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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Gebrüll statt Diskussion

  • -Aktualisiert am

Toprak erklärt das Ergebnis des Referendums in Deutschland anders. Die Ja-Stimmen kämen von türkischen Reichsbürgern, die der neoosmanischen Ideologie Erdogans ergeben seien. Mag sein, dass er mit dieser Charakterisierung den Wählern zu viel der Unehre antut. Serap Güler, CDU-Landtagsabgeordnete in Nordrhein-Westfalen, erklärt den Erfolg mit Erdogans Appell an den türkischen Nationalstolz. Vielen Wählern sei es gar nicht darum gegangen, was in dem Verfassungsentwurf stehe. Diskriminierungsgefühle hätten bei der Entscheidung keine Rolle gespielt. Die geringe Zahl von dreizehn Wahllokalen in den Konsulaten und der Botschaft erkläre nicht die große Zahl der Nichtwähler. Nicht die Erreichbarkeit des Wahllokals habe eine Rolle gespielt, eher die Sorge, beim Vorzeigen des Passes diesen gleich abgenommen zu bekommen.

Erdogan hat den kleinen Mann stark geredet

Mustafa Karadeniz, türkischer Unternehmer aus Berlin, vermittelt ein anderes Bild. Seine Frau habe mit ja, er mit nein gestimmt. Ein eheliches Patt. Erdogan habe den kleinen Mann stark geredet. Imame, die Koranschüler nach den politischen Einstellungen ihrer Eltern befragen, findet er nicht gut. Dass viele Türken sich ausschließlich über türkische Zeitungen und Sender informieren, das gelte auch für Angehörige anderer Nationalitäten. Eine neue Qualität gewinnt die Arbeit türkischer Nationalisten mit der Gründung der Partei „Allianz deutscher Demokraten“, die der Erdogan-Unterstützer Remzi Aru 2016 gegründet hat und die nun erstmals in Nordrhein-Westfalen für den Landtag kandidiert. So werden Vakanzen besetzt, die deutsche Parteien vernachlässigt haben.

Es wirkt wie ein Rückzugsgefecht von verlorenen Posten, als Maybrit Illner nach politischen Versäumnissen fragt. Die Islamkonferenz jedenfalls scheint in eine Sackgasse geführt zu haben. Ein Neuanfang in der Integrationspolitik wird kaum gelingen, indem man nach vermeintlich richtigen Akteuren sucht. Das Angebot muss allen gelten.

Exilangebot für säkulare Akademiker

Die Beziehungen der Europäischen Union zur Türkei werden noch komplizierter, wenn Erdogan die Einführung der Todesstrafe ebenfalls zum Gegenstand eines Referendums macht. In Deutschland dürfe es keinesfalls zu einer Abstimmung kommen, mahnt Frau Güler. Die Beitrittsverhandlungen abzubrechen wirkt vor diesem Hintergrund nicht einmal mehr als leere Drohung. Sie scheint sich auch eher an ein europäisches Publikum zu richten, das bei schlechter Laune gehalten werden will. Weitsichtiger könnte schon bald etwas Anderes werden: ein großzügiges Exil-Angebot für säkulare türkische Akademiker, die seit vergangenem Jahr von Berufsverboten betroffen sind. Sie könnten die Integrationspolitik nachhaltiger voran bringen als viele halbherzige Programme.

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