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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Grüne Smoothies für ewige Jugend

  • -Aktualisiert am

Sandra Maischberger diskutierte am Dienstag mit ihren Gästen über die richtige Ernährung Bild: dpa

Laktosefrei, ohne Gluten, vegan: Haben wir eine Obsession im Hinblick auf unser Essen entwickelt? Sandra Maischberger diskutierte das Thema mit perfekt gecasteten Gästen, die man gern regelmäßig in einer Comedy-Serie sehen würde.

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          Nicht oft sind nächtliche Talkrunden derart amüsant und unterhaltsam, wie es die Show von Sandra Maischberger an diesem Dienstagabend gewesen ist. Dass nicht in einer einzigen Minute Langeweile aufkam, lag vor allem an den gut ausgewählten Gästen, die sich nicht nur gegenseitig rasant in die Parade fuhren, sondern auch mit einer gesunden Portion Selbstironie eigene Spleens offenlegten. „Kein Salz, keine Milch - zu viel Stress ums Essen?“ hieß das Thema, und gleich zu Anfang zeigte sich, dass die Rollen klar verteilt waren: Der vegan lebende Kochbuchautor und Fitnessguru Attila Hildmann und der Medizinjournalist Werner Bartens waren erklärte Kontrahenten. Hildmann, der rund 800.000 Kochbücher verkaufte, spricht sich für einen diszipliniert-gesunden Lebensstil unter Verzicht auf tierische Produkte aus und nutzt sein kreatives Potential und seinen Waschbrettbauch seit Jahren, um dieses Konzept salonfähig zu machen. Bartens nimmt die Gegenposition ein: Ernährungsregeln dürfe man nicht zur Obsession werden lassen, auch Fast Food sei in Ordnung, es gehe um Lust: „Genießen ist das Wichtigste.“ Hildmann hofft auf gute Cholesterinwerte und ein gesundes Herz durch seinen veganen Lebensstil. Bartens erklärte, dass man Herzinfarkte auch durch den Zwang zur Selbstoptimierung herbeiführen könne.

          Auf dem cremefarbenen Sofa bildete der Arzt und Wissenschaftsjournalist Bartens gemeinsam mit Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ein Mediziner-Duo, das sich in den meisten Fragen einig war, im eigenen Alltag allerdings kaum unterschiedlicher vorgehen könnte: Bartens isst nach eigenen Angaben Nutellabrötchen zum Frühstück, Lauterbach greift zu Orangensaft und einer Schale Nüsse. Eine Minute dauere die Zubereitung, zwei weitere der Verzehr. „Hochgeschwindigkeitsfrühstück“, nennt Lauterbach das. Der SPD-Politiker gab in der Runde den toleranten Nahrungs-Nerd mit Salz-Spleen; er vermeidet akribisch Lebensmittel mit Salzzusätzen, um seine Blutgefäße zu schonen.

          „Sie sehen viel jünger aus“

          In diesem Dreieck versuchte die Schauspielerin Ursula Karven ihre Position zu behaupten: Sie schwört auf grüne Smoothies aus Algen und Brokkoli und glaubt daran, dass die Übersäuerung des Körpers an den modernen Zivilisationskrankheiten schuld ist. Deshalb versucht sie, ihren Körper in die pH-neutrale Zone zu bringen. Ihr geht es um „Leichtigkeit“ - die mache „wach im Kopf und schön“. Am Wochenende, erfuhr man, habe Karven ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert, mit einem fleischlosen Buffet. Selbst Udo Waltz, der unter den Gästen war, soll der Gastgeberin gesagt haben: „Mein Gott, war das gut.“ Lauterbach sagte etwas anderes zu Ursula Karven, als er von der Feier zum Fünfzigsten hörte: „Sie sehen viel jünger aus.“ Karven: „Danke, ich trinke ja auch grüne Smoothies seit Jahren.“

          In diesem Stil hätte das Ganze gern bis spät in die Nacht weitergehen können, denn man hatte den Eindruck, einer rührend-komischen, dabei völlig unvorhersehbaren Sitcom zuzusehen, nicht einer Talkrunde über ein ernstes Thema, denn tatsächlich bedrohen ernährungsbedingte Krankheiten, etwa Übergewicht, ja das Leben vieler Menschen. Sandra Maischberger schlug sich wacker und mit Humor, auch wenn sie mehr als einmal jemanden tadeln musste, der schon wieder mit „Studien“ argumentieren wollte. Die Studienlage, so viel war am Ende klar, ist wohl einfach noch etwas zu mau. Ob veganes Essen das ewige Leben oder wenigstens einen athletischen Körper bringen kann - man weiß es nicht. Und Bartens wie auch Lauterbach waren fein raus: Sie konnten sich zurücklehnen und alle positiven Effekte von Algen-Smoothies und Avocadosalat auf Placeboeffekte zurückführen. Denn dass Ernährungsstile, an deren Nutzen Menschen glauben, Placeboeffekte mit sich bringen, ist immerhin belegt. Dass Brokkoli, Himbeeren und Ingwer Bluthochdruck und Burn-out heilen, leider noch nicht.

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