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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Keine gute Zeit für Berufsanfänger im Weißen Haus

  • -Aktualisiert am

Alexander Graf Lambsdorff zu Gast bei Maybrit Illner. Bild: ZDF und Svea Pietschmann

Wenige Tage vor der Wahl ist das Rennen um das Weiße Haus völlig offen. Woran liegt das? Wem vertrauen die Wähler mehr – und warum? Bei Maybrit Illner wird viel Widersprüchliches über Amerika sichtbar. Deutschland sollte sich vorsehen.

          Warum hat die Politikmaschine des Ehepaars Clinton 2008 gegen Obama verloren? Niemand hätte zu Beginn der Vorwahlen auf den jungen Senator aus Illinois gewettet. Was macht das Clinton-Lager so sicher, dass es jetzt gegen Trump die Nase vorn hat? Die bessere Planung, das optimierte Kalkül jedes Details oder die grauenvollen Fototermine in Parkhausschluchten unter dem wachen Blick der Secret-Service-Agenten?

          Ein Rätsel dieses Wahlkampfs besteht darin, dass die Parteimaschinen der Demokraten und der Republikaner mit Traditionen gebrochen haben, die in früheren Wahlen als zwingende Voraussetzung für eine Kandidatur galten. Jeder Kandidat wurde einst von darauf spezialisierten Leuten auf Herz und Nieren geprüft, welche Risiken auf dem letzten Metern ins Weiße Haus für unangenehme Überraschungen sorgen könnten.

          Das Clinton-Team hat sich frühzeitig mit Material versorgt, das Trump kompromittiert. Diese Trümpfe sind vergeben. Bei Trump steht zu befürchten, dass er erst in den letzten Tagen vor der Wahl einen Joker zieht, mit dem er  Clinton größtmöglichen Schaden zufügen könnte. Für diese Befürchtung spricht, dass er zur Zeit Wahltermine in Bundesstaaten wahrnimmt, in denen er nicht gewinnen kann, als ob ein großer Knall das Rennen für ihn ohne eigenes Zutun entscheiden werde. Die neuen E-Mail-Ermittlungen haben der Kandidatin geschadet, obschon man nichts Genaues weiß. Das vergrößert nur das ohnehin vorhandene Misstrauen gegen Clinton und wird für sicher gehaltene Wähler wohl demobilisieren. Der Wahlkampf sieht in den letzten Tagen so aus, als sei das Skript dazu vom Krimiautor Ross Thomas geschrieben worden. Hat der Albtraum bald endlich ein Ende?

          Ethnofeldforschung in Amerika

          Was bringt ein Land mit so unermesslichen Ressourcen dazu, einen solchen Wahlkampf hinzunehmen? Maybrit Illner entschied sich gestern Abend dazu, diese Fragen zum Gegenstand einer ethnologischen Feldforschung zu machen. Drei amerikanische Gäste repräsentierten das  Spektrum von ganz links bis ganz rechts und in der Mitte saß ein waschechter Clinton-Fan.

          Deborah Feldman wird nicht wählen. Seit zwei Jahren lebt sie in Berlin und lässt sich bald einbürgern. Wenn, dann hätte sie Bernie Sanders gewählt. Amerika braucht ein anderes politisches System, sagt sie. Da kann sie noch lange drauf warten. Hillary traut sie nicht über den Weg. Feldman bringt dafür Gründe vor, die den intellektuellen Niedergang der amerikanischen Linken beleuchten.

          Nicholas Smith betreibt in Essen ein Restaurant und hat Trump gewählt. Er sieht in ihm einen glaubwürdigen Mann des Volkes. Andrew B. Denison, amerikanischer Politikberater, ist sicher, dass Clinton die Wahl gewinnt. Die deutsche Austauschschülerin Paulina Unfried bringt nach einem Jahr in Minnesota die Idee mit, dass Trump für viele Amerikaner im mittleren Westen ein Vorbild sei, weil er auch ohne Bildung reich und mächtig sei.

          Alexander Graf Lambsdorff gibt den politischen Routinier. Egal, wer gewinnt, Deutschland müsse mit Amerika zusammenarbeiten. Claus Kleber, selbst langjähriger Amerika-Korrespondent des ZDF, erlebt das Land gespaltener als je zuvor. Die Vereinigten Staaten werden im Fall eines Trump-Sieges als global player erst einmal ausfallen. Er kommt gerade von einer Amerikareise zurück und reibt sich die Augen. Selbst im linken Washington D.C. sei er auf Trump-Wähler gestoßen.

          Denison dreht die Lage so, dass sie besser für Clinton aussieht. Durch ihre Kandidatur sei das Thema  Sexismus wieder hochgekocht. Lambsdorff stimmt ihm zu und erinnert allerdings auch an den abgrundtiefen Hass der Konservativen auf Hillary, die an der Seite ihres Mannes die erste starke First Lady im Weißen Haus nach Eleanor Roosevelt gewesen sei.

          Ein trügerisches Bild von Politik

          Das Bild, das Deborah Feldman von der amerikanischen Politik zeichnet, ist in gewissen Wohnvierteln New Yorks durchaus verbreitet. Es gibt dort Leute, die stolz darauf sind, auch mit 65 Jahren noch nie gewählt zu haben. Unterschiede zwischen den Parteien seien vernachlässigbar.  Politik sei nichts als Manipulation.

          Nicholas Smith assistiert ihr vom rechten Rand. Trump mache gute Vorschläge gegen die Drehtür zwischen Politikbetrieb und Lobbyismus. Er hält den Mann, der keine zwei Sätze sagen kann, ohne einmal zu lügen, für glaubwürdig.

          Und wieder kommt das öde Muster eines Pferderennens zum Einsatz. Wie knapp hat wer die Nase vorn oder fällt warum zurück? Der nächste Einspieler erzählt von dem Bild, das das konservative Amerika des Bibelgürtels von den Clintons hat, seit sie das erste Mal ins Weiße Haus eingezogen sind. Vollkommen verdorben und durch und durch korrupt seien sie gewesen. Dass Clinton am Ende seiner Präsidentschaft als einer der beliebtesten und erfolgreichsten Präsidenten galt, der, anders als der kühle Obama, die Massen in Begeisterung versetzen konnte, scheint längst vergessen.

          Trumps Erfolg bezeugt ein Paradox. Jede Lüge, die aufgedeckt wird, erhöht seine  Glaubwürdigkeit. Für Smith verkörpert Trump die Hoffnung darauf, mit einem kaputten System endlich aufzuräumen. So stimmt er ein amerikanisches Echo auf das Ende der Weimarer Republik an.

          Die Welt ist weit weg

          Die nächste Etappe der ethnologischen Feldforschung betreibt die Berliner Austauschschülerin Paulina Unfried, Sie hatte es nach Minnesota verschlagen, in ein 1.500-Seelen Kaff, in dem Familien mit zehn Kindern nicht selten sind und der Fernsehsender Fox 24 Stunden auf Sendung ist. Anfangs habe sie mit ihren politischen Ansichten ziemlich provoziert. Am Ende aber sei sie (bekennende Vegetarierin) mit der Gastfamilie jedes Wochenende jagen gegangen. Ihre Gastfamilie und die Leute in dem Städtchen haben keine Idee von der Welt da draußen, die ist weit weg. Ihre Beobachtung bezeugt die wechselseitige Blindheit Deutschlands und Amerikas füreinander. Lambsdorff bestätigt das. Nur die Außenposten an Ost- und Westküste scheinen vertraut.

          Die Leute im Bibelgürtel wollen den New Yorker Milliardär für ihren Traum von einer fundamentalistischen Theokratie instrumentalisieren. Wer da wen instrumentalisiert, scheint alles andere als ausgemacht. Ein anderer Gospel wird hörbar, wenn die Rede auf die ökonomisch Abgehängten kommt. 2014 erhielten über 46 Millionen Amerikaner Lebensmittelmarken im Wert von über 71 Milliarden Dollar.

          Deutschland sollte sich vorsehen

          Wie käme Deutschland mit einem Präsidenten Trump aus? Lambsdorff hat sich schon festgelegt: Wir müssen mit beiden auskommen. Smith ballert aus der rechten Ecke, Deutschland müsse sich auf höhere Ausgaben für die eigene Verteidigung gefasst machen. Schöne Straßen, schöne Züge und kostenlose Unis, dafür bezahlt Amerika eure Verteidigung, damit ist es dann vorbei.

          Trumps Wahl, so kommt es zum vorerst letzten Missverständnis dieses Abends, sei gleichbedeutend mit einer Revolution. Welche Politik er tatsächlich betreiben wird, bleibt völlig unklar. Claus Kleber setzt dagegen auf die erfahrene Handwerkerin Hillary Clinton. Niemand auf der Welt brauche einen Berufsanfänger im Weißen Haus.

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