlich betonte, war der komödiantische Höhepunkt dieser Sendung. Dann wird man keinen Spaß mehr verstehen, sondern Löw wäre schon entlassen bevor er in der brasilianischen Wildnis auch nur seinen Koffer gepackt hätte. In den entsprechenden Sendungen in ARD und ZDF würde die fröhliche Stammtisch-Atmosphäre schwadronierender Experten dann jenem heiligen Ernst weichen, der dem Begriff „furor teutonicus“ alle Ehre macht. Von der satirisch anmutenden Mathematik eines Calmund bliebe wenig übrig: Er bemisst unsere Titelchancen auf "20 Prozent". Auch ansonsten wirkte er wie eine Kassandra, die zu ahnen scheint, warum Deutschland in diesem Jahr das Glück verlassen könnte. Schließlich, so Calmund, hätten selbst die Weltmeister von 1990 nur mit viel Glück die Qualifikation zur Endrunde überstanden.

So beginnt morgen die Weltmeisterschaft mit jener Ungewissheit über den Ausgang, die die Faszination dieses Spiels ausmacht. Aber es bleibt ein Spiel. Man wird sehen, ob das die Deutschen immer noch so sehen, wenn die Mannschaft die hoch gesteckten Erwartungen nicht erfüllen kann. Leichtigkeit ist bis heute keine „deutsche Tugend“. Da sollte man sich nichts vormachen, trotz des launigen Stammtischs bei Sandra Maischberger.

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