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TV-Kritik: Maischberger : Ist Humor ein Gift gegen Alzheimer?

In einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke in Mecklenburg-Vorpommern. Soziale Isolation ist Gift für Alzheimer-Kranke. Bild: dpa

Die Angst vor Demenz ist groß. Unsere alternde Gesellschaft ist auf dem Weg in die Epidemie. Aber kann man mit der Diagnose auch souveräner umgehen? Danach fragt Sandra Maischberger in ihrer Sendung - und vergisst, tiefer zu bohren.

          Die Alzheimer-Krankheit gehört zu den Gesundheitsthemen in deutschen Talksendungen, die eine Art Prominentenbonus genießen. Das soll jetzt nicht zynisch klingen. Aber es stimmt halt auch diesmal wieder: Um über Alzheimer zu sprechen, „die größte Angst von über vierzig Prozent der Bundesbürger“, wie Sandra Maischberger ihre jüngste Sendung einleitete, bedarf es nicht viel. Til Schweigers neuer Kinofilm „Honig im Kopf“, der am zweiten Weihnachtstag in die Kinos kommt, war für Maischberger jedenfalls Grund genug, einmal mehr über die Bildungslücken eben jenes Leiden zu sprechen, das uns alle so ratlos und viele verzweifelt zurücklässt. „Honig im Kopf“, so nennt im Film Schweigers Tochter in ihrer kindlich-heiteren Bildsprache den Zustand, in den der schwer demenzkranke Protagonist des Films, gespielt ausgerechnet vom Masterkomödianten Dieter Hallervorden, sukzessive versinkt. 

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Eine süßsaure Tragödie voller überraschender, nachdenklich stimmender Dialoge, wenn man den gezeigten Ausschnitten glauben darf. Die Frage also, die der Film stellt, lautet: Können wir als Gesellschaft noch lernen, mit dieser furchtbaren Diagnose Alzheimer, die in der alternden Gesellschaft auf dem Weg zur Epidemie ist, richtig umzugehen - halbwegs entspannt, vielleicht sogar souverän?

          Sandra Maischberger hat den Glauben daran offenbar noch nicht gewonnen. Wie sollte sie auch. Wen sie auch bisher eingeladen hatte in ihre Sendung, immer stand am Ende die Gewissheit, dass Alzheimer nicht heilbar, mehrheitlich kaum zu ertragen und auch sonst eine fast unmenschliche Prüfung für die Menschen drum herum ist. Filmproduzent und Komödienexperte  Schweiger kam nun die Rolle zu, die Endzeitstimmung etwas aufzuhellen, die Tsunami-Katastrophe des Alterns qua Entertainment etwas erträglicher zu machen. Es sollte ihm nur schwer gelingen. Nicht, weil Schweiger seinen „Unterhaltungsfilm“ in der Talksendung nicht zu verkaufen wusste.

          Hallervorden in der Demenz-WG

          Es waren vielmehr seine eigenen, oft lapidaren Kommentare, und noch viel gravierender im Vorab-Interview die sehr einleuchtenden und reflektierten Berichte Hallervordens nach seinem zweiwöchigen Demenz-WG-Selbsterfahrungstrip, die dem Zuschauer die grausame Realität vor Augen führten. Hallervorden verwendete den Begriff „schwer Herunterziehen“. Tatsächlich war der inzwischen 79jährige Schauspieler, der selbst das Glück hat, gesund zu sein, und auch einiges dafür tut, während der Dreharbeiten an seine psychischen Grenzen gekommen.

          Dieter Hallervorden, Emma Schweiger und Til Schweiger bei der Premiere ihre Kinofilms „Honig im Kopf“ in Hamburg

          Schweiger selbst und seine Schwester hatten vor bald dreißig Jahren den eigenen demenzkranken Großvater zu betreuen. Die beiden fanden das nicht belastend, sondern offenbar „lustig“. Jugend halt. Maischberger war davon so wenig überzeugt wie wir Zuschauer, und hätte es nicht die Bestseller-Autorin Martina Rosenberg in der Runde gegeben, die – Hallervordens niederschmetternde Erfahrungen verstärkend – von ihren traurigen Beobachtungen berichtete, wie ihre Mutter als „Mensch immer weniger wird“, man hätte den Eindruck  der maximalen Alarmiertheit und Angst, die gemeinhin mit dem Begriff Alzheimer verbunden sind, kaum richtig registriert an diesem Abend.

          Denn da war ja noch das Ehepaar Christel und Uwe Steglich, vierzig Jahre verheiratet und vor allem von ihrer Seite mit der Alzheimer-Erfahrung  (Gatte Uwe, sowie die Mutter kurz davor) gebeutelt, die als perfektes Verbindung auf eine erfrischende und zu Herzen gehenden Weise zeigten, wie dem Schicksal zu begegnen ist: „Wir leben gegen die Krankheit an.“

          Risikofaktoren für Alzheimer

          Gemeinsam, mit Gefühlen, mit Liebe, mit Gesprächen, mit der Betreuung der Enkel, mit Begegnungen und einem aktiven Freundeskreis. Soziale Isolation, hätte man daraus leicht den Schluss ziehen können, ist Gift für den Alzheimer-Kranken. Und es hätte gestimmt. Schweiger hat es, den Hirnforscher Hürther zitierend, am Ende auch auf den Punkt gebracht: Der beste Schutz ist, wenn man gebraucht wird.

          An der Stelle hätte Maischberger den Faden aufnehmen können. Sie hat eine Chance nicht nur in pädagogischer Hinsicht verpasst. Und das, obwohl mit dem Bonner Neurologen Frank Jessen vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen ein Experte in der Runde saß, der über die Möglichkeiten der Prävention, den Schutz vor der scheinbar unaufhaltsamen Krankheit des Gehirns, noch viel Wertvolles hätte beitragen können. Denn zu den bemerkenswertesten Erkenntnissen der letzten Zeit gehört zweifelsohne jenes Wissen über Risikofaktoren, die den Ausbruch von Demenz und die Beschleunigung des Hirnverfalls stärker beeinflussen als lange Zeit gedacht. Rauchen etwa und Diabetes, Alkohol und Bewegungsmangel, Bildungsmangel vor allem in jungen Jahren, Bluthochdruck im mittleren Alter, soziale Isolation im hohen Alter.

          Im „Haus Lethe“ bei Wismar lebt auch die 102 Jahre alte Eva Framm. Im Fall von Alzheimer gilt: Der beste Schutz ist, wenn man gebraucht wird.

          Natürlich kann sich, das Ganze unter dem Lebensrisikobegriff thematisierend, bei den Betroffenen leicht das Gefühl einstellen, selbst Mitschuld am tödlichen Leiden zu haben. Aber was nutzt es, die Genetik zu bemühen, wie Maischberger auch diesmal wieder mehrmals, und das Ausgeliefertsein zu betonen, wenn dies in der Absolutheit eben gar nicht mehr gilt?

          Eine Krankheit verliert auch dadurch an Schrecken, dass man die möglichen Wege aus der Hilflosigkeit explizit behandelt, auch in der nötigen Breite und Tiefe. Das Ehepaar Steger war Maischbergers Trumpf. Aber man hätte, wie gesagt, auf dem Weg weitermachen, nicht aufhören, sollen.

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