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TV-Kritik: Maybrit Illner : Eine Störung des politischen Systems

  • -Aktualisiert am

Für Maybrit Illner und ihre Talkshow hat sich 2016 erledigt. Bild: Imago

Der Rückblick auf das ablaufende Jahr zeigt: Wenn sie die politische Willensbildung der Wähler weiter falsch versteht, könnte die etablierte Politik noch ihr blaues Wunder erleben.

          Alles ist bekanntlich eine Frage der Perspektive. So machte gestern Abend der Publizist Sascha Lobo eine interessante Aussage, die er aber ausdrücklich nicht als These formulieren wollte: Deutschland sei „schon immer ein Land gewesen, wo die soziale Durchlässigkeit extrem gering gewesen ist.“ Diese Aussage ist richtig, wenn man die diversen PISA-Studien seit dem Jahr 2000 als Referenzrahmen nimmt. Betrachtet man diese Aussage aber historisch, ist sie kaum zu halten.

          Spätestens mit dem im Jahr 1965 erschienenen Buch „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ machte Ralf Dahrendorf deutlich, wie sehr die Katastrophe des Nationalsozialismus ungewollt jene Modernisierungsblockaden beseitigt hatte, die bis dahin die deutsche Gesellschaft geprägt – und der Verwirklichung einer liberalen Demokratie im Wege gestanden hatten. Nachkriegsdeutschland wurde auf diese Weise sozial durchlässiger als die meisten anderen Staaten Westeuropas, insbesondere alte Klassengesellschaften wie Großbritannien oder Frankreich. Die Bildungsexpansion ab Mitte der 1960er Jahre war eine der positiven Folgen. Die von Lobo formulierte Feststellung trifft somit lediglich auf die vergangenen 25 Jahre zu. In der saturierten westdeutschen Nachkriegsgesellschaft verlor sich zusehends diese soziale Durchlässigkeit, die die Dynamik des westdeutschen Wirtschaftswunders ausgemacht hatte.

          Demut vor historischen Fakten

          Lobo reagierte mit seiner Aussage auf eine Formulierung des Entertainers Thomas Gottschalk, der sich als ein „Kind des Sozialstaates“ betrachtete. Es habe früher noch einen Austausch zwischen den sozialen Schichten gegeben, so sein Argument. Ob sich damals ein Bankvorstand mit einem Stahlarbeiter zum Bier in der Eckkneipe traf, ist zwar unwahrscheinlich. Aber die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ des Kölner Soziologen Helmut Schelsky prägte zweifellos das Selbstbild der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft.

          Um solche historischen Sachverhalte ging es natürlich nicht in der Sendung. Eine Talkshow ist schließlich kein historisches Seminar. Maybrit Illner versuchte vielmehr einen Rückblick auf das bald zu Ende gehende Jahr, das viele schon jetzt als historischen Einschnitt empfinden. Die Stichworte sind bekannt: Die Wahl von Donald Trump, der Brexit, der Triumph des Populismus. Und welche Rolle eine digitalisierte Medienlandschaft dabei spielt. So ging es um Fake-News und den medialen Dauerläufer der „postfaktischen Gesellschaft“. Nur wie ist dann eigentlich Lobos Feststellung zu bewerten, die wohl bestenfalls eine zu diskutierende These zu nennen ist? In Zeiten allgemein beklagter Postfaktizität sollte man wohl eine gewisse Demut vor historischen Fakten haben.

          Alle sehen Wandel als Gefahr

          Aber die Sendung prägte vor allem ein konservatives Grundgefühl. Alle diagnostizierten den historischen Wandel, begriffen ihn aber in erster Linie als Gefahr für die liberale Demokratie. Vor allem die Politikwissenschaftlerin Sylke Tempel argumentierte so. Etwa habe die Propaganda ihre Natur geändert und verschärfte im Gegensatz zu früher die verbreiteten Ängste. „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“, so konnte man auf einem Plakat im Bundestagswahlkampf von 1953 lesen. Die CDU mobilisierte damit die Ängste vor dem Bolschewismus im Kampf gegen die Sozialdemokratie. So neu ist die zeitgenössische populistische Propaganda wohl doch nicht, wie Frau Tempel anzunehmen scheint. Sie prägte schon immer unser politisches System. Mit der Mobilisierung von Gefühlen und durch Zuspitzung ist die Abgrenzung vom politischen Gegner zu erreichen.

          Tempel vertritt dagegen jenes technokratische Politikverständnis, das sich in den vergangenen dreißig Jahren als „alternativlos“ vorstellte, allerdings als TINA: There is no alternative. Dort ringt die Politik angeblich immer um den für alle besten Weg – so sagte es Tempel tatsächlich. Entsprechend ihr Blick auf vermeintliche politische Tatbestände. So habe der Protektionismus wirtschaftlich schon immer allen geschadet. Nur bedeutet nicht jede Begrenzung wirtschaftlicher Verflechtung, zeitgenössisch Globalisierung genannt, automatisch eine Rückkehr zum Protektionismus. Es muss deshalb nicht gleich der Welthandel zusammenbrechen, wie es tatsächlich in den 1930er Jahren geschehen war.

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