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TV-Kritik: Menschen bei Maischberger : Die würden es ohne mich sowieso nicht schaffen

Moderatorin Sandra Maischberger Bild: dpa

Was geschieht, wenn in erweitertem Selbstmord ein Familienvater Frau und Kinder tötet? Bei Sandra Maischberger sprachen Menschen, die mit dem Leben davongekommen sind.

          Morde in der Familie sind ein faszinierendes Thema. Das Böse scheint hier jäh durchzubrechen, eben weil man über die Motive oft genug im Dunkeln tappt. Fassaden bekommen plötzlich Risse, wie aus heiterem Himmel werden Kinder und Ehepartner gemetzelt, wo doch alles in Ordnung, ja glücklich schien. In der Rückschau, nach der Tat, sieht es dann so aus, als habe sich eine jahrlange Kraftanstrengung entladen, die nie ein Ventil gesucht und gefunden hatte (bezeichnend die notorische Konfliktscheue der Täter), eben die Kraftanstrengung, alles normal und entspannt und bereichernd aussehen zu lassen und unter dem Druck solcher Simulation den Laden zusammenhalten zu wollen, tagtäglich neu und auf unabsehbare Sicht, mit einem Liedchen auf den Lippen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          „Nett, liebevoll, eigentlich ganz normal“ sei der Vater gewesen, bevor er nach zwanzig Jahren Ehe seine Frau hinterm Weinregal im Keller einbetonierte, erzählt Sebastian Paulus, sein Sohn. Bevor der Vater ein entsprechendes Geständnis machte (da waren die Ermittler schon im Haus und drohten, den Garten umzupflügen), hatte er jahrelang so getan, als sei seine Frau nach einem Streit einfach abgehauen, habe sich lediglich wenige Tage später mit zwei unbekannten Männern noch Klamotten aus dem Haus geholt. Was alles erlogen war, Täuschung wie die Vermisstenanzeige, die vom Vater eingereicht worden war.

          Und auch Christine Quiblier zweifelte nicht an ihrem Schwiegersohn, bis er ihre Tochter und die beiden Enkelkinder getötet und sich selbst von einer Brücke gestürzt hatte: „Er liebte seine Familie über alles, sie waren glücklich miteinander.“ Irgendwann verstummt das Liedchen, eine Psyche knallt durch, jemand will partout zum Nullpunkt zurück, gegen alles Gewordene und Gewachsene den erlösenden, den vernichtenden Befreiungsschlag führen.

          Die würden es doch ohne mich sowieso nicht schaffen

          Dann geschieht, was die Psychologin Justine Glaz-Ocik in Sandra Maischbergers Runde den „erweiterten Selbstmord“ nannte, jemand löscht seine Familie aus und anschließend sich selbst, Männer tun das öfter als Frauen, nicht selten aus pervertiertem Verantwortungsgefühl nach der Logik: die würden es doch ohne mich sowieso nicht schaffen, also erspare ich ihnen ein Weiterleben und nehme sie mit in meinen Tod – Selbstmord, erweitert. Eine Erklärung ist damit freilich nicht gewonnen, allenfalls ein Muster, nach dem so etwas abläuft. Die Psychologin blieb naturgemäß hilflos; dass Trennungen zugespitzte Situationen sind, die gewaltauslösend wirken können, hatte man sich schon gedacht. Erhellend ist das weiter nicht, denn wie viele Trennungen geschehen gewaltfrei und werden von beiden Partnern überlebt? Nein, die Psychologie unterstreicht eigentlich nur das Unerklärliche des Vorgangs, sobald sie anfängt, Erklärungen abzugeben.

          Und wohin, wenn die Not am größten ist,  eine Psychologie-Gläubigkeit führt, konnte man auf beunruhigende Weise bei dem Studiogast Christian Renner sehen. „Ich hab´s verstanden“, sagte er, als ihm vor Jahren erklärt worden war, warum seine Frau seinen achtjährigen Sohn, den sie doch so liebte, erstach. Wahnvorstellungen hätten sie zu der Tat getrieben, angeblich ohne jedes Vorzeichen, sie wurde in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht.

          Der Mann, der seinen Sohn verlor, stand für die „Das-Leben-geht-weiter“-Psychologie, dies aber eine gehörige Spur zu rasant und absolut. Das medizinische Schema schien ihn soweit zu entlasten, dass sich keine weitere Frage stellte. Aber was, um Himmelswillen, hat er denn verstanden, wenn er sagt: „Ich hab´s verstanden“? Wofür ist das Pathologische denn eine Erklärung? Wirft es nicht nur wieder neue Fragen auf?

          Hauptsache, man hat es ausgesprochen

          Wie bei Nicole Dill, die den Mordversuch ihres Freundes überlebte, den sie für einen liebenswerten Kerl hielt, ohne zu wissen, dass er schon einmal eine Frau vergewaltigt und umgebracht und dafür acht Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Leider unterschied die Gesprächsführung nicht wirklich zwischen Mustern und Gründen, was zu diesem munteren Durcheinanderreden führt, in dem jedes Sterbenswörtchen von Belang ist, Hauptsache, man hat es ausgesprochen.

          Auch wurde nicht recht klar, wo der Akzent der Sendung liegen sollte: bei der Tat und ihrer Ungeheuerlichkeit oder bei den mit dargebotenen Versäumnissen und Schlampereien von Justiz und Polizei, für deren Einordnung im Studio der frühere Kriminalhauptkommissar Peter Schnieders zuständig war, der wiederum als Buchautor von der „Faszination des Bösen“ spricht. Hier gingen die Dinge leider permanent durcheinander, ohne dass mal irgendwo so lange bei der Sache geblieben wäre, dass eine Chance zum Interessantfinden bestanden hätte.

          Zurück blieb eine Verständnislosigkeit durch alle Verstehensbekundungen hindurch, die bei Frau Maischberger mit einem bekanntermaßen besonders einfühlenden, ja lauschenden Gestus einhergeht, der eine beinahe familiär zu nennende Wärme verspricht.

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