https://www.faz.net/-gsb-84ovr

TV-Kritik: Maybrit Illner : Sehnsucht nach einem Ende mit Schrecken

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Maybrit Illner Bild: Picture-Alliance

Die Griechenland-Krise könnte nach fünf Jahren mit dem Austritt aus der Währungsunion zu Ende gehen. Immerhin hat jeder einen guten Grund, warum das jetzt so sein soll, wie die gestrige Illner-Sendung zeigte.

          4 Min.

          Die Weltgeschichte ist das Resultat von Fehleinschätzungen. Darüber könnte uns ein Napoleon berichten, der vor fast genau 200 Jahren sein Waterloo erlebt hatte. Nun wissen wir nicht, ob jemand in Brüssel gerade die Zeit findet, um sich mit dem Korsen zu beschäftigen. Aber das könnte sich durchaus lohnen, wo die EU doch gerade in Brüssel mit ihrem eigenen Waterloo beschäftigt ist. Das nennt sich allerdings „Grexit“ und betrifft den Austritt Griechenlands aus der Eurozone.

          Wobei allerdings niemand annehmen sollte, es handelte sich dabei um ein planbares Ereignis. Griechenland könnte zahlungsunfähig werden, und wäre anschließend gezwungen, eine eigene Währung einzuführen. Die EZB wird dann nämlich die Refinanzierung des griechischen Bankensystem beenden und damit de facto den Euro als Währung in Griechenland abschaffen.

          Warum das so ist, machte die EZB gestern Abend deutlich. Sie könnte die Öffnung der griechischen Banken für den kommenden Montag nicht mehr garantieren, so hieß es in der Meldung einer Nachrichtenagentur. Diese Nachricht fand gestern Abend bei Frau Illner nur in einem Nebensatz Erwähnung. Dabei machte sie deutlich, was in dieser europäischen Währungsunion schief läuft. Es gehört nämlich nicht zu den klassischen Aufgaben einer Zentralbank, in Teilen des eigenen Währungsgebiet eine Bankenkrise auszulösen.

          „Absurde Inszenierung“

          Sie macht es aber trotzdem. Der frühere Europaabgeordnete der FDP, Georgios Chatzimarkakis, nannte das Schauspiel um Griechenland eine „absurde Inszenierung“. Im Kern ginge es um die Antwort auf eine einfache Frage. Betrachtet man die Währungsunion als eine Transfergemeinschaft mit einer Art „Länderfinanzausgleich“ oder müssen sie die „Fußkranken“ verlassen, wenn sie nicht mithalten können? Chatzimarkakis reagierte damit auf jene Argumente, die wir uns jetzt seit fünf Jahren in einer Endlosschleife anhören müssen und auch gestern Abend nicht fehlen durften. So war es für den Hannoveraner Finanzwissenschaftler Stefan Homburg ein Fehler gewesen, Griechenland wider der europäischen Verträgen zu retten. Das geschah bekanntlich im Jahr 2010. Solche Erkenntnisse sind völlig sinnlos, wenn es überhaupt welche sind. Man hätte sich nämlich dann heute mit den Folgen einer solchen Entscheidung auseinanderzusetzen, die aber niemand kennt. Ob der Zusammenbruch des europäischen Bankensystems die bessere Alternative gewesen wäre, wird man daher nie erfahren. Das gilt in gleicher Weise für andere Formen der Vergangenheitsbewältigung, wie die Debatte über die Aufnahme Griechenlands in die Eurozone. Wenn Eva nicht in den berühmten Apfel gebissen hätte, wäre uns sogar das erspart geblieben.

          Nur ist diese Inszenierung wirklich so absurd, wie Chatzimarkakis meinte? Wenn man sich die strittigen Verhandlungspunkte zwischen Athen und Brüssel ansieht, muss man das glauben. Da verlangen die Gläubiger von Athen die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Kürzung der Renten, obwohl der ökonomische Sinn solcher Maßnahmen niemand überzeugen kann. Wenigstens nicht die Chefredakteurin des Londoner „Economist“, Zanny Minton Beddoes. Die Schwerpunktsetzung auf diese Form der Sparpolitik sei schon in den vergangenen fünf Jahren ein Fehler gewesen, so ihr Argument. Griechenland brauche zwar Reformen, aber keine weiteren Kürzungen bei den Einkommen oder gar Steuererhöhungen. Trotzdem wird das unverdrossen von Athen verlangt. Nur ist das jetzt absurd oder politisches Kalkül?

          Rentenkürzungen und Argumentationsnöte

          Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Fuchs drückte das so aus. In einer Währungsunion könne nicht jeder das machen, „wie er lustig ist“, um deren Stabilität nicht zu gefährden. Nur worin liegt deren Gefährdung? Wie definiert man in Brüssel „Stabilität“? Fuchs gab eine interessante Antwort. Der Widerstand gegen zu viel Rücksichtnahme auf Athen käme vor allem aus anderen EU-Krisenländern, wie Spanien oder Portugal. Diese fürchten die Folgen für die eigene Innenpolitik. Wie soll man den eigenen Wählern solche Zugeständnisse vermitteln, wenn im eigenen Land davon nicht die Rede sein kann?

          Weitere Themen

          Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht Video-Seite öffnen

          Sensationsfund : Gestohlenes Klimt-Werk nach 20 Jahren wieder aufgetaucht

          Ein durch Zufall gefundenes Gemälde wurde als das vor mehr als 20 Jahren gestohlene Werk von Gustav Klimt "Bildnis einer Frau" identifiziert. Das Gemälde wurde im Dezember in der Außenmauer eines italienischen Museums in Piacenza entdeckt. Nun bestätigt die Museumsleitung, dass es sich bei dem Fund tatsächlich um das Original handelt.

          Topmeldungen

          Libyens Rebellenführer Haftar : Der eigensinnige Kriegsherr

          Die Bemühungen um Frieden in Libyen kreisen vor allem um Chalifa Haftar. Er gilt als ausgesprochen stur - sogar seinen Förderer Putin stieß er vor den Kopf. Auf Betreiben der Vereinigten Arabischen Emirate?
          Die Bundesliga in Aktion: Die Medienpartner verlangen nach Spannung.

          TV-Vermarktung : Das Milliardenspiel der Topklubs

          Die deutschen Topklubs stehen vor der größten Auktion ihrer Geschichte. Die Vermarktung der Fernsehrechte spült ihnen Milliarden in die Kassen. Streaming-Dienste bringen sich in Position – und das Kartellamt ist alarmiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.