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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Der Anfang vom Abschied vom Fernsehen

  • -Aktualisiert am

Vorbild Sonya Kraus

Warum hat der Schauspieler und Komiker, der sein Privatleben sonst sehr schützt, in seinem Buch diese Erfahrung öffentlich gemacht? Kerkeling erklärt es mit zwei Gründen. Er habe erlebt, wie die Moderatorin Sonya Kraus im Fernsehen über eine ähnliche Erfahrung berichtet habe, was ihn sehr beeindruckt und ihm Kraft gegeben habe - und das Gefühl, seine Geschichte könnte dem ein oder anderen auch helfen. Und beim Versuch, seine Autobiographie zu verfassen, habe er gemerkt, dass es ihm nicht gelingt, um diese Erfahrung drumherum zu schreiben.

„Dass es so einen Presseaufschlag gibt - das mag kokett klingen - das hab ich nicht erwartet“, sagt Kerkeling, und ob es Koketterie ist oder nicht: Die Frage hätte man ihm schon gerne gestellt, wie er denn nicht damit rechnen konnte, dass dieses ungeheure Erlebnis in seiner Kindheit nicht zu den größten Schlagzeilen führen könnte, nachdem zum Beispiel die „Bild“-Zeitung vor acht Jahren schon aus einer harmlosen Erzählung in seinem Jakobsweg-Buch eine endlose Kampagne für „Rückführungen“, also die Erforschung vermeintlicher früherer Leben, machte.

Popularität ist nicht nur ein Segen

Merklich zurückhaltend, als würde er die mögliche Schlagzeile schon mitdenken, äußert er sich über politische Themen. Darüber, dass er die Berichterstattung über Christian Wulff „unangemessen“ fand, und sich darüber geärgert habe, dass Demonstranten bei seinem Abschied im ägyptischen Stil Schuhe über den Zaun geworfen hätten: „Wir sind nicht von einem Diktator befreit worden!“ Oder darüber, dass es das gute Recht von Bundeskanzlerin Merkel sei, gegen das Adoptionsrecht von Homosexuellen sei - „sie müsste es aber begründen!“

Seine ganz besondere Popularität, das ahnt man, sie ist nicht nur ein Segen. Und vielleicht hat sein Vorsatz, den er bei Maischberger bekräftigte, nach seinem 50. Geburtstag im Dezember keine großen Shows mehr zu machen, auch damit etwas zu tun. Eine Ahnung davon, was ihn antreibt und was ihn abschreckt, im Leben und in seinem öffentlichen Wirken, verschafft diese Sendung den Zuschauern nicht, was nicht nur an der Verschlossenheit und Kontrolliertheit Kerkelings liegt, sondern auch daran, dass die amüsierwillige Moderatorin taub ist für alle Zwischentöne. Sie findet die Geschichte von Tante Lisbeth, die im Kloster lebte und Kerkeling nach dessen Fernseh-Outing durch Rosa von Praunheim dorthin beorderte, nur zum Kichern und nicht auch tragisch. Sie amüsiert sich sehr über die Großmutter, die sich in ihrer Demenz für eine junge Frau hielt. Und sie überhört Kerkelings Andeutungen, dass er seine Karriere keineswegs als so kometenhaft empfand, wie sie geschildert hat, sondern mit Höhen und erheblichen Tiefen erlebte, und fragt nicht nach.

Stattdessen trauert sie darum, dass man Kerkelings Figur des schmierigen Grevenbroicher Lokaljournalisten Horst Schlämmer nie wieder sehen dürfe. Kerkeling tröstet sie damit, dass der doch bestimmt wiederholt werde. Und man kann sich vorstellen, dass er es vielleicht ganz schön finden könne, dass er dann, anders als an diesem Abend, nicht immer dabei sein müsste.

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