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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Trumps nordkoreanische Unberechenbarkeit

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Trotzdem rechnete keiner der Gäste mit einem Kriegsausbruch auf der koreanischen Halbinsel. Der frühere Bundeswehr-General Hans-Lothar Domröse schloss ihn sogar kategorisch aus. Die deutsch-koreanische Dokumentarfilmerin Sung-Hyung Cho schilderte allerdings in einem Interview mit Frau Illner interessante Eindrücke aus Korea. So wäre in Südkorea von einer Kriegsangst nichts zu spüren, wogegen die Nordkoreaner bis heute unter dem Eindruck der desaströsen Folgen des Koreakrieges von 1950 bis 1953 stünden. Vor allem ist aber für Frau Sung-Hyung Cho Korea bis heute nicht Herr des eigenen Schicksals, sondern Spielball der Großmächte. Diese hätten kein Interesse an einer Veränderung des Status quo.

Dohnanyi sah dagegen in dem Wiedervereinigungsanspruch der Südkoreaner eines der zentralen Hindernisse zur Eindämmung dieses Konflikts. Dieser Anspruch gefährde den Herrschaftsanspruch der nordkoreanischen Führung, so seine These. Diese muss ein existentielles innenpolitisches Interesse an einer Fortsetzung der Spannungen haben: Anders lässt sich der Druck auf die eigene Bevölkerung nicht aufrechterhalten. Während Frau Sung-Hyung Cho somit die weltpolitischen Bedingungen für die koreanische Misere verantwortlich machte, versuchte Dohnanyi die Handlungsspielräume im innerkoreanischen Verhältnis auszuloten. Der frühere Hamburger Bürgermeister hatte die Erfahrungen mit der deutschen Teilung und der sozialliberalen Ostpolitik im Blick. Letztere schuf erst die Freiräume, um langfristig die Legitimität der SED-Herrschaft zu unterminieren. Das war tatsächlich das eigentliche Thema der Ostpolitik: Innerdeutsche Handlungsspielräume zu bewahren. Als die Sowjetunion das Interesse an ihrem Herrschaftsanspruch über Osteuropa verloren hatte, gingen die dortigen Regime in wenigen Monaten unter.

Trump will laut Rough in dieser Krise vor allem auf Peking Druck ausüben, damit es Nordkorea zu Zugeständnissen zwingt. Was passiert allerdings, wenn China von sich aus das Interesse an Nordkorea verliert? Peking die Diktatur des Kim Jong-un nicht mehr für nützlich hält, um die Vereinigten Staaten von ihren Grenzen fernzuhalten, so beschrieb es Dohnanyi. Mit einer koreanischen Wiedervereinigung müssten zweifellos die Grundlagen des südkoreanisch-amerikanischen Bündnisses neu diskutiert werden. Das ist aber bis heute einer der zentralen Pfeiler der amerikanischen Asienpolitik. Die Koreakrise demonstriert so paradoxerweise jeden Tag aufs Neue die Bedeutung der Vereinigten Staaten als pazifische Ordnungsmacht.

Fehlkalkulationen als Gefahr

Leider konnte diese Debatte nicht geführt werden, weil Frau Sung-Hyung Cho an der weiteren Diskussionsrunde nicht teilnehmen konnte. Trotzdem sollte deutlich geworden sein, warum rationales Handeln in solchen weltpolitischen Krisen anscheinend komplexer ist als wohl nicht nur Frau Keller vermutet. Der immer von allen zu hörende Ruf nach „diplomatischen Lösungen“ ist eher unterkomplex, genauso wie die Reduzierung aller Krisen auf einen vermeintlichen Wirrkopf im Weißen Haus in Washington.

Insofern ist es kluger Realismus, wenn Frau Stelzenmüller in Fehlkalkulationen die eigentliche Gefahr in dieser Krise sieht. Sie hält die vermeintliche Unberechenbarkeit des amerikanischen Präsidenten für einen Bluff, den aber sicherlich auch die Regierung in Pjöngjang bemerken wird, wie Dohnanyi trocken feststellte. Das könnte durchaus einen Zugzwang erzeugen, den am Ende niemand mehr kontrollieren könnte, selbst wenn alle von der Sinnlosigkeit eines Krieges überzeugt sein sollten. Die Angst vor dem Glaubwürdigkeitsverlust war bekanntlich schon in der Amtszeit Richard Nixons und seines Außenministers Henry Kissinger eines der zentralen Motive ihrer Außenpolitik.

Frau Illner riskierte das Wagnis, kurz vor der Bundestagswahl über Außenpolitik zu diskutieren. Wahlentscheidend wird die Koreakrise in Deutschland nicht werden. An die Ausstellung von Blankoschecks gegenüber dem amerikanischen Präsidenten denkt hierzulande bekanntlich niemand, schon mangels Deckung wie Spötter einwenden könnten. Was die Deutschen stattdessen bewegt, erfahren wir am kommenden Sonntag im Duell der beiden Kanzlerkandidaten, unter anderem mit Frau Illner als Moderatorin. Wir sind gespannt.

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