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TV-Kritik: Maybrit Illner : Männlich, muslimisch, Misserfolge

  • -Aktualisiert am

ZDF-Moderatorin Maybrit Illner Bild: Picture-Alliance

Bereits 650 Menschen sind aus Deutschland zum Kampf der Islamisten nach Syrien und in den Irak gezogen, offenbart Bundesinnenminister Thomas de Maizière bei Maybrit Illner. Reicht islamischer Religionsunterricht als Mittel gegen den „Feind im eigenen Land“?

          Dass die Alliteration ein mnemotechnisches Hilfsmittel ist, weiß man allerspätestens seit den Fünfziger Jahren, in denen die Milchwirtschaft ihr Geschäft mit dem Slogan „Milch macht müde Männer munter“ anzukurbeln vermochte. So funktioniert auch die „M“-Verkettung, mit der Hans-Georg Maaßen (noch ein „M“, wenn man so will) als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz die Anhänger der neo-salafistischen Jugendbewegung auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen versuchte: „Männlich, muslimisch, Migrationshintergrund, Misserfolge“. Man merkte sich den Spruch, obwohl er die Rolle der Salafisten ohne Migrationshintergrund und Frauen unterschlägt.

          Allein, was soll man nun tun? Mehr Lehrer für islamische Religionsunterricht und Imame ausbilden, schlugen die Gäste vor, die Maybrit Illner um blitzgescheite Rezepte gegen den „Feind im eigenen Land“ bat – allen voran eine Religionslehrerin, die an der Universität Münster islamische Religionslehrer ausbildete und Vorsitzende des „Liberal-Islamischen Bunds“ ist, und ein Imam aus Hessen, der ursprünglich Christ war, konvertierte und Islamwissenschaften studierte.

          Beide, Lamya Kaddor und Husamuddin Meyer, treffen immer wieder auf verführbare junge Leute, die sich zurückgesetzt fühlen, ausgegrenzt und diskriminiert. Auf Identitäts- und Sinnsuchende, die ihre Religion nie richtig kennenlernen konnten, sich dann aber umso stärker für die amateurhaften, in schlichte Schwarz-Weiß-Muster gepackte Koran-Auslegung der Imame in den Moscheen und der IS-Propagandisten begeistern. Diese jugendlichen und jungen Erwachsenen lernen den Koran im Grunde ganz ähnlich kennen wie die Islamkritiker, die irgendwelche Zitate aus dem Zusammenhang reißen und die ganze Religion verstanden zu haben glauben, beklagen Kaddor und Meyer.

          Kaddor hat dabei „wenig Lust, sich ständig mit Fundamentalisten“ auseinandersetzen. 2013 erlebte sie, wie fünf ehemalige, kurz von ihr im Projekt „Islamkunde in deutscher Sprache“ unterrichtete Schüler in den Dschihad nach Syrien zogen. Meyer werden als Gefängnis-Imam „absurde Fragen“ gestellt, wenn er als Seelsorger Insassen begegnet, die sich mit dem Koran nur per Selbststudium oder Knastgespräch zu befassen vermochten. Beide sind hochalarmiert. Ein islamischer Religionsunterricht, wie es ihn etwa an einigen Schulen in Nordrhein-Westfalen gibt, und ein islamisches Seelsorge-Angebot an den Gefängnissen erachten sie als ein unverzichtbares Mittel gegen die Radikalisierung. Damit es gar nicht erst so weit kommt.

          De Maizière: „Es geht voran“

          Für Innenminister Thomas de Maizière waren das so Momente, an denen er zu erkennen geben konnte, dass auch die Politik schon an vieles gedacht hat: „Es geht voran.“ Gleichzeitig bemühte er sich, am Beispiel der Bremer Terror-Razzia vom Samstag (da könne man ja nicht einfach anklopfen und nach Waffen fragen) den Ernst der Lage zu betonen. Nach neuesten Erkenntnissen seien mittlerweile 650 Menschen von Deutschland zum Krieg nach Syrien und in den Irak gezogen, erklärte er am Rande des braven Gesprächs. Sie kenne man und auch die „Gefährder“ im Land.

          Die Frage ist nur: wie gut? Umso bedauerlicher war es, dass die Runde unbedingt noch die außenpolitische Dimension des Themas abdecken sollte. Sie bemühte sich zwar: Der grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir etwa kam nach einem Themenstubbser von Illner auf die Financiers des Fundamentalismus zu sprechen: die Saudis, die zugleich auch Öl-Lieferant und Partner des Westens im Terrorkampf sind. Auch Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik nahm sogleich Fahrt auf und erklärte, dass es sich um keine staatliche Finanzierung der Saudis und ein ebenso komplexes wie kniffliges Thema handelt. De Maizière stellte sich lieber nicht vor, was passiert, wenn Saudi-Arabien instabil wird.

          Alles wichtig, ganz klar. Aber welchen Kaffee trinken sie bei den Talk-Redaktionen eigentlich, dass sie so viele Themenblöcke in einer Sendung abhandeln zu können glauben? Wir hätten lieber mehr über die Jugendlichen mit den vier „M“ und die Erfolgsaussichten jener erfahren, die ihre Radikalisierung mit konstruktiven Vorschlägen zu verhindern versuchen.

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