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TV-Kritik: Maybrit Illner : Wenn es in der Gesellschaft zugeht wie in „Mad Max“

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Allerdings hat Baberowski hier das gleiche Problem, wie bei seiner These vom Gegenterror als militärische Strategie. Der Staat müsste „Zähne zeigen“, damit er sich bei Kriminellen nicht lächerlich machte. Nur wie soll der Staat sein Gebiss zeigen, wenn bei Einbruchsdelikten die fehlende „Entdeckungswahrscheinlichkeit“ das eigentliche polizeiliche Problem ist? Und diese Forderung macht bei Gewaltdelikten genauso wenig Sinn. Sie gehen schon seit geraumer Zeit zurück, worauf Frau Wollinger hinwies. Es wäre übrigens spannend zu wissen, ob dieser Rückgang empirisch mit einer härteren Gangart der Justiz in Verbindung zu bringen ist.

Dabei hat sich das politische Klima in der Kriminalitätsdebatte längst verändert. Die den Linksliberalen gerne vorgeworfene Naivität im Umgang mit Straftätern ist einem neuen Realismus gewichen. Sogar ein Özdemir verlangt heute mehr Polizei und die konsquente Bestrafung von Tätern jeglicher Herkunft, wenn er nicht gerade im Internet nach Zitaten von Baberowski sucht. Der CSU-Innenpolitiker Stephan Mayer wirkte schon etwas verzweifelt, weil er bei seinem grünen Bundestagskollegen kaum noch Ansatzpunkte für eine politische Kontroverse fand. Er kann das aber durchaus positiv sehen: Sogar aus Sicht der CSU wäre damit eine schwarz-grüne Koalition im Bund möglich geworden. An Özdemir wird sie bestimmt nicht scheitern.

So hat die Politik auf das subjektive Unsicherheitsgefühl der Bürger entsprechend reagiert. Rhetorisch, wie es Özdemir und Mayer gestern Abend praktizierten, aber auch durch Maßnahmen von Landesinnenministern und Kreispolizeibehörden. Die Bekämpfung der Einbruchsdelikte ist fast überall zu einem polizeilichen Schwerpunkt geworden. Ein Polizeigewerkschafter wie Fiedler hielt das verständlicherweise immer noch für unzureichend. Nur warum er den deutschen Föderalismus für das Problem hielt, blieb trotzdem ein Rätsel. Es gibt bei einigen Polizeigewerkschaftern offenkundig die unbeirrbare Neigung, in der Zentralisierung polizeilicher Arbeit die Lösung zu finden. Vielleicht sollte man in der nächsten Sendung einen Blick nach Frankreich werfen, um die dortigen Erfahrungen mit einem omnipotenten Zentralstaat auszuwerten. Aber dort gibt es bekanntlich zur Zeit andere Probleme als primär Einbruchsdelikte aufzuklären.

„Unruhe stiften“

Frau Wollinger stellte sogar die ketzerische These auf, ob mehr Polizei zwangsläufig bessere Fahndungserfolge bei Einbruchsdelikten garantierte. Sie formulierte ihre Zweifel, weil diese Täter zumeist zu wenig Spuren hinterließen. Vielleicht ist auch gar nicht die Forderung nach mehr Poizei die Lösung, sondern die Stabilisierung jenes sozialen Normengefüges, das Baberowski erwähnte. Da war der Streetworker Hammed Khamis, der nicht nur mehr Konsequenz beim Umgang mit straffällig gewordenen Gelegenheitskriminellen forderte. Er beschäftigt sich zudem in einem Präventionsprojekt mit jungen Leuten, um denen etwas von dem Normengefüge unserer Gesellschaft zu vermitteln, von dem soviel die Rede war. Oder Elke Wolber, die mit ihrer „Bürgerhilfe Esch“ auf Einbrüche in ihrer Ortschaft reagierte. Frau Wolber fand eine denkwürdige Formulierung für ihre Aktivitäten. Sie gingen spazieren und störten damit die Einbrecher, indem „wir Unruhe stiften“. Das dient nicht nur der Kriminalitätsprävention, sondern jeder Schritt hilft zudem der Gesundheit, wie nicht nur Ärzte wissen.

An beiden Beispielen wurde deutlich, was gegen einen Prozeß des Verfalls der sozialen Ordnung hilft: Das gesellschaftliche Engagement von Bürgern. Wobei Khamis eine interessante Anmerkung machte. Er wäre schon öfter in Talkshows eingeladen worden. Immer hätten „die Anzugträger“, so seine Formulierung, Interesse und Unterstützung für sein Projekt bekundet. Es wäre aber danach nie jemand bei ihm erschienen. Vielleicht sollten das die Gäste der gestrigen Sendung ändern. Khamis scheint ein gutes Beispiel dafür zu sein, wie soziale Integration funktioniert – und damit Anomie verhindert wird. Das ist sicherlich sinnvoller als sich primär mit der moralischen Diskreditierung von Kontrahenten zu beschäftigen. Welche Folgen das haben kann, haben wir schließlich nicht zuletzt in der Flüchtlingskrise erlebt. Auf eine Wiederholung dieser Erfahrung kann man getrost verzichten.

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