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TV-Kritik: Maybrit Illner : Wann geht ein Krisenlotse an Bord?

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Maybrit Illner ließ wieder einmal über die Flüchtlingskrise diskutieren Bild: Imago

Von einer „Lawine“ spricht der Bundesfinanzminister mit Blick auf Flüchtlinge. Bei Maybrit Illner versuchte man gestern, die Wirkung dieses Bildes zu begrenzen. Dabei orientiert sich selbst die Kanzlerin offenbar gern an Bildern.

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          Menschen denken in Bildern, um sich die Welt zu erklären. So schilderte Martin Bayerstorfer (CSU), Landrat in Erding, in Maybrit Illners Talkrunde ein Bild vor seinem Landratsamt. Er beobachtete Flüchtlinge nach der Ausgabe ihres Taschengeldes. Sie machten mit dem Geld in der Hand ein Foto, um es umgehend via Smartphone zu verschicken. Von anderen Bildern sprachen die anwesenden Bundespolitiker. Sie berichteten von Bomben und Gewalt, vor denen die Menschen flüchteten. Diese Bilder erzeugen im Kopf jedes Zuhörers Interpretationen. Bayerstorfer wollte damit die Anreizwirkungen unseres Asylsystems deutlich machen. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, und Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) die legitimen Motive von Flüchtlingen. Nun gibt es in den sozialen Netzwerken eine wahre Bilder-Lawine mit den entsprechenden konkurrierenden Interpretationen. Sie dominieren die politische Debatte über die Flüchtlingskrise in Deutschland. Was leider immer noch fehlt: das Abstraktionsvermögen.

          Der Flüchtling, der sein Geld fotografiert, will damit eines signalisieren. Er hat es geschafft, dem Elend zu entkommen. Das ist nachvollziehbar. Das Bild von den Bomben und der Gewalt ist aber ein Trugbild. Wer es in die Türkei geschafft hat, ist den Bomben des syrischen Bürgerkrieges bereits entkommen - allerdings nicht der Perspektivlosigkeit. Die Bilder sagen nichts aus, sie ersetzen nur das Denken durch Moralisierung. Der Flüchtling als Raffzahn steht gegen das Kriegsopfer. Er wird zum Objekt moralischer Bewertung. Es steht der gute gegen den bösen Flüchtling. Die Bilder an sich sind dabei keine Fälschungen. Der Missbrauch entsteht erst in den Köpfen der Zuschauer.

          „Krisenlotsin“ mit „Popularitätspanzer“

          Von diesem Missbrauch, der die Flüchtlingsdebatte schon seit Monaten beherrscht, war bei Maybrit Illner nur selten die Rede. Dafür tönte gestern die Schelte an der Lawinen-Metaphorik des Bundesfinanzministers umso lauter. Christoph Schwennicke, Chefredakteur des Cicero, bot eine interessante Deutung an: Es wäre Wolfgang Schäuble nicht um die Flüchtlinge als Lawine gegangen, sondern um ein Sinnbild für den Kontrollverlust. Man kann sie nicht stoppen und muss sie geschehen lassen. Zudem habe er von einem Skifahrer gesprochen, der sie unvorsichtigerweise ausgelöst habe. Damit, so Schwennicke, sei niemand anders als die Kanzlerin gemeint gewesen.

          Altmaier wollte das nicht kommentieren. Er erinnerte aber daran, die Kanzlerin habe in ihrer Amtszeit viele Krisen bewältigt. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte nannte sie sogar eine „Krisenlotsin“ mit einem „Popularitätspanzer“, wobei dieses Bild einem auch bekannt vorkommt. Man denkt an Helmut Schmidt, wenn auch ohne Panzer. Warum funktioniert allerdings Schäubles Bild nicht bei den von Altmaier erwähnten anderen Krisen? Es ist so wirkungsmächtig, weil die These vom Kontrollverlust absurd erschienen wäre. Der ist aber unverkennbar und war sogar der Titel der Sendung: „Chaos in der Flüchtlingskrise – verliert Merkel die Kontrolle?“ Korte brachte das seit September jeden Tag bemühte Argument, man könne Menschen, die vor Bomben und Gewalt flüchteten, nicht daran hindern. Eine Lawine ist nicht aufzuhalten, so kann man das auch formulieren.

          Dilettantismus, so Korte, könne man einer Regierung nicht vorwerfen, wo es einen Altmaier gäbe. Das ändert aber nichts an den von Bayerstorfer geschilderten Problemen bei der Registrierung von Flüchtlingen. Sie kommen und gehen, wie sei sie es für richtig halten. Wir wissen weder, wer in das Land einreist, noch wieviele es sind. Wenn sie sich registrieren wollen, werden ihre Asylanträge nicht bearbeitet. Sogar der Personalrat des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hält das deutsche Asylverfahren für nicht mehr rechtsstaatlich. Altmaier als Berliner Koordinator der Flüchtlingspolitik erläuterte den guten Willen seiner Regierung, das zu ändern. Der ist ihm nicht abzusprechen. Wichtiger erscheint aber derzeit sein Bemühen, das Bild der Kanzlerin als unvorsichtige Skifahrerin aus der Welt zu schaffen.

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