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TV-Kritik: Maybrit Illner : Kann Deutschland Integration?

  • -Aktualisiert am

TV-Moderatorin Maybrit Illner Bild: ZDF und Svea Pietschmann

Der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland behauptet, der Islam sei nicht integrierbar. In der Debatte bei Maybrit Illner stößt er mit der Behauptung auf Widerspruch.

          3 Min.

          Jens Spahn redet etwas abstrakt von Lösungen. Der stellvertretende AfD-Chef Alexander Gauland beschwört etwas abstrakt Probleme. Tania Kambouri, Polizeioberkommissarin aus Bochum, vermisst Respekt. Autorin Sineb El Masrar setzt auf andere Diskurse. Politikwissenschaftler Claus Leggewie sortiert die Diskurse und kartographiert das politische Management. Die Aktivistin Katharina Dittrich-Welsh beschreibt, wie die Lage in einem sozialen Brennpunkt aussieht, wo es hässlich und konkret zugeht.

          Alexander Gauland war in der hessischen Staatskanzlei ein Feinmechaniker des politischen Managements. Heute wirkt er wie ein Grobmotoriker: Der Islam sei nicht integrierbar, gehöre nicht zu Deutschland. Gauland qualifiziert die Religionszugehörigkeit von fünf bis sechs Millionen Menschen als Fremdkörper und instrumentiert eine Abstoßungsreaktion. Dass er keine Spuren des Islams in deutschen Museen findet, erstaunt. Wann war er zuletzt im Pergamonmuseum? Ist ihm der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Navid Kermani kein Begriff?

          Multikulti keine Verharmlosungsformel

          Finanzstaatssekretär Spahn betrachtet die Lage pragmatisch: Es gebe muslimische Bürger, die arbeiten, Kinder erziehen und Steuern zahlen. Gaulands Fremdkörperidee diene der Stimmungsmache. Claus Leggewie hat als Politikwissenschaftler den Multikulti-Begriff aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland importiert, nicht als Verharmlosungsformel. Er erinnert an die historischen Integrationsleistungen seit 1945: Heimatvertriebene, Gastarbeiter, Asylbewerber, Russlanddeutsche und nun die syrischen Flüchtlinge, die deutsche Nachkriegsgeschichte habe zahlreiche Integrationsprozesse erlebt.

          Tania Kambouri ist Polizeioberkommissarin in Bochum. Sie wurde bekannt durch einen Brandbrief in dem sie ihre Erfahrungen als Streifenpolizistin beschrieb, bezeugt darin die Folgen teilweise misslungener Integration. Es wäre ein fatales Missverständnis, darin eine polizeiliche Aufgabe zu erkennen, integrationspolitische Versäumnisse durch Anwendung unmittelbaren Zwangs zu beheben. Sie macht im Übrigen nicht den Eindruck, als ob sie sich nicht Respekt zu verschaffen wisse.

          Claus Leggewie verhilft dem Gespräch zu einer reichhaltigeren Idee von Integrationsproblemen. Es gebe dysfunktionale Familien, seltsame Erziehungsstile, verfehlte religiöse Erziehung, tribale Stammesstrukturen und patriarchalische Prägungen bei jungen Männern. Statistiken seien ungeeignet, ein zutreffendes Bild von der Vielfalt der Probleme zu vermitteln. Als Parallelgesellschaften seien auch die Panama Boys, die Freital-Gruppe oder Leute zu betrachten, die von Ufos und Chemtrails phantasieren. Die Gesellschaft der Bundesrepublik sei vielfältiger, als der aktuelle Integrationsdiskurs wahrnehme. Man komme dieser Vielfalt nicht näher durch statistische Verallgemeinerungen.

          Das strategische Denken der AfD

          Damit lockt Leggewie Gauland aus der Reserve. Das seien Banalisierungen. Es gebe Gruppen, die sich nicht integrieren, Stadtteile, die man nicht mehr betreten könne. Frankreich und England zeigten, wohin das führe. Die AfD will weder Minarette im deutschen Städtebild sehen noch Muezzine zum Gebet rufen hören. Gauland vernimmt aus dem Ruf zum Gebet einen territorialen Herrschaftsanspruch. So ermöglicht er einen Einblick in das strategische Denken der AfD. Erst erklärt sie den Islam zu einem kulturellen Fremdkörper. Dann ruft sie auf zum Widerstand gegen den Herrschaftsanspruch. So munitioniert sie eine politische Strategie des Aufstands und verkleidet sich in eine Truppe von Freiheitskämpfern.

          Wie gut, dass Jens Spahn auch diesen strategischen Anlauf ausbremst, indem er dafür plädiert, die theologische Ausbildung der Imame an deutsche Hochschulen zu holen und so einen Vorschlag von Leggewie aus dem Jahr 1990 endlich in die Tat umsetzt. Es wird wohl noch etwas dauern, bis die Imame tatsächlich auch in deutscher Sprache predigen.

          Handfeste Probleme

          Die Diskussion widmet sich nun handfesteren Problemen in einem Kaiserlauterer Wohngebiet: Schlichtestbauten aus den 50er Jahren, ohne warmes Wasser, ohne Bäder und Heizung, mit Toiletten auf dem Gang. Hier treffen mehrere Generationen sozialen Elends auf einander: von Obdachlosen bis zu Flüchtlingen. Katharina Dittrich-Welsh engagiert sich in diesem Wohngebiet. Sie hilft Menschen, die ausgegrenzt werden, kümmert sich um Kleider, Möbel, Essen und Geld, um Behördengänge, Sanierungen der Gebäude und gegen Versuche, aus Verteilungskonflikten am unteren Ende der sozialen Leiter politisches Kapital zu schlagen.

          Die Lage kann kaum trostloser sein. Es wäre fatal, nach der Erstunterbringung in den Turnhallen die Flüchtlinge in solche Problembezirke zu stecken. In Hamburg türmt man Probleme abermals vertikal durch Bau neuer Hochhäuser, während Berlin die Flüchtlinge dezentral über das Stadtgebiet verteilt unterbringt.

          Guter Wille wichtiger als Misstrauen

          Die Runde diskutiert schließlich die Eckpunkte des Integrationsgesetzes.Claus Leggewie stimmt nicht ein in die Kritik, dass es sich um ein Desintegrationsgesetz handele. Er plädiert aber für weniger Misstrauen, erinnert damit implizit an die amerikanische Praxis des guten Willens und weist die Vorstellung zurück, dass es sich bei Integration um eine Bringschuld handele. Tatsächlich erweise sich erfolgreiche Integration als ein unentwegter Aushandlungsprozess von Rechten, Pflichten, Interessen und sozialen Grundbedürfnissen, was seinen Ausdruck schließlich auch durch Integration in den Heiratsmarkt finde.

          Die AfD und ihr Parteivize Gauland wünschen dieser Pragmatik keinen Erfolg. Ihr politisches Geschäftsmodell setzt auf Angst und Sorgen. Gaulands oft beschworene Barbaren, die das weströmische Reich überrannten, sind kurioserweise, wie Leggewie erinnert, unsere Vorfahren. So kann man sich auch in Traditionen des Warnens verirren.

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