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TV-Kritik: Maybrit Illner : Mythos des Gelingens

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Maybrit Illner Bild: Imago

Maybrit Illner wollte mit ihren Gästen am späten Abend über „die gespaltene Republik“ reden. Ihre Gäste argumentieren aber weitgehend pragmatisch und folgen damit dem Masterplan der Kanzlerin, auch wenn es den gar nicht schriftlich gibt.

          Wer die jüngste Regierungserklärung der Bundeskanzlerin und ihre viel gelobte Rede auf dem Parteitag der CDU in Karlsruhe gesehen hat, könnte etwas wiedererkannt haben. In diesem Fall geht es nicht um das beharrliche Bohren dicker Bretter als politischer Spezialität, sondern um etwas anderes, etwas, das man von der in der Regel sehr nüchtern argumentierenden Bundeskanzlerin kaum  erwartet hätte. Beide Reden folgten so erhabenen Vorbildern wie Homers Odyssee und Vergils Aeneis. Frau Merkel holt den Mythos zurück in die politische Erzählung der Gegenwart, insofern er als Textsorte es ihr und ihrem Publikum ermöglicht, einen anderen Blick auf die Stationen des zu Ende gehenden Jahres zu werfen.

          Welche Klippen wurden umschifft? Welche Gefahren bezwungen? Welche Herausforderungen waren zu bestehen? Welche Opfer sind zu beklagen? Indem sie sich selbst in der Rolle einer Erzählerin zurücknimmt, wirkt sie auf den Beobachter wie eine postheroische Leserin von Hans Blumenbergs berühmtem Buch „Arbeit am Mythos“. Im fliegenden Wechsel evoziert sie so mythenähnliche Herausforderungen und erzählt zugleich, wie es mit vereinten Kräften gelungen sei, sie zu meistern.

          Das Land scheint gespalten

          Wie wirksam diese rhetorische Strategie ist, belegt Maybrit Illners Diskussionsrunde. Sie nimmt das Publikum an die Hand und schreitet die Stationen erneut ab, versucht so, die nächsten Stationen, die nächsten Aufgaben in den Blick zu rücken. Dazu leistet das Tremolo der Dramatisierung seinen Teil. Das Land scheint gespalten. Zwar habe die Kanzlerin ihre Partei wieder geeint, viele Menschen helfen, andere sind verunsichert. Wie soll es 2016 weitergehen? Kommen im nächsten Jahr noch mal so viele wie 2015?

          Mit Hila Limar wendet sie sich an eine Frau, die selbst wie ein Mythos wirkt, wenn man sich an Bilder aus dem weltoffenen Kabul der frühen 60er Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert. Ihre Familie floh nach dem Abzug der Sowjetunion vor dem afghanischen Bürgerkrieg nach Deutschland, fand in den ersten vier Jahren Unterkunft in einer Schule. Heute ist Frau Limar Architektin in Hamburg und engagiert sich ehrenamtlich für Flüchtlinge. Erst kümmerte sie sich um unbegleitete minderjährige Jugendliche. Seit die Zahl der Flüchtlinge erst diskret und dann immer dramatischer zunahm, begann sie auch, Gruppen zu betreuen. Diese Arbeit sei schwieriger geworden. Das sei besonders da der Fall, wo Erstaufnahmeeinrichtungen Geflüchtete in großer Zahl aufnähmen und das Sicherheitspersonal den Zugang für ehrenamtliche Helfer erschwere. Als Rückschlag empfindet sie, dass Deutschkurse für afghanische Flüchtlinge gestrichen worden sind. Die Aussicht, dass Menschen sich integrierten, sei gleich Null.

          Es folgt ein Einspieler aus Karlsruhe, die krächzende Mythenerzählerin und Titelheldin der Time als Person des Jahres. Die gegenläufige Stimme erhebt Wolfgang Bosbach, der so immerhin für eine halbe Minute Präsenz zeigt. Es ist fast egal, was er sagt, weil es schon millionenfach wiederholt worden ist. Wenn sich die Lage nicht bessere, seien im nächsten Frühjahr andere Debatten zu führen. Bosbachs Parteifreund Michael Fuchs sitzt in Illners Studio. Die Lage sei heute schon anders. Die Zuwanderung aus dem Westbalkan sei praktisch beendet. Auch die Zahl der Flüchtlinge, die via Türkei und Griechenland nach Europa kämen, sei inzwischen deutlich geringer.

          Die Bayern werde nicht ruhig bleiben

          Spiegelkolumnist Jan Fleischhauer hält sich bedeckt. Die Bayern würden nach Karlsruhe nicht lange ruhig bleiben. Naturgemäß sieht das Katja Kipping anders. Die Parteivorsitzende der Linken sagt, sie unterscheide zwischen dem, was die Bundeskanzlerin sage und was sie tue. Tatsächlich gehe es um die Frage, ob durch das Dichtmachen der Grenzen noch mehr Menschen im Mittelmeer ertrinken oder auf dem Landweg erfrieren würden.

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