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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Gestank, 25 Jahre gegen den Wind

Von der Linkspartei kann die AfD noch viel lernen. Zum Beispiel, wie ein Fisch zu einer klebrigen Angelegenheit werden kann. Oder wie man Ministerpräsident wird.

          3 Min.

          Wenn über eine rot-rote oder eine rot-rot-grüne Koalition getalkshowt wird, geht das ungefähr so:  Rot und Rot erklären, dass es nun aber gut sein müsse mit der Vergangenheitsmoral, dass viel passiert sei (so viel Positives!) und dass es doch schließlich um „die Sache“ gehe. Grün gibt sich bürgerrechtlich forsch, runzelt die Stirn, findet das eigentlich ganz furchtbar, aber es geht einfach nicht anders. Die CDU erinnert an die Vergangenheit, an die Stasi, an die Mauer, an den Todesstreifen und dass die Linkspartei noch immer nicht zugeben wolle, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Maybrit Illner wollte am Donnerstag über die sich anbahnende rot-rot-grüne Koalition in Thüringen reden, und sie bekam, was sie bekommen musste – denn sie wollte es offenbar nicht anders. Der rote Dietmar Bartsch und die rote Yasmin Fahimi erklärten, dass es nun aber gut sein müsse mit der Vergangenheitsmoral, dass viel passiert sei (so viel Positives!) und dass es in Thüringen doch schließlich um „die Sache“ gehe. Grün in Gestalt des Bürgerrechtlers Werner Schulz gab sich bürgerrechtlich forsch, runzelte die Stirn, fand das eigentlich ganz furchtbar, aber es geht einfach nicht anders. Die CDU war erst gar nicht erschienen, dafür die CSU, und Markus Söder erinnerte an die Vergangenheit und daran, dass die Linkspartei noch immer nicht zugeben wolle, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Soweit war diese Runde so vorhersehbar wie eine Runde über Rot-Rot-Grün nur sein konnte.

          Einen Unterschied gab es aber doch: Früher saß da noch jemand von der FDP, jetzt nicht mehr, dafür aber der AfD-Vorsitzende Bernd Lucke. Das führte zu einer kuriosen Konstellation: Lucke wurde von Illner so behandelt, als vertrete er die Nachfolgepartei eines ganz schrecklichen Regimes, während Dietmar Bartsch den jovialen Parteimanager spielen durfte, den nur noch Schulz aus der Reserve locken konnte – besonders hübsch war, als sich Schulz wieder einmal in Rage geredet hatte und Bartsch provozierte, indem er ihn fragte, was er wohl davon hielte, wenn eine Partei nicht eine „kommunistische Plattform“ (wie die Linkspartei), sondern eine „nationalsozialistische Plattform“ beherberge. Bartsch: Sie relativieren den Holocaust! Schulz (das ging leider unter): Und Sie die Millionen im GULag!

          Von Bartsch lernen, heißt siegen lernen

          Von Bartsch, so viel wurde während der Sendung klar, kann Lucke noch sehr viel lernen. Wie sich Bartsch windet, um den Satz zu vermeiden, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei, das ist schon große Kunst! Verglichen damit ist ein Fisch eine klebrige Angelegenheit. Und es stinkt auch so. 25 Jahre gegen den Wind.

          Bartsch hatte allerdings auch den Vorteil, Illner nicht als Gegnerin zu haben. Lucke dagegen musste sich noch dafür rechtfertigen, dass er vor Monaten das Wort „Entartung“ in den Mund genommen hatte - was ihm Illner irgendwie so auslegte, dass er Rechtsradikalität den Weg ebnen wolle.

          Bartsch dagegen musste sich nicht lange mit dem Gedanken Luckes aufhalten, warum die Linkspartei gegenüber Linksradikalen nicht so verfahre, wie die AfD mit Rechtsradikalen, nämlich allesamt per Ordnungsverfahren einfach auszuschließen. Bartsch reagierte darauf einfach so, als bestehe Radikalismus überhaupt nur aus Rechtsradikalismus, also aus Antisemitismus oder Rassismus. Linksradikalismus – nie gesehen! Was ist das? Bei uns?! Niemals! Man fragte sich, wie die DDR überhaupt je zustande kommen konnte.

          Nicht gestellte Fragen an Yasmin Fahimi

          Man fragte sich aber auch, worum es in dieser Sendung eigentlich ging. Ach ja: Thüringen! Bodo Ramelow! Der erste Ministerpräsident der Linkspartei! Skandal? Es wäre interessant gewesen, von Yasmin Fahimi zu erfahren, wie sie sich das schwache Ergebnis ihrer Partei in Thüringen erklärt, nachdem die SPD mit der Aussicht auf eine rot-rote Zusammenarbeit in den Wahlkampf gegangen war. Es wäre interessant gewesen, von ihr zu erfahren, wie die SPD punkten will als Steigbügelhalter der Linkspartei. Will sie die Linkspartei partout am Leben erhalten? Wo sind da die Unterschiede zwischen Osten und Westen? Wie will die SPD im nächsten Bundestagswahlkampf verhindern, in eine ähnliche Situation wie im Thüringer Wahlkampf zu geraten? Es wäre außerdem interessant gewesen, zu erfahren, warum die SPD in Thüringen ihre Mitgliederbefragung nicht nach, sondern vor Koalitionsverhandlungen mit der Linkspartei veranstaltet. Warum war das im Bund umgekehrt? Um der Linkspartei entgegenzukommen?

          Ja, was wäre nicht alles interessant gewesen!? Markus Söder redete sehr viel von Stabilität. Eigentlich redete er nur von Stabilität. Die es mit Ramelow nicht gebe. Die von der SPD gefährdet werde. Die Thüringen so dringend verdient hätte. Da hätte man schon gerne gewusst, was denn an der Ein-Stimmen-Mehrheit einer großen Koalition in Thüringen so viel stabiler wäre als an der Ein-Stimmen-Mehrheit der rot-rot-grünen Koalition. Oder was denn eigentlich für die CDU an einer Koalition mit der AfD so schlimm wäre. Oder wo denn nun eigentlich, da sie das nicht will und die FDP schon nicht mehr in Talkshows eingeladen wird, die Zukunftsperspektive der CDU liege. Etwa nur noch in großen Koalitionen? Oder etwa in einer Expertenregierung, wie sie Lucke noch zu Beginn der Sendung vorgeschlagen hatte, womit er mehr über sein Politikverständnis aussagte als alles, was Illner ihm aus der Nase zu ziehen suchte.

          Zum Schluss wurde Matthias Jung, Leiter der Forschungsgruppe Wahlen, die interessante Frage gestellt, warum so viele Wähler in Thüringen von der Linkspartei zur AfD gewechselt waren. Wiederum interessanter wäre die Frage gewesen, warum die AfD nicht nur von den Wählern der Linkspartei, sondern eigentlich aller Parteien profitierte. Und warum so wenig Wähler zur Wahl gegangen waren. Ja, alles interessante Fragen. Aber nichts für Illners Stammtisch.

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