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TV-Kritik: Maybrit Illner : Wenn es in der Gesellschaft zugeht wie in „Mad Max“

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Maybrit Illner Bild: ZDF und Svea Pietschmann

Mittlerweile fordern selbst linke Politiker mehr Polizei, um gegen die steigenden Einbruchszahlen vorzugehen. Die gestrige Illner-Sendung zeigte, dass man sich vielleicht stärker auf die gesellschaftlichen Ursachen konzentrieren sollte.

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          Cem Özdemir wartete auf diesen Moment den ganzen Abend. Er wollte diese eine Frage loswerden. Ob der Berliner Historiker Jörg Baberowski tatsächlich folgenden Satz gesagt habe: „Und wenn man nicht bereit ist, Geiseln zu nehmen, Dörfer niederzubrennen und Menschen aufzuhängen und Furcht und Schrecken zu verbreiten, wie es die Terroristen tun, wird man eine solche Auseinandersetzung nicht gewinnen.“

          Nur hatte er diesen Satz so nie gesagt, wie Baberowski klarstellte. Vielmehr hätte er auf einer Podiumsdiskussion in München im Jahr 2014  lediglich deutlich gemacht, dass man auf Interventionen etwa gegen den IS verzichten sollte, wenn man sich nicht auf dessen Logik einlassen will. Baberowski gilt bei einigen Linken als der Teufel in Gestalt rechter Umtriebe. Özdemir verfolgte mit diesem verfälschenden Zitat das Ziel der Denunziation.

          Alles, was Baberowski bei Frau Illner zu sagen hatte, sollte so entkräftet werden. Hier zeigte sich in schönster Weise, wie heutzutage politische Debatten funktionieren. In Wirklichkeit muss man darüber diskutieren, ob diese Logik von Baberowski überhaupt stimmt, selbst wenn man ihn richtig zitiert. Eine militärische Strategie des Gegenterrors funktionierte nämlich selten, wie etwa die USA im Vietnamkrieg erleben mussten. Sie ersetzt keine politische Strategie.

          Aber Özdemir ging es lediglich um die moralische Diskreditierung eines Kontrahenten, nicht um dessen Inhalte. Was er wohl dazu sagen würde, wenn man ihn in Zukunft in jeder Sendung fragte, ob der Bundesvorsitzende der Grünen seinen Lebensunterhalt mittlerweile selbst bestreiten kann? Ein Kredit des PR-Beraters Moritz Hunzinger hatte ihm im Jahr 2002 fast seine politische Karriere gekostet.

          „Mad Max Szenario“

          Dabei ging es in dieser ansonsten interessanten Sendung nicht um Sinn und Unsinn militärischer Interventionen. Vielmehr um die Frage, wie diese Gesellschaft mit Kriminalitätserfahrung umgeht. „Einbruch, Diebstahl, Überfall – Kriminalität ohne Grenzen?“, so der Titel der Sendung. Der Anlaß war nicht nur die vom Bundesinnenminister vor wenigen Tagen vorgestellte Kriminalitätsstatistik, sondern vor allem der schon seit längerem diskutierte Anstieg bei den Einbruchsdelikten.

          Dieser erzeugt mittlerweile ein zunehmendes Unsicherheitsgefühl bei vielen Menschen, keineswegs nur bei den unmittelbar Betroffenen. Sebastian Fiedler schildete warum. Fast jeder zweite Bürger kennt jemanden, der zum Opfer etwa von Einbrüchen geworden ist, so der stellvertretende Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Das verändert zwangsläufig das gesellschaftliche Klima. Politisch ist eben nicht die objektive Risikobewertung entscheidend, sondern das subjektive Empfinden der Bürger über die Fähigkeit des Staates, sein Eigentum und seine körperliche Unversehrtheit zu schützen.

          In dieser Konstellation gab es gestern Abend zwei interessante Protagonisten. So der erwähnte Baberowski. Er bezog sich auf einen großen französischen Soziologen, ohne ihn allerdings namentlich zu erwähnen. Baberowski diagnostizierte die Gefahr der Anomie, so nannte Émile Durkheim den Zusammenbruch des Normengefüges mit der Auflösung der darauf beruhenden sozialen Strukturen. Es ist in der Terminologie der Kulturindustrie eine Art „Mad Max Szenario“, das der Historiker noch mit Beispielen aus seinem persönlichen Umfeld erläuterte.

          „Zähne zeigen“

          Baberowskis Protagonostin war die Hannoveraner Soziologin Gina Wollinger. Sie hat klassische Empirie betrieben und 3.500 Einbrüche analysiert. Dabei kam sie zu interessanten Aussagen. Zum einen fand sie keine Bestätigung der seit langem formulöierte These, der Anstieg in diesem Deliktsfeld ginge ausschließlich auf das Konto professioneller Diebesbanden aus Osteuropa. Zum anderen sah sie regionale Gründe für diesen Anstieg, die bisher tatsächlich kaum diskutiert worden sind. Über beide Aussagen Frau Wollingers muss man ernsthaft diskutieren, weil sie Baberowskis „Mad Max Szenario“ vom theoretischen Kopf namens Anomie auf die empirischen Füße stellt. Dieser hat ja nicht Unrecht, wenn er auf den zivilisatorischen Fortschritt des staatlichen Gewaltmonopols hinweist. Oder dass dieses überhaupt erst die Voraussetzung für eine weltoffene und tolerante Gesellschaft ist.

          Allerdings hat Baberowski hier das gleiche Problem, wie bei seiner These vom Gegenterror als militärische Strategie. Der Staat müsste „Zähne zeigen“, damit er sich bei Kriminellen nicht lächerlich machte. Nur wie soll der Staat sein Gebiss zeigen, wenn bei Einbruchsdelikten die fehlende „Entdeckungswahrscheinlichkeit“ das eigentliche polizeiliche Problem ist? Und diese Forderung macht bei Gewaltdelikten genauso wenig Sinn. Sie gehen schon seit geraumer Zeit zurück, worauf Frau Wollinger hinwies. Es wäre übrigens spannend zu wissen, ob dieser Rückgang empirisch mit einer härteren Gangart der Justiz in Verbindung zu bringen ist.

          Dabei hat sich das politische Klima in der Kriminalitätsdebatte längst verändert. Die den Linksliberalen gerne vorgeworfene Naivität im Umgang mit Straftätern ist einem neuen Realismus gewichen. Sogar ein Özdemir verlangt heute mehr Polizei und die konsquente Bestrafung von Tätern jeglicher Herkunft, wenn er nicht gerade im Internet nach Zitaten von Baberowski sucht. Der CSU-Innenpolitiker Stephan Mayer wirkte schon etwas verzweifelt, weil er bei seinem grünen Bundestagskollegen kaum noch Ansatzpunkte für eine politische Kontroverse fand. Er kann das aber durchaus positiv sehen: Sogar aus Sicht der CSU wäre damit eine schwarz-grüne Koalition im Bund möglich geworden. An Özdemir wird sie bestimmt nicht scheitern.

          So hat die Politik auf das subjektive Unsicherheitsgefühl der Bürger entsprechend reagiert. Rhetorisch, wie es Özdemir und Mayer gestern Abend praktizierten, aber auch durch Maßnahmen von Landesinnenministern und Kreispolizeibehörden. Die Bekämpfung der Einbruchsdelikte ist fast überall zu einem polizeilichen Schwerpunkt geworden. Ein Polizeigewerkschafter wie Fiedler hielt das verständlicherweise immer noch für unzureichend. Nur warum er den deutschen Föderalismus für das Problem hielt, blieb trotzdem ein Rätsel. Es gibt bei einigen Polizeigewerkschaftern offenkundig die unbeirrbare Neigung, in der Zentralisierung polizeilicher Arbeit die Lösung zu finden. Vielleicht sollte man in der nächsten Sendung einen Blick nach Frankreich werfen, um die dortigen Erfahrungen mit einem omnipotenten Zentralstaat auszuwerten. Aber dort gibt es bekanntlich zur Zeit andere Probleme als primär Einbruchsdelikte aufzuklären.

          „Unruhe stiften“

          Frau Wollinger stellte sogar die ketzerische These auf, ob mehr Polizei zwangsläufig bessere Fahndungserfolge bei Einbruchsdelikten garantierte. Sie formulierte ihre Zweifel, weil diese Täter zumeist zu wenig Spuren hinterließen. Vielleicht ist auch gar nicht die Forderung nach mehr Poizei die Lösung, sondern die Stabilisierung jenes sozialen Normengefüges, das Baberowski erwähnte. Da war der Streetworker Hammed Khamis, der nicht nur mehr Konsequenz beim Umgang mit straffällig gewordenen Gelegenheitskriminellen forderte. Er beschäftigt sich zudem in einem Präventionsprojekt mit jungen Leuten, um denen etwas von dem Normengefüge unserer Gesellschaft zu vermitteln, von dem soviel die Rede war. Oder Elke Wolber, die mit ihrer „Bürgerhilfe Esch“ auf Einbrüche in ihrer Ortschaft reagierte. Frau Wolber fand eine denkwürdige Formulierung für ihre Aktivitäten. Sie gingen spazieren und störten damit die Einbrecher, indem „wir Unruhe stiften“. Das dient nicht nur der Kriminalitätsprävention, sondern jeder Schritt hilft zudem der Gesundheit, wie nicht nur Ärzte wissen.

          An beiden Beispielen wurde deutlich, was gegen einen Prozeß des Verfalls der sozialen Ordnung hilft: Das gesellschaftliche Engagement von Bürgern. Wobei Khamis eine interessante Anmerkung machte. Er wäre schon öfter in Talkshows eingeladen worden. Immer hätten „die Anzugträger“, so seine Formulierung, Interesse und Unterstützung für sein Projekt bekundet. Es wäre aber danach nie jemand bei ihm erschienen. Vielleicht sollten das die Gäste der gestrigen Sendung ändern. Khamis scheint ein gutes Beispiel dafür zu sein, wie soziale Integration funktioniert – und damit Anomie verhindert wird. Das ist sicherlich sinnvoller als sich primär mit der moralischen Diskreditierung von Kontrahenten zu beschäftigen. Welche Folgen das haben kann, haben wir schließlich nicht zuletzt in der Flüchtlingskrise erlebt. Auf eine Wiederholung dieser Erfahrung kann man getrost verzichten.

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