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TV-Kritik: „Menschen bei Maischberger“ : Dumm und dreist

Warum fallen Anleger immer wieder rein, wollte Sandra Maischberger wissen Bild: dpa

Die meisten Anleger haben eine schlechte Finanzbildung. Viele Anlageberater stehen zugleich unter einem hohen Verkaufsdruck. Der Verlockung, die Dummheit der Anleger dreist auszunutzen, kann kaum einer widerstehen.

          Ein Fußballer, der seinem Berater einen Blankoscheck gibt. Ein 94-Jähriger, der all sein Vermögen in eine Geldanlage steckt. Ein Berater, der nur 800 Euro im Monat verdient und ein betrügerischer Berater, der sich gar nicht vor interessierten und naiven Kunden retten kann: Sandra Maischberger hatte eine illustre Runde zusammengestellt, die zwar wenig miteinander diskutierte, deren Einzelfälle für sich genommen jedoch die Abgründe der Geldanlage in Deutschland eindrücklich aufzeigten. Heraus kam ein differenziertes Bild, das sich wohltuend von der in der Politik verbreiteten Haltung absetzte: der arme Anleger wird betrogen und wir müssen ihn wie nur irgend möglich schützen.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Martin Schneider, ehemaliger Fußballprofi, hat seinem Anlageberater alle Papiere blanko unterschrieben. Vor so einem Verhalten kann kein Anleger geschützt werden. Er hat seinem Berater, den er aus seiner Heimatstadt kannte und ihn fast schon als Freund bezeichnete, voll vertraut. 250.000 Euro wurden allein in eine Aktie investiert, die nie existierte. Ansonsten hatte er viel Geld in Immobilien in Ostdeutschland angelegt, nicht zuletzt aus steuerlichen Gründen. Eine Million Euro hat Schneider so in den neunziger Jahren verloren. In manche geschlossenen Immobilienfonds muss heute noch nachgeschossen werden. Hannelore Hauptmann berichtet von ihrem Vater, der 2008 im Alter von 94 Jahren all sein Geld der Postbank anvertraut hat. Er glaubte, ein Tagesgeldangebot von 5 Prozent angenommen zu haben. Bekommen hat er zwei Fonds, darunter einen mittlerweile in Schließung befindlichen Immobilienfonds. Wie es dazu kam, ist bis heute unklar. Unterlagen hat der alte Herr nämlich keine darüber, in was er all sein Vermögen investierte.

          „Zwei Wochen Schulung

          Beide Fälle werfen ein erschreckendes Licht auf das Verhalten von Anlegern. Sie sind aber keine Einzelfälle. Solche Kunden machen es den Beratern leicht, ihnen etwas zu verkaufen. „Auf die Gier meiner Kunden konnte ich mich immer verlassen“, sagt Josef Müller. „Ich habe ihnen keine Renditen versprochen, sondern Träume, die sie sich mit dem Geld erfüllen konnten.“ Müller, seit dem 18. Lebensjahr querschnittsgelähmt, ist von seiner Gier eingeholt worden. Mehrere gut gehende Steuerkanzleien, teure Autos und Yachten waren ihm nicht genug. „Ich wollte immer mehr, ich wollte superreich werden.“ Die Kunden haben ihm seinen Betrug leicht gemacht. „Mich erreichten Gelder von Leuten, die ich gar nicht kannte, die haben das Geld einfach überwiesen“, sagt Müller. „Nach einer Woche haben sie dann angerufen und gefragt, ob ich es schon erfolgreich investiert habe.“ Müller saß seit 2006 wegen Anlagebetrugs fünf Jahre in Haft, lebt heute von einer Waisenrente und Vortragshonoraren.

          Dass die Berater nicht aus reiner Bosheit handeln, macht auch der Fall von Bernd Schröder deutlich, der für die Postbank Anlageprodukte verkauft hat. Er erzählt von Telefon-Partys. „Da hängen Sie solange am Hörer, bis Sie die 15 Kunden für Termine in der nächsten Woche gewonnen haben.“ Vor seiner Beratertätigkeit war er arbeitslos und hatte mit Geldanlage bis dahin nichts zu tun. „Nach zwei Wochen Schulung wurden wir dann auf die Kunden losgelassen.“ Schröder hat es nicht übers Herz gebracht, alle Verkaufsvorgaben zu erfüllen. 800 Euro netto habe er daher am Monatsende nur gehabt. Vielen Kollegen gehe es ähnlich. „Der Druck ist hoch, denn sie leben nur von den Verkaufsprovisonen.“ Als Schröder die immer härteren Vorgaben nicht mehr erfüllen konnte, wurde er entlassen.

          Dass beim Aufeinandertreffen schlecht gebildeter Anleger und unter erheblichem Druck stehender Berater keine guten Ergebnisse herauskommen können, bestätigen Recherchen der Journalistin Ute Waffenschmidt. „Wir haben mit unseren Testpersonen kein einziges gutes Ergebnis erzielt“, sagt Waffenschmidt. „Es wurden teure Produkte mit unseriösen Versprechen angepriesen, und auch noch ziemlicher Druck ausgeübt.“ Im Laufe der von 23.32 bis 0.46 Uhr in der ARD ausgestrahlten Sendung verstärkte sich daher der Eindruck, am besten ganz die Finger von der Geldanlage zu lassen. Das wäre sicherlich auch keine Lösung. Anja Kohl, Börsenjournalistin der ARD, riet daher, Rendite ganz neu zu denken. So könnte Geld in die Ausbildung von Kindern und Enkeln investiert werden: „Vielleicht erntet man dann jeden Tag eine emotionale Rendite.“ Ansonsten sollten die Anleger natürlich den Verstand einschalten. Mit ein wenig gesundem Menschenverstand wäre in der Tat schon viel gewonnen.

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