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TV-Kritik: Maybrit Illner : Illusion ist machbar, Frau Nachbar

ZDF-Moderatorin Maybrit Illner Bild: Picture-Alliance

„Scheitert Merkel an Europa?“ lautete das Thema bei Maybrit Illner. Doch sollte die Frage nicht besser lauten: Scheitert Europa an Merkel? Dass Angela Merkel die Kontrolle verloren hat, sagte jetzt wenigstens auch mal einer im ZDF.

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          Eines muss man Angela Merkel lassen: Sie hält ihren „Wir-schaffen-das“-Modus durch. Sie dürfte längst wissen, dass es so nicht weitergeht, doch hält sie offenbar den Zeitpunkt immer noch nicht für gekommen, das auch einzugestehen. Die Grenzen sind offen, der Zustrom von Flüchtlingen nimmt nicht ab,. Rund hunderttausend Menschen sind allein im Januar gekommen, nicht einmal ihre Registrierung ist gesichert. Aber noch immer ist die Rede von der großen Chance, die Deutschland durch den Zuzug vieler junger Menschen erwachse. Daran hat die überwiegende Mehrheit inzwischen berechtigte Zweifel. In Angela Merkels Partei werden Szenarien herumgereicht, wie es nach den Landtagswahlen am 13. März, bei denen es für die CDU nicht gut aussieht, auch ohne die Bundeskanzlerin weitergehen könnte.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch was wird sich bis dahin tun? Dass sie von dem europäischen Gipfel nichts erwarte, hat Angela Merkel bei ihrer Rede vor dem Bundestag schon einmal vorsorglich ausgedrückt. Sie will nicht nur nicht in eine Schlacht ziehen, die sie nicht gewinnen kann. Die Auseinandersetzung findet gar nicht statt. Dabei ist Warten keine Option. Den Kontrollverlust des Staates kann die Bundeskanzlerin nicht aussitzen. Verbündete hat sie in Europa kaum noch, innenpolitisch regiert sie mit der SPD, zustimmend begleitet von den Grünen.

          Naheliegende Frage ausgeklammert

          „Die mächtigste Frau Europas wirkt ziemlich machtlos“, sagte Maybrit Illner zu Beginn ihrer Sendung, in der es um die Bundeskanzlerin, die Flüchtlingskrise und Europa ging. Wie das wohl kommt, und warum sich Angela Merkel in dieser „splendid isolation“ einrichtet, als wäre es nichts, das wäre die naheliegende Frage gewesen. Doch die spielte in der Sendung kaum eine Rolle. Dass die Europäische Union mit der türkischen Regierung in diesem Moment nicht über Flüchtlingskontingente verhandeln kann, da das Land abermals von einem verheerenden Terroranschlag heimgesucht wurde, versteht sich. In einer Talkshow kann man freilich trotzdem nach den Ursachen für die jetzige Lage der Bundesrepublik, nach dem seltsamen Bündnis mit der Türkei und nach möglichen Lösungen fragen. Doch dazu ergab sich bei Maybrit Illner, die zumindest versuchte, analytisch zu werden, leider nichts.

          Das lag zum einen an dem SPD-Fraktionsführer im Bundestag Thomas Oppermann, der nicht nur in dieser Talkshow wie Angela Merkels persönlicher Pressesprecher auftrat. Und als solcher produziert er reichlich Worthülsen. Wie viele Flüchtlinge in diesem Jahr nach Deutschland kommen, sei vollkommen offen, sagte Oppermann. Die vielen Kinder, die dabei sind, seien „ein großes Glück“ für dieses Land. Alle, die kommen, wollten „in Frieden und Freiheit leben“, und zwar bei uns. Gleichwohl sei klar, dass die Bundesrepublik nicht noch eine Million Zuwanderer verkrafte. So definierte Oppermann wenigstens ex negativo, wovor sich Angela Merkel und „ihre“ SPD sonst scheuen: eine Obergrenze zu benennen.

          Alles nicht so easy

          Dass es bei Maybrit Illner jedoch  nicht einmal für eine zureichende Beschreibung des Ist-Zustands reichte, dafür sorgte nicht nur Oppermann, sondern vor allem die Textilunternehmerin Sina Trinkwalder, die offenbar nur ins Studio gekommen war, um den bayerischen Finanzminister Markus Söder und die CSU zu beleidigen. Angela Merkel, sagte sie, habe „etwas Großartiges geleistet“, es sei halt nur nicht „so easy“ mit den anderen europäischen Ländern. Humanität kenne keine Grenzen, kämen die Flüchtlingen in Ausbildung, sei es „schwuppdiwupp“ vorbei mit dem Facharbeitermangel. Man dürfe den Menschen nur nicht andauernd Angst machen, wie es die CSU unternehme. Die überhole die AfD rechts. Fazit: „Ja, wir schaffen das.“

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