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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Die Weisen aus dem Gesternland

  • -Aktualisiert am

Barbara Rütting und Joachim Fuchsberger in Maischbergers Sendung Bild: WDR/Max Kohr

Vier Methusalems und ein Sündenfall: Das wichtigste Thema von Sandra Maischbergers Talkrunde war die allgemeine Politikverteufelung. Die ist unter Neunzigjährigen nicht weniger in Mode als überall sonst.

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          Dreihundertdreiundfünfzig Jahre Lebens- und Politikerfahrung hatte Sandra Maischberger zu Gast in der Sendung „Unser Rat der Weisen: Was zählt im Leben?“ Hintereinander gelegt käme man damit zurück bis ins Jahr 1661. In diesem Jahr starb in Frankreich Kardinal Mazarin und Ludwig XIV. (ein Vorläufer Wladimir Putins) nahm die Regierungsgeschäfte in die eigene Hand. Im Staatsrat wurde kräftig aufgeräumt, der absoluteste Absolutismus hatte begonnen. Der „Sonnenkönig“ machte dem Volk nicht einmal mehr vor, dass seine Meinung zählte: Aufgabe des Volkes war es, den im eigenen Glanz sich sonnenden Hofstaat zu finanzieren.

          Dass das Misstrauen gegen „die da oben“ heute nicht viel anders aussieht, machte Barbara Rütting klar, der quirligste und mit 86 Jahren jüngste Gast der Runde: Es sei kein Wunder, dass so wenige Leute in die Politik gingen, „wenn das alles so verlogen ist“. In Barbara Rüttings Fall ist die Abneigung durchaus persönlich motiviert. Die Schauspielerin und Tierschützerin saß sechs Jahre lang für die Grünen im Bayerischen Landtag, war sogar Alterspräsidentin, bis sie die Politik im Jahre 2009 plötzlich mit wehenden Fahnen verließ, weil diese sie gesundheitlich nahezu ruiniert habe. Von der eigenen Fraktion habe sie sich viele Kränkungen gefallen lassen müssen.

          Abneigungen gegen die Politik

          Über „seniles Hutzelweib“ habe sie noch lachen können, „aber dass einer dann schrieb, das Problem Barbara Rütting wird sich ja bald biologisch lösen, und darauf freue ich mich schon“, habe sie ungeheuer getroffen. Zusammengebrochen aber sei sie, als ihr klar wurde, dass sie bei allem Einsatz nichts bewirken konnte. Stets habe im Sinne der Fraktion abgestimmt werden müssen oder man sei „fertig gemacht“ worden. Das Ziel sei einzig, den anderen Parteien möglichst effektiv zu schaden.

          Joachim Fuchsberger, ein Jahr älter als Rütting, gezeichnet von einem Schlaganfall im vergangenen Sommer und offenbar darauf erpicht, von möglichst vielen Menschen „Blacky“ genannt zu werden, legte nach, indem er seine „große Abneigung gegen die Politik schlechthin“ schilderte. Beim Blick auf die kindischen Zänkereien der Großen Koalition sei es doch nur verständlich, dass der normale Bundesbürger sage: „Da traue ich keinem Menschen mehr.“ Einig waren er und Frau Rütting sich darin, dass es lediglich einzelne integre Personen im Haifischbecken Politik gebe, zu denen nun zufällig die ihnen gegenüber sitzenden Polit-Persönlichkeiten Hildegard Hamm-Brücher und Hans-Jochen Vogel gehörten.

          Hildegard Hamm-Brücher und Hans-Jochen Vogel

          Das nahm Vogel, der rhetorisch versierteste und kämpferischste der vier „Weisen“, zum Anlass zu einer feurigen Schelte: der Höhepunkt einer insgesamt eher gemütlichen Sendung. Er kämpfe dafür, sagte der sichtlich von der Meckerei genervte SPD-Grandseigneur, dass man an die Politik nicht übermenschliche Maßstäbe anlege, ohne in den eigenen Garten zu blicken. Intrigen, Verlogenheiten, Skandale, das gebe es doch überall, man denke derzeit nur an das Burgtheater.

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