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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Geschichte als Zufallsprodukt

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Neben dem Gewissen sind allerdings noch weitere Kollateralschäden zu befürchten. Das betrifft nicht zuletzt die Paradoxien der politischen Rhetorik. So freute sich Frau Böttinger auf die bevorstehende Verehelichung mit ihrer Partnerin, die zur Zeit in Burundi „Gutes tut“, wie sie es formulierte. Zugleich versuchte sie, die Ängste vor der „Ehe für alle“ mit einem interessanten Argument zu widerlegen. Es würden ja damit nicht die Hottentotten einfallen. Die leben zwar im früheren Deutsch-Südwest - heute Namibia genannt -, aber Gutes in Burundi zu tun, um gleichzeitig vor den Hottentotten zu warnen, dokumentierte immerhin die Tücken politisch korrekter Redeweise.

Kretschmer hätte sich das sicherlich nicht erlauben dürfen. Ernster zu nehmen war dagegen Frau Böttingers Hinweis auf die anderen europäischen Staaten, die schon längst die Verehelichung gleichgeschlechtlicher Paare ermöglicht haben. Nur haben diese nicht unser Grundgesetz mit einem Interpreten namens Bundesverfassungsgericht. Das hat ab heute ein ernstes Problem. Es soll die klassische Begründung der Erzeugung neuen Lebens für das Privileg der Ehe zwischen Mann und Frau aufheben, muss aber nun das neu hinzukommende Privileg gleichgeschlechtlicher Partnerschaften gegenüber anderen Lebensformen (etwa von Geschwistern) verfassungsrechtlich begründen.

Das wird kaum gelingen, wie nicht die Diskussion zwischen dem sechzehnjährigen Raphael Zinser und der konservativen Ehe-Aktivistin Hedwig von Beverförde zeigte. Der junge Mann ist in einer homosexuellen Partnerschaft zweier Männer aufgewachsen. Es hat ihm nicht geschadet, trotz seines eher konservativen Auftritts in Anzug und Krawatte. Warum sollte es auch? Schließlich war die erzieherische Kompetenz noch nie vom Trauschein oder der sexuellen Orientierung abhängig. So stand Frau von Beverförde auf verlorenem Posten, obwohl sie gerade nicht empirisch argumentierte. Ihr ging es vielmehr um das Familienideal der klassischen Ehe, das aber in Wirklichkeit schon längst obsolet geworden ist.

Die gestern Abend wiederholt erwähnte Verbindlichkeit ist gerade nicht das, was moderne Beziehungen auszeichnet. Die Ehe ist schon längst zu einem bloßen Lebensabschnitt mit offenem Ausgang geworden, den man auch wieder beenden kann, ohne dass erst der Tod zwei Menschen scheiden muss.

Ideal mit Verfassungsrang

Robin Alexander machte das Problem an einem Beispiel deutlich. Seiner Meinung nach gehe es etwa in der umstrittenen Adoption durch gleichgeschlechtliche Partnerschaften schon längst nicht mehr um das „Wohl von Kindern“, sondern um das Recht auf Kinder. Hier wurde erkennbar, worum es in der „Ehe für alle“ in Wirklichkeit geht. Gerade nicht um das Ideal von Ehe und Familie, die „unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ stehen, wie es das Grundgesetz immer noch formuliert. Es dominiert längst das Ideal der individuellen Selbstverwirklichung, dem sich Ehe und Familie unterzuordnen haben.

Dabei ist zwischen Hetero- und Homosexuellen kaum noch ein Unterschied festzustellen. Noch nicht einmal in der Verbissenheit, wie sich manche Aktivistinnen der klassischen Ehe und leidenschaftliche Befürworter der „Homo-Ehe“ um die Deutungshoheit über dieses Ideal mit Verfassungsrang bemühen. Es stammt bekanntlich aus dem Jahr 1949. Bisweilen hörte sich die Familienidylle beider Seiten sogar an als wäre sie aus einem Heimatfilm der frühen Bundesrepublik entsprungen.

Und so wird der deutsche Bundestag heute zufällig und ohne erkennbaren Plan eine historische Entscheidung treffen. Welchen Einfluss das auf die Bundestagswahl haben wird, ist kaum zu kalkulieren. Aber eines ist sicher: Ohne diese Wahl am 24. September hätte es die Entscheidung am heutigen Freitag nicht gegeben. Die Gewissensnöte von Politikern spielten in diesem fürwahr großen Kino übrigens keine Rolle.

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